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Milchbauern fordern Kurzarbeitergeld für Kühe

Sachsens Landwirte bekommen weniger Geld für die Milch. Sie fürchten den Weihnachtseffekt.

Der Milchpreis ist für Erzeuger mal wieder im Keller.
Der Milchpreis ist für Erzeuger mal wieder im Keller. © Bernd Wüstneck/dpa

Dresden. Wolfgang Vogel hat keine Milchkühe mehr. Sachsens langjähriger Bauernpräsident ist zwar noch aktiv im Deutschen Bauernverband, aber seine Herde hat er voriges Jahr verkauft – an einen Jüngeren. Der werde selbst in dem Kuhstall bei Grimma arbeiten und so Personalkosten sparen, erklärte Vogel. Er ist nicht der einzige Landwirt, der die Milchproduktion in den vergangenen Jahren aufgegeben hat. Für viele Bauern lohnen sich Kühe nicht mehr, und nun droht der Milchpreis wegen der Corona-Krise wieder zu fallen.

Im März bekamen Sachsens Bauern rund 31 Cent pro Liter von den Molkereien, sagt Juliane Bergmann, Milchreferentin im Sächsischen Landesbauernverband. Benötigt würden rund 35 bis 40 Cent je nach Betrieb, damit sich der Kuhstall lohnt. Vor allem Futter sei nach zwei Jahren Trockenheit teuer. Doch Preissignale wie der Kieler Börsenmilchwert deuten seit einigen Wochen darauf hin, dass die Erzeuger für Milch künftig mit stark sinkenden Einnahmen zu rechnen haben. Aus Großbritannien und Frankreich gibt es Berichte, dass Landwirte Milch wegschütten müssten, weil sie keine Abnehmer fanden. Das droht in Sachsen nicht: Die Bauern haben langfristige Verträge mit den Molkereien, sodass ihnen jeder Liter abgenommen wird. Doch wie viel die Molkerei ihnen bezahlt, erfahren Sachsens Bauern in der Regel erst hinterher. Der Erzeugerpreis hängt von Angebot und Nachfrage ab.

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Eine Belohnung fürs Abschaffen von Kühen?

Zu Beginn der Corona-Krise sah es für die Milchbauern noch gut aus: Bei den Hamsterkäufen in den Supermärkten dachten viele Kunden anscheinend nicht nur an Konserven und Toilettenpapier, sondern auch an Getränke und Backzutaten. In sächsischen Supermärkten war zu lesen, dass „Milch nur in haushaltsüblichen Mengen“ verkauft würde, zum Beispiel pro Kunde nur ein „Kolli“ mit zwölf Litern. Die Verkaufspreise für Milch sind aus Bauernsicht derzeit auch nicht schlecht: 73 Cent kostet der Liter Vollmilch im Laden mindestens, bis November waren es 70 Cent. Zwar mussten Käufer im Supermarkt vor zwei Jahren auch schon mal 78 Cent bezahlen, aber es gab auch einen Tiefpunkt von 46 Cent im Sommer 2016. Juliane Bergmann hofft nun, dass die jüngsten Frühjahrspreisverhandlungen zwischen Molkereien und Handelskonzernen zu steigenden Preisen im Laden führen – dann wäre auch wieder mehr Geld für die Bauern möglich. In den vergangenen Jahren gab es meistens im Mai und November Preisänderungen bei Milch im Laden. Noch haben Aldi und Edeka nicht verraten, wie hoch sie die Preise in diesem Frühjahr ansetzen.

Dass die Börsen nun sinkende Preise für die Zukunft anzeigen, liegt an den fehlenden Großabnehmern für Milch. Hotelküchen sind zu. Exporte ins kuharme Land Italien wurden eingeschränkt. Laut Bauernverband hängen die Preise auch davon ab, wie schnell die Exporte nach China wieder anlaufen. Sachsens neuer Bauernpräsident Torsten Krawczyk stellt „Logistikprobleme und Nachfrageverschiebungen“ fest. Die „übersteigerte Vorratshaltung“ habe nachgelassen. Manche Molkereien hätten Probleme, ihre Produkte abzusetzen. Der Handel nutze das stark differenzierte Marktgeschehen „schamlos aus“, um die Preise zu drücken. 

Krawczyk fordert wie sein Vorgänger Vogel in der letzten Milchpreiskrise 2016 nun einen „nennenswerten Zuschuss“ vom Staat für die Bauernhöfe. Außerdem solle es wieder ein „Ausstiegsprogramm“ geben, also eine Belohnung fürs Abschaffen von Kühen. Die Hoffnung: Wenn die Bauern insgesamt weniger Milch an die Molkereien liefern, steigt der Preis. Tatsächlich gab es 2016 schon mal eine „Milchverringerungsbeihilfeverordnung“. In einem Brief an den Sächsischen Landtag schlug Sachsens Bauernpräsident eine Wiederholung vor. Die Bauernverbände begrüßen zudem eine Entscheidung der EU, das Einlagern von Milch zu fördern – voraussichtlich werden also wieder Milchpulver und Butter auf Vorrat hergestellt.

Bauern sind uneins

Die Bauern sind aber keineswegs einig über die Strategie. Wortgefechte per Pressemitteilung liefern sich derzeit vor allem Bauernverband und Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM). Während der Bauernverband Lagerhaltung grundsätzlich gut findet, sieht der BDM-Vorsitzende Stefan Mann darin nur eine Hilfe für „Spekulanten“ und Besitzer von Lagerhallen. Mann befürchtet, dass bei einer Rezession die Nachfrage niedrig bleibt. Dann werde die Milchwirtschaft eine Art „Weihnachtseffekt“ erleben: Die Verbraucher haben genügend gekauft und sind erst einmal satt. Das eingelagerte Milchpulver trägt dazu bei, dass die Preise noch längere Zeit niedrig bleiben. 

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Der BDM schlägt wie in früheren Milchpreiskrisen vor, dass die Bauern gemeinsam weniger Milch produzieren – dazu müssten sie den Kühen weniger Kraftfutter geben, womöglich auch Tiere noch früher zum Schlachter bringen und weniger Kälber großziehen. Stefan Mann schlägt sogar „hohe Strafzahlungen“ für Bauern vor, die Mengenbegrenzungen nicht einhalten. Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fordert „Mengendisziplin statt private Lagerhaltung“. Der Verein „Land schafft Verbindung“, der in letzter Zeit Bauerndemonstrationen auch in Sachsen organisierte, kann sich mit Lagerhaltung nicht anfreunden. Vielmehr sei „Kurzarbeitergeld für Kühe“ das beste Mittel – also eine freiwillige Verringerung der Milchmenge, gegen finanziellen Ausgleich. Der Bauernverband aber, erfahren in Verhandlungen auf EU-Ebene, glaubt nicht an eine Einigung der meisten Landwirte auf gemeinsame Verringerung von Milchseen und Butterbergen.

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