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Landtagswahl 2019

Der Unermüdliche

Michael Kretschmer ist Sachsens Ministerpräsident und will das auch bleiben. Im Sommer 2019 kein leichtes Unterfangen für einen Politiker der CDU.

Michael Kretschmer (44), der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen, ist vorige Woche unterwegs zu einem Wahlforum in Görlitz.
Michael Kretschmer (44), der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen, ist vorige Woche unterwegs zu einem Wahlforum in Görlitz. © Florian Gärtner

In Zwickau herrscht an diesem Augusttag bestes Wahlkampfwetter. Das „Team Kretschmer“ hat die mobile Bühne mit dem großen Konterfei des CDU-Landesvorsitzenden und sächsischen Ministerpräsidenten schon frühmorgens auf der Inneren Plauenschen Straße 33 aufgestellt. Ein guter Standort – es ist das Einfallstor zu den Läden in der City. Auch das Warten auf den angekündigten Kandidaten sorgt heute nicht für Unmut. Gleich mehrere mit allerlei bunten Werbegimmicks prall gefüllte Stehtische sorgen für genug Interesse. Noch sind viele Einkaufstaschen schließlich leer.

Während in Zwickau die ersten Kugelschreiber und Frisbee-Scheiben mit CDU-Logo die Besitzer wechseln, sitzt Michael Kretschmer noch im Kleinbus seiner Partei. Unterwegs zu diesem Termin. Fünf werden bis zum Abend folgen. Es ist die 86. Woche, seit sich für den Politiker alles verändert hat. Der im Herbst 2017 eigentlich nur sein Bundestagsmandat im Görlitzer Heimatwahlkreis verteidigen und danach weiter als sächsischer Abgeordneter in Berlin erfolgreich Strippen ziehen wollte. Nach fünfzehn Jahren in der Bundeshauptstadt galt er dort als bestens vernetzt und als einer, aus „dem noch viel werden könnte“.

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Die Telefonnummern aus jener Zeit helfen dann heute noch. Geworden ist er inzwischen aber das, was Ende 2017 kaum jemand erwartet hätte. Michael Kretschmer, dessen Wahlkreis überraschend ein lokaler AfD-Konkurrent eroberte, galt zu diesem Zeitpunkt als Verlierer ohne Plan B. Den hatte damals Sachsens CDU. Den Kandidaten halb geschubst, halb gezogen, präsentierte man Kretschmer der Öffentlichkeit überraschend als Nachfolger für den zurückgetretenen Ex-Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich. Die Partei brauchte wieder Hoffnung und ein neues Aushängeschild. Der geschlagene Ex-Bundestagsabgeordnete versprach beides.

Nach 20 Monaten gilt das Experiment als nicht gescheitert, im Gegenteil. Gut möglich, dass es funktioniert. Deshalb ist Kretschmer seit Wochen in zwei Missionen unterwegs – als Regierungschef im Anzug und mit Krawatte und als Wahlkämpfer mit offenem Hemd und abgelegtem Jackett. 

Zwickau ist ein Termin ohne Anzugjacke. Routine ist aber nie. Zu dem Zeitpunkt im Kleinbus weiß der Kandidat noch nicht, dass ihn vor Ort diesmal auch ein aus Thüringen stammender Facharzt für Psychiatrie erwartet. Der wird ihn auf offener Straße minutenlang mit dem Vorwurf konfrontieren, Sachsens Behörden und die Justiz seien unterwandert. Von Scientology und von der CIA. Dabei wird er oft mit dem Zeigefinger vor Kretschmers Gesicht hantieren, aber stets betont gefasst sprechen. Auch, als er sich mehrfach erkundigt, ob Kretschmer selbst CIA-Agent ist. Schließlich dreht sein Mitstreiter ein Video, das später auf Youtube gestellt tausendfach angeklickt wird. Kretschmers Wahlkampf ist augenscheinlich für viele da.

