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Großenhain

Mildes Urteil nach Messerattacke

Ein Thiendorfer hat seine Aggressionen nicht unter Kontrolle – und kommt mit einer Bewährungsstrafe davon.

Das hätte im Knast enden können.
Das hätte im Knast enden können. © dpa

Riesa. Wenn jemand einem anderen mit gezielten Kopfstößen das Nasenbein bricht, ihm ein Messer an die Kehle setzt und lauthals verkündet, dieses Jahr sei sein letztes, dann sollte die Sache klar sein: Er wandert in den Knast. Das umso mehr, wenn er vorher schon einige Male mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Aber so macht es das Riesaer Amtsgericht in diesem Falle nicht. Denn der Angeklagte, ein 39-jähriger Ex-Thiendorfer, gesteht seine Tat ein und wirkt aufrichtig reumütig.

Was war passiert? Am Silvestervorabend 2017 hatte sich der Delinquent, nennen wir ihn Tino M., mit seiner Freundin gestritten. Es muss ziemlich heftig zugegangen sein, denn sie erzählte am Telefon einem Bekannten, dass sie in Todesangst schwebe. „Der bringt mich um!“, soll sie immer wieder gesagt haben. Der Bekannte ging mit Freunden vors Haus, um die junge Frau vor ihrem Lebensgefährten zu schützen. Sie nahmen die Dame in die Mitte und wollten sie zunächst in einer benachbarten Wohnung in Sicherheit bringen. Das aber bekam dem Wohnungsinhaber gar nicht gut. Tino M. sprang ihn von hinten an, riss ihn zu Boden, dann folgten die Kopfstöße und die Messerattacke. Irgendwie gelang es den Umstehenden, die beiden zu trennen und dem Angreifer das Messer aus der Hand zu schlagen. Und da zumindest einer von ihnen von äußerst kräftiger Statur war, wurde Tino anschließend ordentlich vermöbelt. Das alles ereignete sich im Thiendorfer Ortsteil Welxande, wo der Angeklagte damals wohnte.

Wer den Pfennig nicht ehrt

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Warum er derart aggressiv geworden sei, obwohl die Nachbarn seine Freundin doch nur schützen wollten, fragt Richterin Ingeborg Schäfer. Er sei angetrunken gewesen, antwortet Tino M., und es war ihm nicht klar, was die Männer mit ihr vorhatten. Wahrscheinlicher ist, dass da männliche Besitzansprüche mitspielten, und er die Hilfeleistung als Einmischung in seine Angelegenheiten empfand. Aber seine Lebensgefährtin will, obwohl als Zeugin geladen, in der Verhandlung nicht aussagen. Sie lässt dem Gericht eine Erklärung zukommen, dass sie am Vorabend einen Nervenzusammenbruch erlitten habe und nicht vernehmungsfähig sei. Da sie seit längerem mit Tino zusammen ist, könnte sie womöglich gar vom familiären Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Für die Aufklärung des Geschehens ist das Verhältnis zwischen den beiden nicht zwingend notwendig. Tino M. hat die Tat ja freimütig eingeräumt – mit allen Details, die in den anderen Zeugenaussagen zutage kamen. Er erzählt, dass die Streitigkeiten mit seiner Freundin des Öfteren handgreiflich ausgetragen werden, wobei er selbst auch schon mal Haue bekomme. Letztlich verzichtet das Gericht darauf, die Lebensgefährtin von der Polizei vorführen zu lassen.

Als Erklärung für den folgenschweren Ausraster bietet der 39-Jährige eine einigermaßen plausible Geschichte an: Er habe als Selbstständiger einen kleinen Hausmeisterdienst betrieben und sei kurz vor der Tat damit pleite gegangen. Das sowie der Alkohol und der Beziehungsstreit hätten ihn aus der Bahn geworfen. Anschließend wendet er sich an das Opfer seiner Attacke, spricht sein Bedauern aus und bittet um Entschuldigung. Das Ganze wirkt nicht einmal einstudiert. Auf der anderen Seite steht Tinos Strafregister zu Buche. Er ist seit seiner Jugend auffällig – mit Diebstählen, Bedrohung, Erpressung und Körperverletzung. Es gab Alkohol- und Drogenprobleme, Heimaufenthalte und psychologische Betreuung. Deshalb hat das Gericht einen Gutachter bestellt, der den Zustand des Delinquenten unter die Lupe nimmt. Der Experte stellt Tino trotz seiner Vergangenheit ein hoffnungsvolles Zeugnis aus. Von den Drogen sei er weg, er gehe einer geregelten Arbeit nach und bekomme von dorther ansprechende Bewertungen. Dazu die feste Beziehung, auch wenn diese durch die zwei eher labilen Persönlichkeiten nicht unproblematisch sei.

Letztlich lässt Richterin Schäfer Gnade walten und verurteilt den Ex-Thiendorfer wegen Körperverletzung zu einem Jahr Freiheitsentzug auf Bewährung. Die Messerattacke sieht das Gericht als reine Bedrohung an – die Klinge hatte bei dem Angriff nicht einmal die Haut des Geschädigten geritzt. Außerdem bekommt Tino einen Bewährungshelfer und muss sich einer Suchtberatung unterziehen.