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Millionenpoker um Bautzens Bürgerhäuser

Seit sieben Jahren tut sich auf der Unglücksbaustelle nichts. Dafür spitzt sich der Streit vor Gericht immer mehr zu.

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Von Christoph Scharf

Nur gut, dass Bautzener Geschäftsleute die Initiative ergriffen haben. So verhüllt eine bunte Werbeplane gnädig die Fassaden der Bürgerhäuser an der Inneren Lauenstraße. Sonst würden sich Passanten und Touristen jeden Tag aufs Neue ärgern, dass sich dahinter nichts tut. Anstelle von Handwerkern sind seit sieben Jahren Anwälte fleißig. Sie tragen am Donnerstag Berge von Papier ins Dresdner Landgericht. Dort streitet sich Hauseigentümer Thomas Kasselmann mit dem Baukonzern Strabag.

Januar 2006: Hoffnungsvoll beobachten die Bautzener, wie an der Inneren Lauenstraße ein Kran montiert wird. Der soll in den kommenden Monaten bei der Sanierung der barocken Bürgerhäuser helfen. Archivfotos: SZ/Uwe Soeder
Januar 2006: Hoffnungsvoll beobachten die Bautzener, wie an der Inneren Lauenstraße ein Kran montiert wird. Der soll in den kommenden Monaten bei der Sanierung der barocken Bürgerhäuser helfen. Archivfotos: SZ/Uwe Soeder
Dezember 2007: Grau und fleckig zeigen sich die Fassaden der denkmalgeschützten Bürgerhäuser. Von der abgebrochenen Sanierung ist nicht viel zu sehen. Erst Jahre später verhüllt eine Händler-Initiative die Gebäude.
Dezember 2007: Grau und fleckig zeigen sich die Fassaden der denkmalgeschützten Bürgerhäuser. Von der abgebrochenen Sanierung ist nicht viel zu sehen. Erst Jahre später verhüllt eine Händler-Initiative die Gebäude.
Stillstand in Sichtweise des Rathauses: Gnädig verhüllt eine Werbeplane die Fassaden der Bautzener Bürgerhäuser. So bleibt der Stillstand an der Inneren Lauenstraße den Passanten verborgen. Dafür geht es vor Gericht umso lebhafter zu. Seit 2006 streiten s
Stillstand in Sichtweise des Rathauses: Gnädig verhüllt eine Werbeplane die Fassaden der Bautzener Bürgerhäuser. So bleibt der Stillstand an der Inneren Lauenstraße den Passanten verborgen. Dafür geht es vor Gericht umso lebhafter zu. Seit 2006 streiten s © Uwe Soeder

Auf dem Schreibtisch von Richterin Dr. Ursula von der Beeck stapeln sich die Akten bis auf Schulterhöhe. Der Verhandlungssaal reicht kaum für die Beteiligten des Zivilprozesses aus: Der Hauseigentümer ist mit zwei Anwälten angereist, zwei Herren vertreten die Strabag, drei weitere Anwälte Planungsbüros und eine Sicherheitsfirma. Sie alle fordern Geld voneinander. Kasselmann verlangt von der Baufirma rund 2,4 Millionen Euro. Die Strabag habe den Einsturz des Hauses verursacht und damit die laufende Sanierung gestoppt – deshalb müsse sie Schadensersatz zahlen. Es geht um Architektenhonorare, entgangene Mieteinnahmen, Zinsen.

Strabag-Anwalt Dr. Armin von Grießenbeck bestreitet die Ansprüche rundweg. „Sie stellen hier einfach irgendwelche Zahlen in den Raum. Sie können doch nicht sieben Jahre abwarten, nichts tun und Mietausfall geltend machen.“ Den Vorwurf lässt Thomas Kasselmann, Unternehmer aus Paderborn, nicht auf sich sitzen. „Ich würde ja gerne weiterbauen. Aber dann würde ich Beweise vernichten.“ Denn noch immer ist nicht abschließend geklärt, wer den Einsturz vom Mai 2006 verursacht hat.

Für den Eigentümer ist die Sache klar: Die Strabag ist schuld. Schließlich habe sie in den später eingestürzten Hausteil eine Einfahrt für Baumaschinen gebrochen. „Und dann sind die im ersten, zweiten und dritten Stock mit dem Kettenbagger rumgefahren. Über Holzdecken! Das muss man sich mal vorstellen!“ Der Baukonzern dagegen weist die Verantwortung für den Einsturz von sich. Das Gebäudeensemble sei auch ohne die Bauarbeiten schon völlig desolat gewesen. Kasselmann wirft der Strabag dagegen „Anfängerfehler“ vor. „Wie kleine Kinder, die eine Burg bauen, die dann einfällt. So sieht das aus.“

Für das Gericht dagegen ist die Sache nicht so einfach. Zumal die Frage der Einsturzursache nicht am Dresdner Landgericht verhandelt wird, sondern in Bautzen. Dort sollte gestern ein Urteil verkündet werden. Doch der Termin wurde kurzfristig abgesetzt: Weil die Strabag einen Befangenheitsantrag gegen den Bautzener Richter gestellt hat. Der muss erst vom Oberlandesgericht entschieden werden, bevor der Prozess fortgeführt werden kann.

So lange kommen auch die Zivilprozesse in Dresden nicht voran, von denen Richterin von der Beeck gleich vier am Stück verhandelt. In drei davon fordert Kasselmann Geld von der Strabag. Im vierten Prozess ist es umgekehrt: Da macht die Baufirma rund drei Millionen Euro geltend – für die erbrachten Leistungen, entstandene Kosten und den entgangenen Gewinn. Ursprünglich sollte allerdings die gesamte Baumaßnahme nur drei Millionen Euro kosten – bis zur Fertigstellung. „Wir wollten ja damals nach dem Einsturz weiterbauen“, sagt Strabag-Anwalt von Grießenbeck. „Aber der Bauherr hat plötzlich umgeplant und uns die Unterlagen vorenthalten.“ Der widerspricht so heftig, dass die Richterin lautstark dazwischengehen muss. Die hätte die Akten gern bald vom Tisch – aber das dürfte noch eine Weile auf sich warten lassen. „So wie ich die Parteien kenne, wird das Bautzener Urteil sowieso nicht rechtskräftig werden.“ Und tatsächlich kündigte die Strabag bereits an, die Entscheidung anzufechten. Dabei ist das Urteil doch noch nicht einmal verkündet.

In Dresden wird nun erst einmal ein neuer Gutachter eingeschaltet. Alle Streitparteien erhalten neue Fristen für schriftliche Stellungnahmen. Die Plane vor der Fassade der barocken Bürgerhäuser wird noch ein paar Jahre halten müssen.