Es ist fast Mittag, als der 44-jährige CDU-Spitzenkandidat, den viele Sachsen nur von Plakaten und aus dem Fernsehen kennen, plötzlich zwischen den Stehtischen auftaucht. Mancher Umstehende wirkt erschrocken. Zwei Damen, deutlich älter als Kretschmer, mustern ihn aufmerksam, um sich dann zuzuraunen. „Der ist aber klein.“ Es klingt erstaunt, offenbar hatten sie einen maskulinen Riesen erwartet, der sich nun aber als völlig normal erweist. Zu normal.

Auf dem Boulevard bildet sich ein etwas zu großer Kreis, in dessen Mitte allein jener Mann steht, der Ministerpräsident im Freistaat ist und das auch gern bleiben würde. Ein kleiner Scherz lockert die Stimmung. „Abstimmung, wer von Ihnen will, dass ich eine Rede halte und wer will gleich mit mir ins Gespräch kommen?“ Kunstpause. „Ich kann beides“, versichert der Gast. Das kommt gut an. Zuerst soll er reden.

Das tut Michael Kretschmer nur allzu gern. Denn er hat Pläne. Viele Pläne, von denen er überzeugt ist, dass sie gut sind für den Freistaat und dessen Bürger. Seit Amtsantritt drängelt er nun schon. Neue Konzepte für alles: die Schulen, die Polizei, den Nahverkehr, für eine bessere medizinische Versorgung und ein attraktiveres Leben auf dem Land. Nicht jede schnell geborene Idee scheint ausgereift, allein, möglich ist vieles. Der Freistaat ist schließlich nicht arm. „Ich bin selbst erstaunt, was alles geht. Wir müssen nur machen“, macht der Kandidat sich und seinen Zuhörern auf der Inneren Plauenschen Straße in Zwickau Mut. 

Dafür wirbt er. Jetzt im Wahlkampf ganz besonders. Überall, unermüdlich, mit allen Mitteln. Wie persönlich er die Aufgabe nimmt, zeigt ein vielgenutztes Plakatmotiv. Darauf Kretschmer und seine Lebensgefährtin Annett Hofmann. Beide sitzen auf einer Felsspitze bei Hinterhermsdorf in der Sächsischen Schweiz, von der man weit ins Land blicken kann. Dazu der zweideutige Slogan: „Mit Liebe. Für Sachsen.“

© SZ/Daniel Krüger

Was Kretschmer dagegen nicht hat, ist Zeit. Woche für Woche wächst der Druck durch immer neue Umfragen, die für den 1. September zur Landtagswahl allesamt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der dauerregierenden sächsischen CDU und der dauerkritisierenden AfD des Freistaates voraussagen. Lange lagen die Konkurrenten gleich auf, zuletzt konnte die CDU etwas vorlegen. Es ist ein zäher Wettlauf um die Köpfe und um die Frage, wem traut der Wähler am Ende mehr zu?

CDU-Mann Michael Kretschmer sieht sich dabei gleich an zwei Fronten kämpfen. Da ist zuerst die AfD, der er vehement vorwirft, bewusst ein Zerrbild von Sachsen zu verbreiten, das in den Köpfen der Menschen viel Unheil anrichte, weil es gezielt für Unmut sorgt. Unmut, den der Christdemokrat für unberechtigt hält. „Sie kriegen vorgespielt, dass sich seit 2015 nichts verändert hat im Land. Viele sind nur noch in einer Filterblase im Internet unterwegs und ignorieren die Wirklichkeit.“ 

Kretschmer sagt, er will diese Menschen nicht aufgeben. „Ich will einen vernünftigen Umgang und nicht eine Hysterie, die uns allen schadet.“ Gegen Filterblasen würden beispielsweise Gespräche helfen. Er räumt aber auch sofort ein. „Die paar Tage bis zur Wahl werden dafür nicht reichen.“

Und dann sind noch diese Politik in Berlin, die Große Koalition und die Kanzlerin. Und nicht gehaltene Versprechen. Zum Beispiel das von der zügigen Einführung einer Grundrente, die nun doch nicht vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg kommen wird. Vielleicht sogar nie, denkt mancher Bürger auch im Freistaat enttäuscht. Was er davon hält, wird das künftige Wahlergebnis zeigen. Kretschmer bleibt vorab nur der Appell. „Wer meint, ich habe es in den vergangenen Monaten vergeigt, soll mich auch nicht wählen. Aber bitte nicht aus Protest gegen Angela Merkel. Das hat Sachsen nicht verdient.“ Er sagt das regelmäßig. Besonders oft nach den Nachrichten der Tagesschau.

