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"Das Aue-Spiel wirkt nach, bei allen Beteiligten"

Dynamo Dresden steckt im Abstiegskampf, Trainer Cristian Fiel steht in der Kritik. Das Gespräch zur Krise mit Sportchef Ralf Minge.

Ernst der Blick, die Lippen zusammengepresst. Ein typischer Gesichtsausdruck von Ralf Minge – der gerade wieder perfekt zu Dynamos sportlicher Lage passt.
Ernst der Blick, die Lippen zusammengepresst. Ein typischer Gesichtsausdruck von Ralf Minge – der gerade wieder perfekt zu Dynamos sportlicher Lage passt. © Lutz Hentschel

Die Aussage steht: Eine Diskussion über Trainer Cristian Fiel, wie sie nach der 0:2-Niederlage am vergangenen Samstag gegen Hannover aufgekommen ist, lässt Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Minge nicht zu. „Wenn Sie den Trainer meinen: Die Frage konnten wir uns gestern ersparen, wir können sie uns heute ersparen – und auch morgen“, sagte Minge, der heute seinen 59. Geburtstag feiert, zu Wochenbeginn dem Branchenblatt Kicker.

Was ebenso steht: Tabellenplatz 14 mit lediglich einem Punkt Vorsprung zur Abstiegszone. Steht Dynamo die nächste Zittersaison bevor? Das Gespräch zur Krise.

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Herr Minge, was muss sich jetzt ändern bei Dynamo?

Die Ergebnisse. Und trotzdem versinken wir jetzt nicht in Depressionen. Fest steht: Das ist keine einfache Situation. Aber man tut immer gut daran, wenn man Zeiträume analysiert und nicht nur den Moment. Wir haben ein emotionales Umfeld, das ist gut und richtig. Bei einer Analyse geht es aber auch darum, kühlen Kopf zu bewahren. Wir sind weit davon entfernt, alles in Frage zu stellen. Dafür ist jetzt überhaupt nicht der geeignete, der nötige Zeitpunkt.

Kommt die Länderspielpause zum richtigen Zeitpunkt?

Das kann man so oder so sehen. Klar ist, dass man so eine Situation am liebsten schnell hinter sich lassen will. Und das geht nur über Ergebnisse. Auf der anderen Seite tut es vielleicht auch ganz gut, dass in den zwei Wochen bis zum nächsten Ligaspiel die Spannung hochgehalten wird und dass der eine oder andere Tag mehr Zeit ist, um an Stellschrauben zu drehen.

Was ist Dynamos Problem: der Tabellenstand, die bislang erzielten Punkte oder das Missverhältnis aus Aufwand und Ertrag? Oder ist es, wie es von Fans immer wieder moniert wird, das auf Ballbesitz ausgerichtete Spielsystem?

Ich glaube, dass das Thema Effektivität die entscheidende Rolle spielt. Damit hängt alles andere zusammen. Und dann ist es immer so, dass Fans, Sympathisanten, Sponsoren und auch Journalisten den Moment bewerten. Das ist auch legitim und richtig so. Intern bewerten wir eher Zeiträume.

Mit welchem Resultat?

Dass wir noch nicht so weit sind, wie wir es uns gewünscht hätten – gerade in Sachen Effektivität. Doch wir werden jetzt keinen Kulturwandel vollziehen, der so aussieht, dass wir uns im eigenen Strafraum einschließen und nur noch lange Ball nach vorne spielen. Richtig ist, dass wir darüber reden müssen, ein paar Sachen anzupassen. Ich sage einfach mal einen Punkt: Wir kriegen zu viele Gegentore. Die Basis für Erfolg ist aber nun mal die Abwehrarbeit, das haben uns andere Mannschaften voraus. Deren Spielanlage kommt vielleicht eher etwas bieder daher, doch sie erzielen damit Ergebnisse. Wir müssen jetzt die Balance für ein Sowohl-als-auch finden. Sowohl an unserer Spielphilosophie festhalten, als auch effektiver werden.

Sie sprechen von Zeiträumen statt der Bewertung des Moments. Das klingt so, als würden Sie die aktuelle Situation gar nicht so dramatisch betrachten. Ist das so?

