merken
PLUS Sport

Messners neue alte Widersprüche

„Mein Schlüsselberg Nanga Parbat“ heißt das neueste Buch von Reinhold Messner. Den Schlüssel im Schloss zu vielen unbeantworteten Fragen dreht er nicht.

Der Nanga Parbat ist 8.125 Meter hoch und so etwas wie Reinhold Messners Schicksalsberg. An der Diamir-Seite (hier im Bild) sind Messner und sein Bruder Günther 1970 abgestiegen. Dabei verunglückte Günther tödlich. Die Umstände sind umstritten.
Der Nanga Parbat ist 8.125 Meter hoch und so etwas wie Reinhold Messners Schicksalsberg. An der Diamir-Seite (hier im Bild) sind Messner und sein Bruder Günther 1970 abgestiegen. Dabei verunglückte Günther tödlich. Die Umstände sind umstritten. © Archiv Heichel

Von Wolfgang Heichel

Das neueste Werk von Reinhold Messner mit dem Titel „Mein Schlüsselberg Nanga Parbat“ ist im Frühjahr erschienen. Bei keinem anderen Berg, so heißt es in der Werbeschrift seines Verlags, liegen Erfolg und Tragödie so nah beieinander. Und bei keinem anderen Berg vereint sich für Reinhold Messner beides so schicksalhaft wie beim 8.125 Meter hohen Nanga Parbat.

Anzeige
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus

Bio-Zutaten geben Plätzchen zu Weihnachten eine ganz besondere Note und versüßen die Backfreuden im Advent.

Im Sommer 1970 nimmt er mit seinem Bruder Günther an einer Nanga-Parbat-Expedition teil. Es ist ihr erster Achttausender, und als Erste durchsteigen sie die höchste Steilwand der Erde, die Rupal-Wand. Sie erreichen den Gipfel, doch beim Abstieg über die Diamir-Flanke reißt eine Lawine Günther in den Tod. Acht Jahre später gelingt Reinhold Messner an der Diamir-Wand die erste Alleinbesteigung eines Achttausenders.

Die Luftaufnahmen in dem Buch zum 50-jährigen Jubiläum der Besteigung sind sehr gelungen und haben einen hohen dokumentarischen Wert. Doch textlich gibt es außer einigen neuen Sprüchen nichts bedeutend Neues. Besonders mangelhaft ist, dass frühere Expeditionen zur Diamir-Flanke einfach vergessen wurden.

Auch die Karte, im Innenumschlag vorn und hinten, ist in vielen Bereichen sehr oberflächlich. Sie entspricht nicht dem Relief der Diamir-Flanke, die Felsgrate des gesamten Gebietes sind nicht realistisch dargestellt.

Reinhold Messners Bruder Günther starb 1970 am Nanga Parbat im Himalaya bei einer gemeinsamen Besteigung.
Reinhold Messners Bruder Günther starb 1970 am Nanga Parbat im Himalaya bei einer gemeinsamen Besteigung. © Frank Rumpenhorst/dpa

Nach den vielen Prozessen, die Reinhold Messner gegen den damaligen Expeditionsleiter Karl-Maria Herligkoffer und die Expeditionskameraden Max von Kienlin und Hans Saler führte, erwartet der Leser, dass er den Schlüssel im Schloss zu seinem Schlüsselberg dreht und eine eindeutige Schilderung der wichtigsten Phasen der Expedition von 1970 dokumentiert. Nach wie vor steht für mich nur fest, dass Reinhold Messer überlebt hat, Leichenteile von Günther gefunden und von seinem Bruder widerrechtlich verbrannt wurden.

Da nach wie vor massive Unklarheiten existieren, schrieb ich ihm im Januar eine E-Mail mit Fragen zu seinen Darstellungen des Abstiegs vom Gipfel. Nun erhielt ich eine Antwort, die bezeichnend für ihn ist:

„Sind Sie nicht der, der meine Nanga-Parbat-Besteigung 1970 völlig falsch dargestellt hat? Inzwischen ist vielfältig bewiesen, dass Saler und von Kienlin gelogen haben. Wo bleibt Ihre Richtigstellung, wann endlich kommt Ihre Entschuldigung? Zu beiden Abstiegsrouten 1970, 1978 gibt es Dokumentationen – ob diese für Sie nachvollziehbar sind oder nicht, spielt keine Rolle. Ahnungslose sollten schweigen, wenigstens Falschaussagen unterlassen.“

Zudem macht Messner einen Denkfehler: Wie kann ich oder andere eine Richtigstellung formulieren, wenn er fast jede Situation am Berg in seinen Äußerungen laufend unterschiedlich darstellt?

Die wichtigsten Widersprüche:

Hier nun die, aus meiner Sicht, wichtigsten Widersprüche samt Belegen.

An der Gratscheide zwischen Rupalwand (Südwand) und der Diamirflanke (Nordwestwand) biwakierten wir. Ein mörderisches Biwak in 8.000 Metern Meereshöhe. Die härteste Nacht meines Lebens! (aus Messners Buch „Berge versetzen“, Seite 76)

„Die erste Biwaknacht (...) war fürchterlich. Ein Wunder, daß Günther überlebte. Am Morgen rief ich aus der Merklscharte (...) um Hilfe.“ (Messner: „Die rote Rakete am Nanga Parbat“, S. 160)

Es war unmöglich, dass Reinhold Messner mit seinem Bruder die Merkl-Scharte auf 7.800 Metern bis zum Einbruch der Dunkelheit, spätestens 20 Uhr, erreicht haben konnte. Das wären 325 Höhenmeter auf 8.000 Meter Höhe in knapp zwei Stunden. Bis zur Rampe in etwa 8.042 Metern war ihr Abstieg möglich. Dort fand am nächsten Tag auch Felix Kuen eine Stirnlampenbatterie, die nur von Reinhold Messner stammen konnte. Weiter konnte es der höhenkranke und total geschwächte Günther nicht schaffen. Jeder Schritt war für ihn eine Qual.