© dpa-Zentralbild

Als Wahlkämpfer reist er warnend und mahnend durchs Land. Die Landtagswahl, das müsse jedem Bürger klar sein, sei allein eine Entscheidung über Sachsens Zukunft. „Ich aber möchte nicht am 2. September aufwachen und sehen, dass unser Land alles ausbaden muss.“ In Berlin und anderswo werde man dann nämlich nur kurz den Kopf darüber schütteln, dass „in Sachsen nun so komische Verhältnisse herrschen“ und danach zur Tagesordnung übergehen. „Auslöffeln müssen allein wir die Suppe, wenn unser Land vom Kurs abkommt.“

Sein Problem: Die schlechte Stimmung unter den längst Unzufriedenen bleibt. Fakten helfen kaum. Die Meldung, wonach Sachsen im bundesweiten Bildungsmonitor das 14. Mal hintereinander Sieger wurde? Abwinken. Die niedrigste Pro-Kopf-Verschuldung aller Bundesländer? Oder jetzt erst im Vormonat Juli die niedrigste Arbeitslosenquote seit 1991? Meist folgen viele Aber. Selten eine Anerkennung.

Auch für Zwickau hat Michael Kretschmer an diesem warmen Augusttag eine frohe Botschaft. Noch am Morgen habe er sich mit dem VW-Chef in Dresden getroffen. Man habe über das örtliche Automobilwerk gesprochen, über Elektromobilität und die Sicherung von Arbeitsplätzen. Also, so versichert der Politiker, über eine erfolgreiche Zukunft für die Stadt und ihre Bewohner. Am Ende gibt es Beifall. Nicht frenetisch, aber immerhin. Der Stehkreis um ihn hat sich längst aufgelöst. Die Zwickauer gehen auf Tuchfühlung. Nicht wenige finden freundliche Worte. „Danke! Es wäre gut, wenn Sie Ministerpräsident bleiben.“ Oder die Ansage: „Ich werde sie wählen!“

Wahlkampfauftritt der CDU zur Europawahl am 20.05.2014 in Görlitz mit Angela Merkel, Stanislaw Tillich und Michael Kretschmer (v.l.n.r.).
Wahlkampfauftritt der CDU zur Europawahl am 20.05.2014 in Görlitz mit Angela Merkel, Stanislaw Tillich und Michael Kretschmer (v.l.n.r.). © Nikolai Schmidt

Angesprochen wird Michael Kretschmer auch heute auf viele Dinge. Der 80-jährige Herr Deckert – wie er erzählt, sein Leben lang erfolgreich Geflügelzüchter – will wissen, was gegen Kreuzfahrtschiffe unternommen wird, die die Luft verpesten. Anderen geht es um Bürokratie, den Schulstandort oder Ärger mit den örtlichen Verwaltungen. Der Inhaber einer Heizungsfirma mit 15 Mitarbeitern erkundigt sich nach Ideen gegen den Personalmangel. „Mit Leuten aus anderen Kulturkreisen“, so beugt er einer vermuteten Antwort gleich vor, „funktioniert das nicht.“ Er sagt es eindringlich, aber nicht vorwurfsvoll.

Vorwürfe kommen von einem Passanten. Der schimpft plötzlich los. Über den Staat, mangelnde Meinungsfreiheit und lügende Medien. Und er stellt Kretschmer eine Frage: „Was haben Sie gegen die AfD?“ Der CDU-Mann antwortet ruhig. „Die AfD sagt zum Beispiel, ich bin ein Volksverräter.“ Er wolle sich aber nicht derart beschimpfen lassen. Der Mann winkt ab. Hier seien doch nur Parteifreunde versammelt. Er geht, als der Ruf erschallt, „Nein, wir sind alle freiwillig hier“ und niemand in der Runde widerspricht.

