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Ministerin in untypischer Umgebung

Franziska Giffey (SPD) besucht oft Kitas oder Jugendzentren. Die gibt es auch in Nünchritz, doch die Politikerin schaut stattdessen im Chemiewerk vorbei.

Familienministerin Franziska Giffey (SPD, M.) spricht mit Wacker-Mitarbeitern in Nünchritz über deren Job – und wie sie ihn mit dem Familienleben in Einklang bringen.
Familienministerin Franziska Giffey (SPD, M.) spricht mit Wacker-Mitarbeitern in Nünchritz über deren Job – und wie sie ihn mit dem Familienleben in Einklang bringen. © Andreas Weihs

Nünchritz. Farblich fügt sich Franziska Giffey ein, auch wenn das Kleid der Bundesfamilienministerin von der SPD einen leicht anderen Blauton hat als die Arbeitskleidung der Wacker-Mitarbeiter. Mit einigen von ihnen spricht Giffey an diesem Vormittag darüber, wie sie ihren Job bei Sachsens größtem Chemiearbeitgeber mit dem Familienleben in Einklang bringen. 

Sie erfährt: Das geht bei Wacker gut. „Was hier geboten wird, sucht seinesgleichen“, sagt ein junger Werkangehöriger. Er und Kollegen berichten, dass sie das Angebot nutzen, eine Stunde die Woche für ihre Kinder frei zu bekommen. Ein älterer Wackerianer erzählt, dass er die Altersfreizeit nutzt – auch das sind zusätzlich freie Stunden jede Woche. Und für die Pflege seiner Mutter habe er auch frei bekommen.

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Die Zeit für diese Gespräche ist knapp. Und wirklich vertraulich vermag es auch nicht zu werden. Die Ministerin umschwirrt ein Pulk an Fotografen und Journalisten verschiedener nationaler Medien von Spiegel Online über den Deutschlandfunk bis zur Süddeutschen Zeitung. Die Entourage begleitet Franziska Giffey auf ihrer dreitägigen Sommerreise, die neben drei Ost-Bundesländern durch Bayern und Niedersachsen führt. Das Interesse dürfte sich auch dadurch erklären, dass die als Hoffnung für die schwächelnde SPD gehandelte Giffey wegen Plagiats-Vorwürfen um ihre Doktorarbeit vor Kurzem einen Rücktritt in Aussicht gestellt hatte. – Doch noch ist sie im Amt. Und bei Wacker bringt ihr Besuch zunächst ein Novum mit sich: Dass Gäste ganz ohne Schutzausrüstung in eine Anlage wie das Heizkraftwerk dürfen, ist laut der Nünchritzer Werkchefin Jutta Matreux bisher noch nicht vorgekommen.

Eher untypisch ist auch der Besuch der Familienministerin in einem großen Industrieunternehmen. In der Regel stehen bei diesem Ressort eher Kitas, Seniorenheime oder Mehrgenerationenhäuser auf dem Programm. So wie am Abend zuvor in Riesa, wo Franziska Giffey mit etwa 70 Menschen über Demokratie, Bürokratieabbau, die Umbrüche nach der Wende und die Erfolge der AfD gesprochen hatte.

Vor allem der AfD-Zuspruch in der Region gibt der Sozialdemokratin zu denken. „Das hat ja auch was mit Unzufriedenheit zu tun“, meint sie. Dabei sei doch beispielsweise die Infrastruktur in Ordnung. Auch der Nünchritzer Wacker-Betriebsratschef Göran Gust kann Giffey nicht erklären, woher die AfD-Zustimmung rührt. Vielleicht sind Wacker-Mitarbeiter in Sachen Unzufriedenheit auch die falschen Ansprechpartner, nimmt man die Äußerungen der Beschäftigten zum Maßstab.

Ohne industriepolitischen Appell hat das Unternehmen die seit vorigem Jahr zum Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gehörende Franziska Giffey am Ende nicht aus dem Werk entlassen: Mit Strompreisen von derzeit von 6 Cent je Kilowattstunde (EEG-befreit) habe man es im internationalen Vergleich schwer, so Wacker-Vorstand Christian Hartel. Es brauche einen Industriestrompreis etwa 4 Cent, solle der Standort Deutschland wettbewerbsfähig und die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Das ist machbar, ist der Wacker-Manager sicher – wenn die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut würden. Es müsse insgesamt mehr über den Ausbau von Solar- und Windkraft und der Netze geredet werden als über Abbau. (SZ/ewe)

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