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Millimeterarbeit im Schloss Pirna

Schloss Sonnenstein wird zum neuen Landratssitz umgebaut. Doch vorher muss jeder Winkel des alten Gemäuers äußerst genau vermessen werden.

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Von Alexander Müller

Lutz Graupner steht im Raum E. 2.039 und stellt fest: „Es gibt keinen richtigen rechten Winkel, es gibt keine gerade Wand.“ Was andere verzweifeln ließe, lässt bei dem Geschäftsführer des Ingenieur-Vermessungsbüros Dresden (IVD) das Herz höher schlagen. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich hinter der nüchternen Nummer E. 2.039 der prächtige Jugendstilsaal im Elbflügel von Schloss Sonnenstein verbirgt. Der einstige Glanz des Saals lässt sich noch erahnen, auch wenn jetzt in der Decke hässliche Löcher klaffen.

Kein Loch bleibt verborgen

Doch Lutz Graupners Aufgabe ist nicht, den Saal wieder herzurichten – er lässt ihn vermessen. „So ein Loch würde aber in den Plänen erscheinen“, erklärt der erfahrene Fachmann. Zwischen drei bis sechs seiner Mitarbeiter sind derzeit ständig vor Ort, um bis April den Schlosskomplex Millimeter für Millimeter präzise zu erfassen.

„Unsere Arbeit ist die Grundlage für alles andere“, sagt der Ingenieur, der sich auf solche alten Gebäude spezialisiert hat. Auch das Dresdner Schloss, das Schloss Weesenstein und das Dresdner Hotel Kempinski hat er unter anderem bereits vermessen. „Für derartige Denkmäler gelten besondere Kriterien.“

Und ungewöhnliche Arbeitsbedingungen. Mitarbeiter Janko Neumann muss zum Teil recht sportlich sein, um auch wirklich in jeden Raum zu gelangen. Selbst wenn, wie auf Schloss Sonnenstein, viele Zimmer mit altem Gerümpel, Abfall und sonstigem Unrat zugemüllt sind. „In manchen Bereichen, wie unter der Treppe, da sehe ich nichts“, erklärt der 25-jährige Vermesser. Und dennoch: „Wir müssen überall rein“, erklärt sein Chef, Lutz Graupner. Natürlich nur, solange kein Risiko für die Mitarbeiter bestehe.

Für den Laien ist nicht auf Anhieb klar, warum diese Spezialisten ein bereits bestehendes Gebäude noch einmal vermessen müssen. Es gibt doch viele historische Dokumente. „Diese alten Pläne sind eher Feldrisse“, erwidert Lutz Graupner auf solche Mutmaßungen. „Das sind meist nur Projekte und keine wirklichen Aufmaße.“ Die Architekten seien früher viel freier gewesen. Das fertige Haus musste nicht immer mit dem Plan übereinstimmen. „Da hat der Baumeister schon mal eine Wand einfach einen halben Meter versetzt.“

Und auch Schloss Sonnenstein wartet mit Überraschungen auf. Lutz Graupner strebt Raum E. 4.016 an – den Dachboden. Hier führt nur noch eine schmale, wacklige Holzleiter weiter hoch. Oben angelangt, eröffnet sich dem Betrachter ein beeindruckendes Bild. Zwei gigantische und tonnenschwere Stahlbehälter ragen meterhoch empor. „Das muss die Zisterne des Schlosses gewesen sein“, erklärt der Vermesser beeindruckt.