Bei einem Interview mit dem britischen „Guardian“ sagte Reinhold Messner: „I left my brother a bit below the summit“. Übersetzt: „Ich verließ meinen Bruder ein Stück unterhalb des Gipfels.“ In einem anderen Interview äußert Messner zur Frage nach seinem Bruder Günther jedoch: „Er wurde höhenkrank und ist abgestürzt.“

Wolfgang Heichel ist Berghistoriker und lebt in Kamenz. Sein Spezialgebiet ist der Nanga Parbat. Eine Chronik der Erschließung dieses Berges hat er 2013 als Buch im Eigenverlag herausgebracht.
Wolfgang Heichel ist Berghistoriker und lebt in Kamenz. Sein Spezialgebiet ist der Nanga Parbat. Eine Chronik der Erschließung dieses Berges hat er 2013 als Buch im Eigenverlag herausgebracht. © privat

Im Gegensatz dazu gibt es auch die eidesstattlichen Erklärungen von Reinhold Messner vom 27. Juni 2003 mit folgendem Wortlaut: „Er hat sich allerdings beim Abstieg aus der Todeszone des Berges wieder soweit erholt, dass wir gemeinsam bis auf ca. 6.000 Meter Höhe ins Diamir-Tal absteigen konnten.“ „Die Überschreitung des Nanga Parbat war daher – jedenfalls bis zur Höhe von ca. 6000 Meter – kein Alleingang von mir.“

Um seinen Bruder zu finden, führte er im Jahr 1971 dann eine Expedition zur Diamir-Seite des Nanga Parbat durch. Im Diamir-Tal suchte er knapp zwei Tage. „Ich schätze, ich bin vier bis fünf Quadratkilometer abgegangen. Umsonst.“ (Messner: „Mein Leben am Limit“, S. 100) Messner will also in knapp zwei Tagen die Größe von circa 1.000 Fußballfeldern abgegangen sein. Und dies nicht etwa auf ebenem und übersichtlichem Gelände, sondern in einem Bereich von Eisbrüchen, Lawinenkegel und Felsabbrüchen. Das ist schlicht unmöglich!

Außerdem sagte Messner später einmal: „Die Aussage, dass es eine Lawine war, die meinen Bruder begraben hat, war in dieser Eindeutigkeit sein Vorschlag.“ (Focus 24/2003, S. 48) Gemeint ist Max von Kienlin. Also wusste Messner nicht, wo sein Bruder ums Leben kam. Dabei war er ja angeblich mit Günther bis zum Wandfuß gemeinsam abgestiegen.

Die Totenruhe verletzt

Für die Expeditionsteilnehmer Saler, Kienlin und Bauer ist der Fundort kein Problem, da sie einen kontinuierlichen Schnee- und Eisstrom, ja sogar einen „Gletscherfluss“ vom Gipfel bis zum Wandfuß annehmen. Falsch, sagt Messner, der als Einziger von ihnen dort oben war, da fließt nichts, da sei nur Fels. (Märtin: „Nanga Parbat“, S. 433)

In einem Video sieht man wenige Meter von der angeblichen Fundstelle der Leichenteile von Günther die Leiche des Koreaners Park Chang-Gi, der 1990 in einer Höhe von etwa 7.400 Meter in eine Gletscherspalte fiel. Wie der Leichenfund des Koreaners zeigt, fließt doch etwas!

Schließlich die meiner Meinung nach illegal außer Landes gebrachten Proben, mit denen in Innsbruck später festgestellt wurde, dass die Leichenteile von Günther stammen. Die Zerlegung dieser am angeblichen Fundort fand bis aufs höchste pietätlos unter Beobachtung von Einheimischen und den Teilnehmern einer Reisegruppe statt. Fünf DNA-Proben wurden entnommen und von Messner nach Europa geschmuggelt. (Focus 21/2006, S. 208)

Weiterführende Artikel

Extreme Abenteuer an der Elbe

Extreme Abenteuer an der Elbe

Die Dresdner Filmnächte zeigen, wie mit „Stalins letzter Rache“ ein Trip von Halle nach New York gelingt. Und auch Reinhold Messner kommt zu seinen Sachsen.

Messner: "Menschen sind nicht die Könige der Welt"

Messner: "Menschen sind nicht die Könige der Welt"

Der Bergsteiger Reinhold Messner kommt nach Dresden und bringt Eindrücke von der schlimmsten Expedition seines Lebens mit. Ein Interview vorab.

Gibt es das Bergsteiger-Gen?

Gibt es das Bergsteiger-Gen?

Michael Ruhland hat Ikonen der Bergwelt interviewt und Gemeinsamkeiten gefunden.

„Die Welt ist nicht zu retten“

„Die Welt ist nicht zu retten“

Reinhold Messner wünscht sich, dass Verzicht ein positiver Wert wird. Er handelte als Bergsteiger danach und hadert doch. Ein Interview.

Damit wurde die Totenruhe von Günther in höchstem Maße verletzt! Dazu kommt noch die Feuerbestattung nach buddhistischem Vorbild in einem islamischen Land. Das ist auf jeden Fall strafbar, denn in Pakistan ist die Feuerbestattung verboten. Doch Messner tut es. Dabei schreibt er in einem Brief vom 22. März 1982: „Dieses Land, das wir als Gäste betreten, sollten wir unverändert verlassen.“ Warum aber hält er sich nicht selbst daran?

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

Mehr zum Thema Sport