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„Nie wieder Wahlhelfer“

Einige Freiwillige machen ihrem Ärger Luft: Sie berichten von zwölf Stunden Arbeit und kritischen Zähl-Ergebnissen. 

Bis spät in die Nacht hat Josephine Schneider Stimmen ausgezählt. Jetzt fragt sie sich, ob die Ergebnisse stimmen können. Sie berichtet von übermüdeten Freiwilligen. Und erklärt: Als Wahlhelferin würde sie nicht wieder einspringen.
Bis spät in die Nacht hat Josephine Schneider Stimmen ausgezählt. Jetzt fragt sie sich, ob die Ergebnisse stimmen können. Sie berichtet von übermüdeten Freiwilligen. Und erklärt: Als Wahlhelferin würde sie nicht wieder einspringen. © Christian Juppe

Lange Schlangen vor den Wahllokalen, Abstimmungen noch nach 18 Uhr, Auszählen bis in die Nacht: Für Wahlhelfer war der Wahltag am Sonntag ein Kraftakt. Rund 4400 Helfer waren eingesetzt, 42 sind kurzfristig abgesprungen, Bereitschaftskräfte mussten deshalb spontan die Lücken füllen. Während Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) den Freiwilligen für ihren Einsatz und ihr ehrenamtliches Engagement dankt, machen einige ihrem Ärger Luft.

Josephine Schneider war als Briefwahlhelferin im Gymnasium Bürgerwiese eingesetzt. „Wir haben zwölf Stunden ohne eine nennenswerte Pause durchgearbeitet“, schreibt sie an die SZ-Redaktion. Sie schildert den Ablauf weit nach Mitternacht als überfordernd. „Da stand ein Rentner allein vor einem Riesenberg Stimmzettel und hat mit Mühe versucht, die Augen offen zu halten, das Kreuz auf dem Stimmzettel zu finden und es möglichst richtig in einen der vielen Zählzettel zu übertragen. Allein, ohne Vier-Augen-Prinzip, ohne Kontrolle.“

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Schneider erklärt, es habe keinen mehr interessiert, wo welches Kreuz gesetzt wurde oder ob die Ergebnisse korrekt übertragen wurden. „Alle wollten einfach nur fertig werden.“ Bei ihr dauerte die Auszählung bis 2.18 Uhr. Ihr Team ist fertig geworden. Doch wegen der Arbeit bis spät nachts zieht sie die Ergebnisse teilweise in Zweifel: „Ich möchte wissen, welche Qualität da noch erwartet wird und wie ich dieser Abstimmung noch in irgendeiner Form glauben soll.“ Ob sie noch einmal helfen würde – „nein, nicht bei der Kommunalwahl.“

Organisatorische Patzer im Wahllokal

Auch Dana Ritzmann hat am Gymnasium Bürgerwiese Stimmen gezählt. „Nie wieder Wahlhelfer“ schreibt sie am nächsten Tag auf Facebook. Erst gegen 3.45 Uhr sei sie zu Hause gewesen. Kritik übt sie vor allem an organisatorischen Patzern. So sei zum Beispiel unter der zentralen Rufnummer für die Helfer niemand erreichbar gewesen, auch Lappalien nennt sie als ein Beispiel: Einfacher Bindfaden soll gefehlt haben, um Wahlzettel-Pakete zu schnüren. Sie sagt, sie fühle sich verschaukelt. „Gegen 2.45 Uhr wurden wir gefragt, wie lange wir noch brauchen würden. Ich habe 14 Uhr den Dienst angetreten und rund 13 Stunden gearbeitet. Da schwingt eine Geringschätzung mit, die unschön ist. Es gibt zwar eine kleine Aufwandsentschädigung, dennoch macht man das ehrenamtlich mit großem Einsatz und Genauigkeit“, sagt sie. Eine gewisse Fehlerquote will auch sie nicht ausschließen. Zweimal war sie schon als Wahlhelferin eingesetzt, so etwas habe sie noch nie erlebt. 

