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Mit 90 jede Woche am Ball

Johanna Döring turnt seit ihrer Kindheit. Heute feiert sie Geburtstag. Noch immer ist ihr der Sport wichtiger als Besuch.

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Von Katja Schäfer

Wenn man rumsitzt, da merkt man doch erst, was einem alles wehtut“, sagt Johanna Döring und lächelt verschmitzt. Die Wehrsdorferin kann demzufolge kaum Schmerzen spüren. Denn sie sitzt selten still. Obwohl sie heute schon 90 Jahre alt wird, geht sie regelmäßig zum Sport. Einmal pro Woche macht sie Gymnastik im Turn- und Spielverein Wehrsdorf. „Sie ist unser ältestes aktives Mitglied. Ich kann mich kaum erinnern, dass sie mal gefehlt hat“, sagt Evelin Mende, die die Turn- und Gymnastikabteilung leitet.

Außerdem geht Johanna Döring, die viele nur unter dem Namen Hannchen kennen, täglich spazieren und oft schwimmen. „Bei schönem Wetter bin ich im Sommer jeden Tag im Waldbad. Und im Winter fahre ich ab und zu in die Körse-Therme“, sagt die rüstige Seniorin. Apropos fahren: Johanna Döring ist noch mit dem eigenen Auto unterwegs. Und in ihrer Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses im Wehrsdorfer Ortszentrum bewältigen sie und ihr Lebensgefährte alles allein.

Der Sport spielt von Kindheit an eine ganz wichtige Rolle in Johanna Dörings Leben. „Mein Vater hat die Wehrsdorfer Turnhalle mit gebaut. Da bin ich als Kind oft mitgegangen“, erinnert sich die 90-Jährige. So wurde sie schon vorm Vorschuleintritt Mitglied im Turnverein, machte Geräteturnen und Gymnastik. „Der Barren war mein Lieblingsgerät“, erzählt Johanna Döring. Auch an Wettkämpfen nahm sie teil. „Wir sind mit dem Rad hingefahren, zum Beispiel bis nach Rammenau.“ Eine Sportpause gab es in ihrem Leben nie. „Mich zu bewegen, hat mir immer Spaß gemacht. Es gab Zeiten, da bin ich dreimal pro Woche in die Turnhalle gerannt“, sagt die zierliche Frau. Während des Krieges übernahm sie aufgrund des Männermangels als Übungsleiterin die Jungen-Riege der Turner.

Auch ihren Mann hat die gebürtige Wehrsdorferin beim Sport kennengelernt; beim ersten Turnerball nach dem Krieg. „Er konnte so gut tanzen“, schwärmt die Rentnerin. 48 Jahre waren die beiden verheiratet, bis er vor 19 Jahren starb. Auch während der Ehe gab Johanna Döring den Sport nie auf. Kinder hat sie nicht. „Ich konnte leider keine bekommen“, bedauert die temperamentvolle Frau, die es von jeher gewöhnt ist, sich zu kümmern. Ihre Mutter starb früh, ihr Mann war aufgrund seiner Kriegsverletzungen eingeschränkt. Gearbeitet hat Johanna Döring als Verkäuferin und Verkaufsstellenleiterin – „das ganze Leben lang“, wie sie lächelnd sagt. Konsum-Hannchen wurde sie genannt.

Ihre zweite große Leidenschaft neben der Bewegung waren Handarbeiten. Selbst geknüpfte Läufer liegen auf dem Fußboden ihres Wohnzimmers. Kunstvoll gestrickte Deckchen in der Anbauwand. Jetzt greift sie kaum noch zu Wolle und Garn. Doch dem Sport will sie treu bleiben. „Solange ich noch kann, gehe ich zur Gymnastik“, sagt Johanna Döring resolut, die einer von vier Erwachsenengruppen des Turnvereins angehört. Montag ist ihr Sporttag. Da geht nichts anderes. Selbst Besuch hat schlechte Karten. Entweder schickt sie ihn weg oder ihr Lebensgefährte kümmert sich drum. „Die Leute können ja an einem anderen Tag kommen. Die wissen doch, dass ich Montag Sport habe“, sagt sie und gibt zu: „Wenn ich mal nicht zur Gymnastik gehe, fehlt mir was – die Bewegung, aber auch das Miteinander, die Kameradschaft, der gute Zusammenhalt in der Gruppe“.