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Mission unmöglich

Ein SZ-Redakteur wollte eine Woche lang kein neues Plastik kaufen. Gescheitert ist er an Kleinigkeiten.

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Von Alexander Kempf

Eine Woche lang habe ich Folien, Becher und Flaschen ausgewaschen und archiviert. Am vergangenen Freitag ist so ein bedenklicher Berg Plastik zusammengekommen. 438 Gramm zeigte die Waage an. Diese Woche habe ich nun versucht, konsequent keinen Kunststoff zu kaufen…

Erkenntnis 1: Wir sollten mehr über Verpackungen reden

Ich bin in den vergangenen Tagen mehrmals auf meinen Selbstversuch angesprochen worden. Das Thema hat viele Menschen offensichtlich bewegt. Vor lauter Bäumen sieht man manchmal den Wald nicht mehr. Mit Plastik ist es ähnlich. Da es uns überall umgibt, nehmen wir es gar nicht mehr wahr. Dabei lohnt es sich, kritisch zu hinterfragen, ob beispielsweise Wasser in Plastikflaschen gut aufgehoben ist. Noch ist nicht hinreichend geklärt, welchen Einfluss chemische Weichmacher auf den Menschen haben.

Erkenntnis 2: Ein Leben ganz ohne Kunststoff ist nicht mehr möglich

Ob Telefon oder Tastatur – wer ganz ohne Kunststoffe auskommen will, der muss die Zivilisation hinter sich lassen. Das heißt aber nicht, dass man seinen Kunststoffverbrauch nicht deutlich senken kann. Mir ist zumindest das gelungen. Statt beinahe einem halben Kilogramm Plastik in der vergangenen Woche habe ich diesmal nur wenige Gramm angehäuft. Denn auch in Deckeln von Gläsern und Glasflaschen gibt es Kunststoffe. Wie viel Plastik ich tatsächlich verbraucht habe, kann ich gar nicht genau sagen. Denn in Restaurants ist oft nicht ersichtlich, wie die Zutaten vorher gelagert oder transportiert worden sind.

Erkenntnis 3: Kleine Veränderungen erzielen große Wirkung

Ein Stoffbeutel ist nicht schwer, ihn immer bei sich zu haben aber scheinbar sehr. Anders lässt sich nicht erklären, dass einem überall Plastiktüten an die Hand gegeben werden. Joghurt in Bechern? Brot hinter Folie? Tomaten in Schalen? All das muss nicht sein, wenn man bewusst einkauft.

Erkenntnis 4: Bewusst einkaufen kostet Geld, Zeit und auch Nerven

Milch im Glas gibt es nicht in jedem Supermarkt. Wer wie ich auf Kunststoff verzichten möchte, der muss lange Wege in Kauf nehmen. Das ist unwirtschaftlich und unökologisch. Durch die Omnipräsenz von leichten Kunststoffverpackungen werden schwere Gläser und Flaschen mehr und mehr zu teuren Nischenprodukten. Wer aber mit einem Einkauf beim Erzeuger Verpackung einsparen will, der zahlt dafür nicht selten einen hohen Preis. 16 Euro für eine Stange Ziegen-Salami? Über fünf Euro für 200 Gramm Käse im Glas? Diesen Luxus kann oder will sich kaum jemand leisten.

Erkenntnis 5: Auf dem Land fehlen alternative Angebote

In Sachen Lebensmittel ist man auf dem Land zwar weit weniger auf Verpackungen angewiesen als in der Stadt. Die Kartoffeln kommen aus dem Garten und der Honig vom Imker nebenan. Aber schon Limonade in Glasflaschen ist in Niesky Bückware. Hygieneartikel wie Holzzahnbürsten oder Waschnüsse sind gar nicht erhältlich. Dafür gibt es scheinbar keinen Markt.

Erkenntnis 6: Wer keinen Kunststoff kaufen will, der muss kreativ sein

Fertigsalate oder Fruchtdrinks erzeugen unnötige Verpackungen. Ich habe festgestellt, dass vieles zu Hause gesünder und umweltfreundlicher hergestellt werden kann. Sogar das Wasser aus der Leitung kann in Niesky bedenkenlos getrunken werden. 1 000 Liter stilles Wasser für 1,64 Euro? Gutes muss nicht teuer sein.

Für mich persönlich endet mein Selbstversuch versöhnlich. Gerade mal fünf Plastikdeckel habe ich diese Woche gesammelt. Sie wiegen 15 Gramm. Ich bin zufrieden. Geld gespart habe ich wegen der langen Wege nicht. Das Pfand, das mir noch zusteht, wiegt das Benzin oft gar nicht auf.