Vor allem die Auszählung der Stadtbezirksbeiräte habe überfordert. Die langen Listen mit Kreuzen für die vielen Kandidaten konnten nur mühsam auf die Zählzettel übertragen werden. Vor allem nach vielen anstrengenden Stunden. „Als uns dann angeboten wurde abzubrechen, haben wir nicht lange überlegt.“

Zwischen Verzählen und guter Organisation

In der Neustadt haben Sinnica Kovacs und Jakob Lohmer als Wahlhelfer gearbeitet – und ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. An der 103. Grundschule war Sinnica Kovacs eingeteilt. Bis 2 Uhr war sie im Einsatz – ihr Team habe sich verzählt, erklärt sie. „Die Zahl der abgegebenen Stimmzettel hat kurzzeitig nicht mit der Summe der abgegebenen Wahlbenachrichtigungen übereingestimmt.“ Dieser Fehler sei zum Glück schnell aufgefallen. In einem anderen Wahllokal am selben Ort hätten Helfer noch gesessen, als Kovacs nach Hause ging. „Sie müssen sich auch verzählt haben.“ Dass Übermüdung ein Grund sein könnte, hält sie für wahrscheinlich.

Gut organisiert war die Wahl hingegen in der 30. Grundschule am Hechtpark, sagt Jakob Lohner. Er und sein neunköpfiges Team waren schon um 23.30 Uhr mit der Auszählung fertig. Auch weil seine Gruppe pünktlich um 18 Uhr starten konnte, andernorts sei noch nach 19 Uhr gewählt worden. Dann verzögere sich alles nach hinten. Dass bei ihm alles rund lief, erklärt Lohner auch mit der Erfahrung vieler Wahlhelfer, manche seien schon einige Jahre im Einsatz gewesen. „Vielleicht sollte man in Zukunft die Teams besser durchmischen“, überlegt er. Dass er sich noch einmal engagieren würde, stellt er keineswegs infrage.

Auch die 65-jährige Petra Richter hat sich in der SZ-Redaktion gemeldet. Als Wahlhelferin arbeitete sie am Sonntag in Gorbitz. Sie bestätigt, dass einige Wähler ihre Stimme nicht abgegeben haben, weil sie nicht in der Schlange stehen wollten. „Bis 17 Uhr haben wir noch weitere drei weitere Wahlkabinen bekommen, damit die Wähler nicht über 45 Minuten warten mussten. Das lange Warten hat viele, trotz bereitgestellter Stühle, abgeschreckt. Allerdings nicht die jungen Wähler.“ 

Richter nennt sich selbst eine ausgeruhte Rentnerin, deshalb habe sie die Wahl nicht zu sehr angestrengt – auch sie war erst 3.30 Uhr zu Hause. „Für die Wahlhelfer, die noch berufstätig sind, war das unzumutbar. Für drei Wahlen ist auch das Aufwandsgeld zu gering. Zum Schluss musste die Wahlvorsitzende die zwei vollgepackten, schweren Wahlkoffer ins Rathaus bringen. Ein Abtransport müsste das übernehmen, zumal bei uns fünf Wahllokale in einem Haus waren.“ Dennoch betont die Seniorin auch, dass Team habe wunderbar zusammengearbeitet, auch die Ergebnisse möchte sie nicht anzweifeln. Nur die Organisation, die müsse das nächste Mal besser laufen, damit sich auch weiterhin Ehrenamtler finden und die wichtige Aufgabe wahrnehmen. Trotz des Chaos würde sie in jedem Fall noch einmal ihre Unterstützung anbieten.

"Die Stadt hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht"

Ähnlich sieht es Ulrich Mroß-Michaelis, der als Wahlleiter mit reichlich Erfahrung aus vorherigen Wahlen an der 56. Oberschule in Trachau in den Wahltag startete. Er erklärt: „Die Stadt hat ihre Hausaufgaben nicht erfüllt. Man hätte vorher prüfen müssen, wie lange ein Wahlgang bei drei parallelen Wahlen in etwa dauert“, sagt er. „Dann wäre auch klar gewesen, dass es deutlich mehr Kabinen braucht.“ Er habe zeitig weitere Wahlkabinen angefordert. Als schließlich fünf statt drei standen, „hatten wir die Schlange im Griff.“ Für ihn ist klar: „Die Menge war einfach zu viel, es dauerte zu lange.“ Zwar war sein neunköpfiges Team schon 0.20 Uhr mit dem Auszählen fertig, er könne aber verstehen, dass sich im Nachhinein viele Helfer ärgern. „Das war einfach eine Nummer zu groß.“ Aus diesen Fehlern müsse man lernen. Angemessen wäre es auch, die Ehrenamtler zwischendurch mit Kaffee zu versorgen, sagt er. 

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