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Mit 66 Jahren noch hinterm Ladentisch

Adelheid und Rudolf Thomas verkaufen in Neukirch „1.000 kleine Dinge“. Ans Aufhören denken sie noch nicht.

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© Matthias Schumann

Von Ingolf Reinsch

Ladenregale zu verkaufen. Der kleine Zettel am Schaufenster lässt Befürchtungen wach werden. Geben Adelheid und Rudolf Thomas, beide 66 Jahre, jetzt ihr Geschäft am Neukircher Grünweg auf? Nein, sagen die beiden. Solange es ihre Gesundheit erlaubt, wollen sie das Geschäft im eigenen Haus weiterführen.

Die Regale stammen noch aus der Zeit, als das Ehepaar im Neukircher Hofgericht ein zweites Geschäft hatte. Von 1996 bis 2002 hatte es in dem kleinen Kaufhaus an der B 98 verkauft. „Nach sechs Jahren war der Mietvertrag abgelaufen. Wir haben ihn nicht verlängert, sondern konzentrieren uns seitdem auf unser angestammtes Geschäft am Grünweg“, sagt Rudolf Thomas.

Das bietet auf nur 40 Quadratmetern ein breites Sortiment. Verkauft werden auf gut sortierter Fläche Haushaltswaren, wie zum Beispiel Tassen, Teller, komplette Services, Gläser und Töpfe, elektrische Haushaltsgeräte, Geschenke und Kunstgewerbe. Darüber hinaus ist Thomas’ Laden ein Teefachgeschäft. Aus über 80 Sorten des aromatischen Getränkes können die Kunden wählen. Den Tee gibt es abgepackt, aber auch abgewogen aus Metalldosen. Zunehmend gefragt bei den Kunden sind ökologische Teesorten, sagt Adelheid Thomas.

Beim Rundgang durch das kleine Geschäft entdecken vor allem ältere Kunden Bekanntes, Seltmann-Porzellan zum Beispiel, Räucherkerzen aus Crottendorf – nicht nur für die Weihnachtszeit – oder erzgebirgische Schnitzereien aus der Werkstatt Hubrig, die für die hübschen, lachenden Gesichter ihrer Figuren bekannt sind und vor allem von Sammlern geschätzt werden. Neu im Sortiment sind jetzt wieder kunstvoll verzierte Kerzen aus Ebersbach. „In der Adventszeit haben wir sie sehr gut verkauft. In den nächsten Tagen kommt die Oster-Kollektion“, sagt Adelheid Thomas.

Mit dem Geschäft verbindet sich eine lange Familientradition. Es war Teil eines 1871 gegründeten Betriebes, in dem unter anderem Sauerkraut und eingelegte Gurken hergestellt werden. Schnell hatte das Gemüsegeschäft bei den Neukirchern seinen Namen weg: „Gurken-Thomas“. „Diesen Namen dürfen sie ruhig schreiben“, sagt Rudolf Thomas schmunzelnd, der als junger Lebensmittelingenieur nach dem Studium selbst im Familienbetrieb angefangen hatte. Bis 1972 gab es „Gurken-Thomas“ in Neukirch. Dann wurde der Betrieb verstaatlicht. Rudolf Thomas wechselte zur Früchteverarbeitung Sohland. Eine Tante führte das Gemüsegeschäft weiter.

Rudolf Thomas ist Seiteneinsteiger im Einzelhandel. Zu Beginn der 90er Jahre, als er arbeitslos wurde, war er kaum Mitte 40 und fand nichts Neues. Damals besann er sich der Familientradition und richtete das Haushaltwarengeschäft ein. Seine Frau, studierte Ingenieurökonomin, steht wie er im Geschäft und macht die Buchhaltung. Längst ist der Laden nicht mehr nur Neukirchern ein Begriff. Kunden kommen aus Bischofswerda, Wilthen, sogar Bautzen. „Wir haben viele Stammkunden und nehmen uns bei der Beratung Zeit für sie“, sagt Adelheid Thomas. Ein Vorteil, den viele Kunden zu schätzen wissen. Ein weiterer: Älteren, die jetzt nicht mehr oder nur noch mit Mühe aus dem Haus kommen, wird bestellte Ware auch nach Hause gebracht. Gelegentlich schaut auch Laufkundschaft vorbei. Ein Schild an der B 98 weist auf das Geschäft mit den „1.000 kleinen Dingen“ hin.

Bei alldem wirft der kleine Laden nur bescheidenen Gewinn ab. Adelheid und Rudolf Thomas sehen es als „Zubrot zur Rente“. Von den Umsätzen eine Familie zu ernähren, ist nicht möglich. Die Kinder gehen eigene, andere Wege. „Wir halten das Geschäft offen, weil wir sowieso im Haus sind“, sagt Adelheid Thomas. Einen Nachfolger wird es nicht mehr geben.

Von den Ladenregalen aus dem Geschäft im Hofgericht sind die großen übrigens alle schon weg. Es gebe noch einige Wandregale, sagt Rudolf Thomas.

Das Geschäft am Grünweg ist montags bis donnerstags, 9 bis 18 Uhr, und freitags, 10 bis 18 Uhr, geöffnet.