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Mission Lifeline braucht ein neues Schiff

Nach acht Tagen mit 104 Menschen an Bord ist die "Eleonore" trotz Verbots  in Sizilien eingelaufen. Der Kapitän muss mit Strafe rechnen. Wie geht's nun weiter?

Die Rettungswesten der 104 Migranten an Bord der "Eleonore" liegen zum Trocknen auf der Pier im sizilianischen Hafen von Pozzallo.
Die Rettungswesten der 104 Migranten an Bord der "Eleonore" liegen zum Trocknen auf der Pier im sizilianischen Hafen von Pozzallo. © Johannes Filous

Pozzallo/Dresden. Die Dresdner Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline muss sich nach einem neuen Schiff für Einsätze im Mittelmeer umsehen. 

Die „Eleonore“, mit der die Besatzung unter Kapitän Claus-Peter Reisch vor mehr als einer Woche 104 Migranten rettete, ist seit Montag beschlagnahmt. Die EU hat sich am Dienstagabend nach zähem Ringen auf eine Verteilung der Flüchtlinge auf mehrere  Mitgliedsstaaten geeinigt. Die italienische Guardia di Finanza hat das Schiff aus dem Verkehr gezogen.

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Laut eines Beamten vor Ort muss Reisch nun mit einer Strafe rechnen. Der Grund: Für Seenotrettungsschiffe gilt im katholischen Italien ein vom rechtsextremen Noch-Innenminister Matteo Salvini erlassenes Einfahrverbot – ein Dekret „der geschlossenen Häfen“. Auch italienische Küstenwachschiffe sind davon betroffen, sobald sie Schiffbrüchige an Bord haben.

Die "Eleonore" des Dresdner Vereins Mission Lifeline liegt beschlagnahmt im militärischen Teil des Hafens von Pozzallo auf Sizilien.
Die "Eleonore" des Dresdner Vereins Mission Lifeline liegt beschlagnahmt im militärischen Teil des Hafens von Pozzallo auf Sizilien. © Johannes Filous

Ein anderer italienischer Politiker hat der Mannschaft gedankt: Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando, der für klare Worte in der Flüchtlingspolitik bekannt ist, schrieb auf Twitter: „Ihr rettet Menschenleben, Imperativ unseres europäischen Hauses, und die humanitäre Seele der Europäer, die sonst das Antlitz des Hasses hätte. Palermo wird immer ein sicherer Hafen für euch sein.“ 

Der 72-jährige Orlando ist Verfasser einer Broschüre, der „Charta von Palermo“ mit der zentralen Forderung „Internationale Freizügigkeit von Menschen“. Die Stadtregierung von Palermo druckte das Werk schon Anfang 2015, vor dem großen Ansturm von Flüchtlingen. Orlando bezeichnet Palermo immer wieder als Hauptstadt des Rechts und der Menschenrechte. 

Der Bürgermeister ist einer der Wortführer der Salvini-Gegner in Italien. Salvini hatte neben der Schließung der Häfen alle in Italien bisher geduldeten Einwanderer ohne rechtsgültige Aufenthaltserlaubnis für illegal erklärt.

Palermos Bürgermeister verweigert die Umsetzung dieses Gesetzes, weil er es nicht für verfassungskonform hält. Stattdessen gewährt er allen ankommenden und lebenden Migranten ein Wohnrecht. Reisch und Orlando wollen sich am Mittwoch treffen.

Wann der Kapitän wieder für die Dresdner Hilfssorganisation wieder in See stechen kann, ist offen und hängt vor allem von den Behörden Italiens und Malta ab, das ebenfalls ein Schiff der Seenotretter beschlagnahmt hat.

Die Anschaffung eines weiteren Schiffes durch Mission Lifeline dürfte mindestens eine dreistellige Summe kosten. Dies würde der Verein aus Spenden finanzieren. Unter anderem hatten mehrere Bistümer an den Verein gespendet und der TV-Entertainer Jan Böhmermann hatte zu einer Spendenaktion aufgerufen, die mehrere Hunderttausend Euro einbrachte.

Am Montag hatte Kapitän Reisch nach acht Tagen auf See den Notstand an Bord ausgerufen und den nächstgelegenen Hafen im sizilianischen Pozzallo angesteuert, weil bis dahin keine politische Lösung der EU-Staaten gefunden worden war. Laut Seerecht dürfen Schiffe, die den Notstand ausrufen und auf denen Leben in Gefahr ist, in einen sicheren Hafen fahren. 

Reisch wurde nach der Auskunft von der Polizei mitgenommen, um die Personalien zu überprüfen. Die Geretteten sind nun vorübergehend in einem Lager im Hafen von Pozzallo untergebracht. Von dort aus sollen sie weiter verteilt werden. Die Bundesregierung hatte mehrfach betont, einen Teil der Migranten aufzunehmen.

Wie angespannt es an Bord zuletzt war, beschreibt Reporter Johannes Filous. Filous war während des Einsatzes an Bord der „Eleonore“ und berichtete unter anderem auf Twitter. "Die Situation war aus meiner Sicht sehr gefährlich", sagt er. Alle Geretteten hätten nach einem schweren Gewitter und starkem Regen durchnässte Kleidung gehabt. Kapitän Reisch habe daraufhin Kontakt mit dem MRCC Rom (Rettungsleitstelle) aufgenommen,  um schnellstmöglich in den Hafen von Pozzallo einlaufen zu können. 

Doch das MRCC habe geantwortet, dass die "Eleonore" nicht autorisiert sei, in italienische Hoheitsgewässer einzufahren - per Dekret von Salvini. Zuletzt waren sogar drei Ärzte an Bord, die sich um die angeschlagenen Menschen gekümmert hätten.

Bilderstrecke: Anspannung bis zum letzten Moment

Beim Schiff müssen nun immer zwei Crew-Mitglieder bleiben, um die Funktionstüchtigkeit zu sichern. Ein Teil der Mannschaft ist Reporter Filous zufolge nach Hause geflogen. Wann die beschlagnahmte „Eleonore“ wieder in See stechen kann, ist unklar. Als ziemlich wahrscheinlich gilt, dass der amtierende Innenminister Salvini das Schicksal der „Eleonore“ für politische Zwecke instrumentalisieren könnte.

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Unklar ist weiterhin, wie sich der Flaggenstaat, in diesem Fall die Bundesrepublik, zur Festsetzung des Schiffes verhalten wird. Die Umbrüche in der italienischen Politik könnten die Situation für Seenotretter im Mittelmeer wieder verbessern. Möglicherweise findet Italien sogar zurück in die Vor-Salvini-Zeit, in der die Rettungsleitstelle in Rom sämtliche Einsätze im südlichen Mittelmeer koordinierte, egal ob es sich um private Schiffe oder Handels- und Marineschiffe handelte.


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