Ich will es mal so sagen: Im ersten Drittliga-Jahr nach dem Abstieg 2014 hatten wir in der Rückrunde zehn Niederlagen in zwölf Spielen, ich erinnere mich außerdem an eine Mitgliederversammlung, da waren wir Drittliga-Neunter und sind im Pokal beim Regionalligisten Neugersdorf rausgeflogen. Oder im ersten Zweitliga-Jahr, als wir auf dem Abstiegsrelegationsplatz beim großen Favoriten Düsseldorf spielten, gewannen – und immer noch auf dem Relegationsplatz standen. Solche Phasen, und das will ich mit den Beispielen verdeutlichen, gibt es immer wieder. Wichtig ist, dass wir dabei nicht in Hektik oder Panik verfallen.

Kapitän Jannik Müller
Kapitän Jannik Müller © Marion Doering

Kapitän Jannik Müller hat nach der Niederlage gegen Hannover fehlendes Selbstbewusstsein angesprochen. Wie passt dazu das Testspiel am Donnerstag beim Bundesligisten Union Berlin?

Das ist ein ganz wichtiger Test. Einige Spieler, deren individuelle Qualität nicht so weit weg ist von der ersten Elf, sind zuletzt nicht so häufig zum Einsatz gekommen. Da wären wir nicht gut beraten, wenn wir irgendeinen Alibi-Test machen und meinen, in dem Spiel holen sie sich das Selbstvertrauen. Nein, wir brauchen eine Herausforderung, wir brauchen einen Härtetest. Dafür ist Union genau der richtige Gegner.

Vor der Niederlage gegen Hannover lag das 1:4 in Aue und davor eine Serie mit zwei Siegen und drei Unentschieden. Kann eine einzige Pleite wie die in Aue wirklich so einen Leistungsabfall wie den gegen Hannover bewirken?

Das Aue-Spiel wirkt nach, bei allen Beteiligten. Da brauchen wir uns auch nichts vorzumachen. Je größer die Distanz zum Spiel selbst ist, desto größer wird die Bedeutung des nackten Ergebnisses. Der Spielverlauf hätte für uns viel schlimmer kaum sein können, und das schleppt man dann erst mal mit. Auch gegen Hannover war ja längst nicht alles schlecht. Doch dann kommen wir in sensible Phasen, in denen die Psyche eine entscheidende Rolle spielt. Das sind Rückstände, Rote Karten, vielleicht auch Pfiffe draußen kurz vor der Halbzeit. In solchen Phasen müssen wir ganz einfach stabil bleiben. Kopf hoch, Flagge zeigen, Verantwortung übernehmen, und, auch wenn es schwer fällt, keine Angst vor Fehlern haben. Das sind Kernthemen …

… und das Stichwort Psychologe naheliegend. Wie ist da die Lage der Dinge?

Dass wir mit Sascha Lense bis zur Sommerpause einen hauptamtlichen Psychologen an der Mannschaft hatten (wechselte dann zum Bundesligist Schalke, Anm. d. A.), ist bekannt. Die Bedeutung einer solchen Position ist uns also schon bewusst. Nur kann man an der Stelle nicht irgendwas von außen überstülpen oder verordnen. Das muss passen. Wir werden jetzt also nicht in Aktionismus verfallen, das haben wir am Montag intern noch einmal besprochen. Es wird weder ein Mental-Guru kommen noch machen wir das Spielfeld kleiner oder wechseln die Musik in der Kabine. Einzelne Spieler arbeiten im mental-psychologischen Bereich mit Experten zusammen, aber das ist kein Resultat der vergangenen zehn Tage. Die Option besteht, die bietet der Verein auch an. Das ist dann aber wie beim Arztbesuch eine vertrauliche Geschichte.

Dynamos Trainer Cristian Fiel steht in der Kritik.
Dynamos Trainer Cristian Fiel steht in der Kritik. ©  dpa/Robert Michael

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit dem Trainer aus?

Fielo und ich sind ganz dicht beieinander und immer im Austausch. Wir gehen ebenso kritisch wie konstruktiv mit der Situation um. Das ist die Basis. Ich bin total überzeugt von Fielos Arbeit, wir sprechen über alles. Und in diesen schwierigen und sensiblen Phasen muss man vielleicht noch mal das eine oder andere anpassen.

Auffällig ist, dass Cristian Fiel oft die Anfangsformation verändert. Kann sich da eine Mannschaft finden?

Im Leistungssport gilt das Leistungsprinzip. Ich bin überzeugt davon, dass der Trainer die aufstellt, bei denen er die höchste Wahrscheinlichkeit sieht, dass wir erfolgreich Fußball spielen. Alles andere, das habe ich schon angedeutet, werden wir auf den Prüfstand stellen. Doch das machen wir erst einmal intern, da wird es von mir keine Kommentare nach außen geben.