Für Kretschmer läuft es gut. Zunächst. Dann schlägt ihm wieder jener Satz entgegen. „Sie sprechen ja wie ihre Partei“, hält ihm einer vor. Ein brisanter Vorwurf, der einiges über die Kluft sagt, die den Kandidaten und den CDU-Landesverband im öffentlichen Meinungsbild trennt. Das sächsische Wahlvolk hat eine klare Meinung. Kretschmer? Ja. Die Sachsen-CDU? Äh, eher nicht so. 63 Prozent der Bürger sind derzeit mit der Arbeit des Ministerpräsidenten zufrieden oder sehr zufrieden. Dessen Riesenproblem: Die eigene Landespartei schafft bei Wahlumfragen nicht einmal die Hälfte der Zustimmungswerte ihres Chefs.

Für dieses Foto haben wir ganz tief im Archiv gekramt: Kretschmer als Bundestagsabgeordneter 2004 in der Lobby des Reichstagsgebäudes in Berlin. Damals war er 29 Jahre alt.
Für dieses Foto haben wir ganz tief im Archiv gekramt: Kretschmer als Bundestagsabgeordneter 2004 in der Lobby des Reichstagsgebäudes in Berlin. Damals war er 29 Jahre alt. © Bernd Settnik / dpa

Der Wettlauf ums Amt und um eine erneute Regierungsmehrheit ist damit längst nicht entschieden. Kretschmer hat sich vorab festgelegt: Kein Bündnis mit der AfD oder der Linkspartei. Er wird eine andere Machtkonstellation liefern müssen. Wohlwissend, dass einige in der eigenen Partei gerade zur AfD lieber den Mund halten, um für die Tage nach der Wahl mehr Optionen zu haben. Nach Zwickau geht es noch nach Leipzig, nach Stollberg, nach Freital. Jeden Tag neue Anläufe.

Dass Wahlkampf heiser macht, erfahren am Abend die Besucher des Sommerfests des Diakonischen Werkes in Borsdorf bei Leipzig. Es ist für den Spitzenkandidaten eher ein Heimspiel, getrübt allein durch die besorgten Mienen der lokalen CDU-Prominenz. Die erleben den Wahlkämpfer dafür bei einem seltenen persönlichen Moment. Der Anlass ist ein Präsentkorb für den Ehrengast. Verlegen rettet der sich in eine Episode. Seine Frau sei ja zurzeit mit den beiden Söhnen in den Ferien, bombardiere ihn aber via Telefon mit Aufträgen. Einer davon: Bei ihrer Rückkehr müsse der Kühlschrank gefüllt sein. „Dank Ihnen“, Kretschmer hebt den Korb hoch, „habe ich ja nun wenigstens das erfüllt.“

Aufgewachsen ist Kretschmer im Görlitzer Stadtteil Weinhübel. "Dort war ich immer auf Achse. Das sind tolle Erinnerungen an eine schöne Kindheit!“, sagt er.
Aufgewachsen ist Kretschmer im Görlitzer Stadtteil Weinhübel. "Dort war ich immer auf Achse. Das sind tolle Erinnerungen an eine schöne Kindheit!“, sagt er. © privat

Einen Tag später endet die Werbetour im Freitaler Sport- und Freizeitzentrum „Hains“. Wieder mit heiserer Stimme. Da wird es noch einmal anstrengend. Vor Ort erwartet ihn der langjährige Sportmoderator Waldemar Hartmann, der die CDU im Wahlkampf unterstützen will, wie er dem Publikum erklärt. Einmal das Mikro in der Hand hat „Waldi“ die Politik aber scheinbar vergessen. Über den angemieteten Tennisplatz hallen Anekdoten aus seiner früheren Fernsehzeit und über sein „Weibi“, wie der aus Bayern stammende Hartmann den Sachsen bajuwarische Liebesbegriffe erklärt. 

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