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Von grob zu filigran

Er ist bekannt als harter Hund mit rauen Sprüchen - und als wahrer Handwerkskünstler. Doch mit einer Kunst überrascht er.

Das Akkordeon ist die neue Leidenschaft von Zimmerermeister Günther Roick aus Meißen. Zu seinem Jubiläum gratuliert auch seine Musiklehrerin Sabine Krieg.
Das Akkordeon ist die neue Leidenschaft von Zimmerermeister Günther Roick aus Meißen. Zu seinem Jubiläum gratuliert auch seine Musiklehrerin Sabine Krieg. © Claudia Hübschmann

Meißen. Er ist ein Meister seines Fachs. Zimmerermeister Günther Roick aus Meißen. 85 Dachstühle hat er in seinem Leben in Handarbeit gebaut. Einst rettete er mit seiner traditionellen Handwerkerkunst das Oberlößnitzer Winzerhaus Breitig - eines der ältesten erhaltenen Weinberghäuser bäuerlichen Charakters in Radebeul - vor dem Verfall. 30 Jahre lang, bis 2002, hat er als Zimmerermeister in der Betriebsschule Bauwesen im Triebischtal und später im BSZ Meißen seine Lehrlinge „gequält“. Heute, mit 80 Jahren, sitzt er selbst noch einmal auf der Schulbank. Um das Akkordeonspielen zu erlernen.

Zur Geburtstagsfeier seines runden Ehrentages kommen ehemalige Arbeitskollegen. Günther Roick spielt ein bekanntes Seemannslied von Hans Albers – nur nach Gehör, ganz ohne Noten. Er ist aufgeregt, verspielt sich auch einmal. „Eigentlich kann ich das viel besser“, entschuldigt er sich.

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 Seine Gäste sind begeistert. Begeistert von seinem Können und seinem Mut. Denn gerade einmal vor dreieinhalb Jahren tauschte er gänzlich den Hobel gegen das Instrument aus. Der Anfang war allerdings sehr schwer – bis er seine heutige Musiklehrerin vor rund eineinhalb Jahren fand. Sabine Krieg aus Groitzsch. Auch sie gratuliert ihm.

Günther Roick ist mit Abstand ihr ältester Schüler. „Natürlich fällt ihm das Lernen schwerer als Kindern, die mit Leichtigkeit herangehen. Aber er hat Freude am Spielen, ist motiviert und lässt sich nicht unterkriegen“, sagt Sabine Krieg. 

Unterkriegen lassen hat er sich auch nicht von seiner ersten Lehrerin. Sie maßregelte ihn wie einen Schuljungen. Trotzdem lernte er fleißig weiter. Noten – denn bis dato kannte er keine einzige – und die Zuordnung zu den Tasten und Knöpfen am Akkordeon. Bis schließlich zu jener Stunde, als wieder eine bissige Aussage fiel. „Dann hatte ich es satt.“

Auch ohne Hörgerät entgeht ihm kein falscher Ton

Und, so erzählt er weiter, „ich hatte von da an vor jeder Musikstunde Angst.“ Über einen Freund fand er schließlich Sabine Krieg. Ein wenig Bedenken wegen seines hohen Alters hatte sie zuerst, aber „wir harmonieren und kommen gut voran“, sagt sie.

 Dabei lobt sie sein gutes Gehör. Jeden falschen Ton bemerke er. Und er liebt es, einfach nach Gehör zu spielen. Wie eben jenes Seemannslied. Beeindruckend, wenn man weiß, dass Günther Roick Hörgeräte braucht. Doch beim Spielen legt er sie ab – trotzdem entgeht ihm kein einziger Fehler.

Sein musikalisches Talent kam nicht plötzlich. Schon als Kind liebte er das Singen. Zeit, seiner Leidenschaft zu frönen, gab es aber nicht. Die weiche, musikalische Seite ließ er nie durchblicken. Auch nicht in lockeren Runden.

 „Wir kennen uns nun schon 40 Jahre. Er hat nie gesungen, noch nicht einmal gesummt“, erzählt sein einstiger Kollege und Freund, Dachdeckermeister Andreas Fröhlich. Roick war nur bekannt als einer mit klaren Ansagen, „wie es eben auf dem Bau so zugeht.“ Günther Roick stimmt zu, „ich galt als strenger Lehrer.“ 

Rund 250 Lehrlinge bildete er aus. Dachstühle wie jenen in Radebeul baute er alleinverantwortlich, lediglich mit Lehrlingen an seiner Seite.

Stillstand kennt Günther Roick nicht. Er sucht die Herausforderungen. Das Akkordeon liebt er wegen der vielfältigen Musik, die damit gespielt werden kann. „Beat, Kirchenmusik, flott oder Walzer“ und eben die alten Seemannslieder. Die waren es auch, die ihn schon früher bei Ostseereisen begeisterten. 

Jeden Tag übt er zwischen einer halben und einer Stunde. „Es geht weiter, auch mit komplizierten Stücken“, sagt er erfreut. So ist er jetzt dabei, Bässe und Akkorde richtig zu erlernen: „Das sind die Knöpfe links“, erklärt er. Mit rechts werden die Töne gespielt. „Es sind ganz schöne Fingerfertigkeiten, die man sich dabei aneignet.“ 

Und dann muss beides auch noch harmonieren. „Es gehört eine Menge Arbeit dazu.“ Eine große Freude bereitet es ihm dann auch, wenn er seinen Enkeln Weihnachtslieder vorspielen kann.

Und dann spielt Günther Roick seinen Geburtstagsgästen noch ein Stück vor. „Ode an die Freude“ - nach Noten.

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