Nach zwei Jahren Abstiegskampf zuletzt scheint sich Dynamo auf eine weitere Saison im unteren Tabellendrittel einstellen zu müssen …

… wofür ich die Verantwortung trage und der ich mich stellen muss. Damit habe ich auch kein Problem. Natürlich analysiere ich auch so einen langen Zeitraum, würde mich aber auch nicht entschuldigen, wenn wir nächstes Jahr in die fünfte Zweitliga-Saison hintereinander gehen. Und sei es als Tabellen-Vierzehnter. Natürlich wäre es schön, mal entspannt zwischen Platz 8 und 12 einzukommen. Dazu haben wir das Potenzial, das ist ein realistisches Ziel. Doch ich habe immer gesagt, dass nach drei Jahren linearer Entwicklung in allen Bereichen eine Phase kommen muss, in der man sich auch stabilisiert. Die Frage ist, wann wir soweit sind, den nächsten Schritt verlässlich zu gehen.

Ist diese Frage im Moment die größte Herausforderung, weil damit auch strukturelle Entscheidungen getroffen werden müssen?

Ja, das ist die größte Herausforderung, größer noch als die nach dem Zweitliga-Abstieg 2014. Norbert Haug, der frühere Mercedes-Sportchef, hat mal gesagt, dass 20 Prozent Budget notwendig seien, um in der Formel 1 mitzufahren und die anderen 80 Prozent, um auf dem Treppchen zu stehen. Wir brauchen also einen gewissen Realitätssinn, dem die Erwartungshaltung gegenüber steht, die bei uns naturgemäß groß ist. Fakt ist: Wenn wir seriös bleiben, werden wir eine Situation wie vor fünf Jahren nie wieder haben. Es gibt genügend Beispiele vom sportlichen Sinkflug, weil man alles auf eine Karte setzen musste – und jetzt wie Braunschweig, Kaiserslautern, etc. in der 3. Liga gelandet ist. Es gibt natürlich auch das andere, die Paderborns dieser Welt (zwei Aufstiege in Folge bis in die Bundesliga, Anm. d. A.). Und es gibt eben Union Berlin, wo ich eine planerische Komponente sehe.

Dynamos Fans im K-Block waren nach der 0:2-Niederlage gegen Hannover am vergangenen Samstag wütend. 
Dynamos Fans im K-Block waren nach der 0:2-Niederlage gegen Hannover am vergangenen Samstag wütend.  © Robert Michael/dpa

Nach zehn Jahren Zweite Liga ist Union im Sommer in die Bundesliga aufgestiegen. Insofern hat Dynamo noch ein bisschen Zeit. Nur machen das auch die Fans mit?

Es gibt eine herrliche Episode. Kürzlich beim DFB-Bundestag habe ich Oskar Kosche getroffen, früher Torwart bei Union, jetzt dort Geschäftsführer. Wir haben uns unter anderem über Erwartungshaltung ausgetauscht, und er erzählt mir von einem Testspiel im Sommer, wo ihm ein älterer Herr im Dynamo-Trikot entgegenkommt und sagt, dass er Dynamo unbedingt noch mal gegen Liverpool erleben wolle. So wie früher. Darauf der Oskar zu mir: In dem Moment wusste ich, wie schön das ist, dass wir mit Union nie Europapokal gespielt haben. Denn alle waren bei den Berlinern entspannt mit der 2. Liga, in Dresden ist das natürlich anders.

Ziemlich unentspannt war die Stimmung bereits am Samstag nach der Niederlage gegen Hannover. Es gab Pfiffe, und der K-Block hat die Unterstützung eingestellt. Wie bewerten Sie das?

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Ich bleibe dabei: Auf den Rucksack mit der Niederlage in Aue ist noch ein Rucksack draufgekommen. Wie gesagt, ich bin weit davon entfernt, dieses 0:2 gänzlich schlecht zu sehen. Hannover hat bislang weit unter den Möglichkeiten gespielt. Man muss nur mal sehen, was da an Qualität und Bundesliga-Erfahrung auf dem Platz stand. Ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Möglichkeiten. Aber das klingt im Moment wie eine Ausrede, und das darf nicht sein. Wir nehmen es immer gerne mit, wenn im Positiven eine emotionale Überreaktion der Fans erfolgt, diesmal war es die andere Richtung. Ich glaube, das kann jeder einordnen.

Das Gespräch notierte Tino Meyer.