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Mildernde Umstände für Mutter von getötetem Baby?

Im Prozess vor dem Landgericht Görlitz bestätigen Zeugen die Aussagen der Angeklagten.

Von Frank Thümmler

Spitzkunnersdorf/Görlitz. Die 29-jährige Spitzkunnersdorferin, die vor einem Jahr ihren neugeborenen Sohn auf der Toilette ihres Elternhauses getötet hat, kann auf mildernde Umstände hoffen. Der Gerichtspsychiater will sie nicht einmal im Gefängnis sehen: „Es wäre besser, dieser jungen Frau jemanden zur Seite zu stellen, der ihr beibringt, Probleme nicht zu verdrängen.“ Genau das sei im Leben der Spitzkunnersdorferin immer wieder passiert, zum Beispiel, als der Strom in ihrer Wohnung abgestellt wurde oder in Beziehungen mit dem Vater ihrer erster Tochter oder zu einer Freundin. Auch die Schwangerschaft mit ihrem Sohn habe sie völlig verdrängt – bis zu Geburt. Das schließt einen Tatvorsatz der Tötung des Babys, wie er in der Anklage steht, aus. Unter der Geburt habe sich die Situation dann so tragisch „entwickelt“. Auch diesbezüglich sei der Verdrängungsprozess für die Angeklagte typisch. Es könne durchaus sein, dass sie in Gesprächen in den Tagen nach dem Geschehen Angaben machen konnte, aber heute nicht mehr.

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Der Vater bestätigte, dass er nichts von der Schwangerschaft der Angeklagten wusste und sie auch nicht bemerkt hatte. Am Tag vor der Geburt besuchte die Familie noch den Dresdner Weihnachtsmarkt, ohne dass irgendwelche Anzeichen einer Schwangerschaft bei der Tochter sichtbar waren. Der Vater des ersten Kindes der Frau sagte in seiner Zeugenaussage: „Ich habe die Schwangerschaft bei unserer Tochter auch erst sehr spät mitbekommen. Und zu sehen war fast bis zum Ende nichts. Und übrigens war sie immer eine liebevolle Mutter. Ich würde ihr unsere gemeinsame Tochter auch heute noch zeitweise zur Betreuung überlassen. Mit allem, was darüber hinausgeht, wäre sie jedoch überfordert.“

Die Rechtsmedizinerin erklärte, dass das möglich gewesen sei, erst recht, wenn der kleine Bauch durch entsprechende Kleidung kaschiert worden ist. Sie bestätigte die Anklage insoweit, dass unmittelbare Todesursache des kleinen Jungen Ersticken gewesen sei. Um den Hals des Babys wurde ein gedrilltes Badehandtuch gefunden. Sie ergänzte auch, dass das Kind sehr wahrscheinlich allein an den Kopfverletzungen gestorben wäre, die es sich beim Sturz in das Toilettenbecken zugezogen hatte.

Infrage stand noch, ob die unheilbare Erbkrankheit des Gehirns, die die Angeklagte von der Mutter geerbt hat, für diese Tat eine Rolle gespielt haben kann. Das verneinte der Gutachter, auch wenn er kein Humangenetiker sei. Den Antrag des Verteidigers, diesbezüglich ein weiteres Gutachten einzuholen, lehnte das Gericht ab.

Das Verfahren wird am 16. Dezember fortgesetzt.