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Milbradt lässt sich nicht wegloben

Die ersten Glückwünsche erreichten Georg Milbradt schon, bevor er noch wusste, wie ihm überhaupt geschah. Schön, dass er bald als Bundesfinanzminister nach Berlin gehe, meinte ein Gratulant überschwänglich.

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Von Annette Binninger

Die ersten Glückwünsche erreichten Georg Milbradt schon, bevor er noch wusste, wie ihm überhaupt geschah. Schön, dass er bald als Bundesfinanzminister nach Berlin gehe, meinte ein Gratulant überschwänglich. Doch gefreut haben soll sich Sachsens Regierungschef über den angeblichen Karriereschub nach der Bundestagswahl im Herbst überhaupt nicht, eher geärgert.

„Ich habe keinerlei Interesse daran, nach Berlin zu gehen“, bekräftigte Milbradt gestern seinen Bleibe-Wunsch im Freistaat, nachdem ihn erneut ein Medienbericht an den Kabinettstisch in Berlin gesetzt hatte, wenn auch nur virtuell und für wenige Stunden. „Es ist eine schöne Aufgabe, den Freistaat zu regieren“, fügte Milbradt fast trotzig hinzu. Nein, wegloben lassen will sich der dickschädlige Münsteraner nicht.

Ohnehin stehen die Chancen dafür in Berlin nicht gut. Milbradt fehlte bisher ein guter Draht zu CDU-Chefin Angela Merkel. Seit einigen Monaten ist er bei bundespolitischen Themen auch wieder stärker im Chor der Unions-Ministerpräsidenten zu hören. Doch der Name Milbradt wird an den wesentlichen Informations-Knotenpunkten in Berlin nicht gehandelt. Selbst dort gilt Milbradt auch durch die Landesbank-Daueraffäre als schwer angeschlagen – wenn auch seine Finanzpolitik in Sachsen anerkannt wird. „Milbradt ist der beste Finanzpolitiker, den wir uns wünschen können“, versuchte denn auch CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer gestern hörbar genervt, die erneut entfachte Personaldebatte um Milbradt wieder einzufangen. Und auch Bundespartei-Vize Arnold Vaatz, dem unterstellt wird, dabei die Fäden gezogen zu haben, ist stinkesauer. Dennoch: Kein Dementi, keine Bestätigung für seine mögliche Strippenzieherei in Berlin. „Kein Kommentar“, sagte Vaatz knapp.

Denn auch für die Bundes-CDU kommt die offenbar aus eigenen Reihen angefachte Personaldebatte zur Unzeit; zumal es in Berlin derzeit ohnehin als tabu gilt, weiter durch Spekulationen ein Personalkarussell zu drehen, bevor man weiß, ob darauf ab Herbst überhaupt eine komplett schwarze Regierungsmannschaft ihre Runde drehen darf.

Genützt haben dürfte auch Milbradt die Debatte kaum. Und schmeicheln könnte sie ohnehin nur jemandem, der sich gerne schmeicheln lässt. So feixte die PDS genüsslich und dankbar zugleich über das schwarze Personal-Eigentor im heißen Sommerloch. Fraktionschef Peter Porsch forderte Milbradt auf, „Farbe zu bekennen, ob er der Krise seiner Regierung nach Berlin entfliehen oder den Aufgaben im Freistaat treu bleiben will“.

Milbradt will. Das stellte er gestern erneut klar, auch und gerade gegenüber vielen seiner Partei-„Freunde“, die sich zunehmend sorgen, mit einem Spitzenkandidaten Milbradt in die Landtagswahl 2009 gehen zu müssen. Mit ihm sei keine Wahl mehr zu gewinnen, heißt es an der Basis. Dem kühlen Finanzer fehle noch immer Herzlichkeit, Volksnähe, das Landesväterliche eben. Milbradt hat zwar wieder an Boden gewonnen. Und ausgerechnet ein SPD-Bundeskanzler hat ihn mit seiner Ankündigung von Neuwahlen weitgehend aus der landespolitischen Schusslinie gebracht. Doch die Sanduhr läuft dennoch weiter ab. Diesmal müsse die CDU ohne einen „Königsmörder“ auskommen, raunt es auch in der ungeduldiger werdenden Fraktion. Und darum hätte dort manch einer dem Chef sogar einen Ruf nach Berlin gegönnt.