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Mit Corona zum Zahnarzt

Die Praxis von Conrad Kühnöl in Dresden ist eine von fünf in Sachsen, die Infizierte behandelt. Jetzt kam die erste Patientin.

Probe für den Ernstfall: Dr. Conrad Kühnöl und Lysann Margraf agieren in gelber Schutzkleidung.
Probe für den Ernstfall: Dr. Conrad Kühnöl und Lysann Margraf agieren in gelber Schutzkleidung. © Jürgen Lösel

Angst? Dr. Conrad Kühnöl schüttelt den Kopf. „Wenn man sich ordentlich schützt, dann ist die Ansteckungsgefahr sehr, sehr gering.“ Mutige Worte in einer Zeit, in der Mindestabstände auf Gehwegen vorgeschrieben und eine Mundschutzpflicht für alle diskutiert wird. Mutige Worte erst recht für einen Zahnarzt. Denn in der Mundhöhle eines Menschen tummeln sich Zehntausende Bakterien und Viren. Und bei einigen seit Kurzem auch Sars-Cov-2, das neuartige Coronavirus.

Doch was geschieht mit Patienten, die damit infiziert sind – und plötzlich auch noch von akuten Zahnschmerzen geplagt werden? Eigentlich sind Zahnarztpraxen nicht darauf vorbereitet, obwohl für sie bereits strenge Hygieneregeln gelten. Andererseits gibt es einen Versorgungsauftrag – für alle Patienten. Deshalb wandte sich die Kassenzahnärztliche Vereinigung Sachsen (KZVS) vor etwa drei Wochen per E-Mail mit einem Hilferuf an alle Praxen im Freistaat. „Wer über die technischen Voraussetzungen verfügt und den Bereitschaftsdienst auch am Wochenende und an Feiertagen absichern kann, möge sich bitte melden“, erinnert sich Beatrix Seeck. Sie arbeitet als Managerin von Kühnöls Praxis im Dresdner Süden.

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Drei Zonen, zwei Teams

Der Zahnarzt musste nicht lange überlegen und bekundete seine Bereitschaft. Ein paar Tage später besichtigte KZVS-Vorstandschef Dr. Holger Weißig die Praxis – und gab sofort sein Okay. Zehn Tage darauf traf die versprochene Schutzkleidung ein. „Himmel und Hölle“ habe man in Bewegung gesetzt, um auch an Masken und Desinfektionsmittel zu gelangen, sagt Kühnöl. Wie genau, will er lieber nicht erzählen. Jedenfalls gehörte seine Praxis neben dem Uniklinikum Leipzig zu den ersten Orten in Sachsen, wo Corona-Patienten wegen Zahnschmerzen behandelt werden dürfen. Seit Donnerstag sei das auch in Kamenz, Chemnitz und Falkenstein/V. möglich, informiert Dr. Thomas Breyer, Präsident der Sächsischen Landeszahnärztekammer.

Zahnarzt Kühnöl hat seine Praxis dafür in zwei Bereiche getrennt. Oben läuft der normale Betrieb weiter, soweit das noch als normal gelten kann. Patienten müssen – wie in den anderen sächsischen Praxen – erst mal einen Fragebogen ausfüllen: Leiden Sie unter Schnupfen, Frösteln, Kurzatmigkeit? Nur wer alle 17 Fragen mit Nein beantwortet, darf auf den Behandlungsstuhl – und auch nur dann, wenn die Behandlung keinen Aufschub gestattet. „Ein Grund können starke Schmerzen sein“, erklärt Kühnöl. „Oder wenn eine regelmäßige Betreuung nötig ist, um Folgeschäden zu vermeiden, etwa bei Parodontitis.“

Die Schutzausrüstung – bereit für den Notfall.
Die Schutzausrüstung – bereit für den Notfall. © Jürgen Lösel

Eine Etage darunter, wo sonst Prophylaxe-Behandlungen laufen, befindet sich nun die Corona-Zone. Auch die ist noch mal in verschiedene Zonen eingeteilt. Zone 1 dürfe ohne Schutzkleidung betreten werden, steht auf einem Zettel an der Tür. Dahinter befinden sich Umkleideraum und die Zonen 2 und 3. Auch hier wird noch mal getrennt: „Wir haben ein blaues und ein gelbes Team“, sagt Kühnöl. Wer blaue Schutzkleidung trägt, darf allenfalls visuellen Kontakt mit Patienten haben – etwa beim Empfang, beim Einlesen der Chip-Karte, beim Reichen der Instrumente. Das gelbe Team besteht aus dem Zahnarzt und der zahnmedizinischen Fachangestellten.

Lysann Margraf ist seit vielen Jahren die rechte Hand von Dr. Kühnöl. Auch für sie ist die Situation völlig neu. „Das Anziehen dauert schon seine Zeit“, sagt sie. Erst die Mundmaske, dann die Haarhaube, dann Brille oder Schutzschild. Weiter geht es mit Umhang und Handschuhen. Und zum Schluss die Hülle für die Schuhe. Die Frauen haben das mehrfach geübt und wissen: Das Ausziehen ist noch mal um einiges schwieriger, wenn man sich nicht mit der eigenen Schutzkleidung infizieren will.

Der Thermodesinfektor tötet Viren zuverlässig.
Der Thermodesinfektor tötet Viren zuverlässig. © Jürgen Lösel

Bisher war alles nur Probe. Bis am Donnerstag die erste Frau behandelt werden musste, die in einem Heim Kontakt zu einer Corona-Patientin hatte. Einfach mal so anklingeln – das funktioniert übrigens nicht. „Die Patienten müssen zunächst ihren Hausarzt anrufen“, erläutert Conrad Kühnöl. „Der Hausarzt meldet den Fall bei der KZVS, und die schickt den Patienten dann zur Praxis.“ Idealerweise sollten es immer gleich mehrere Patienten sein, um die Behandlungen unmittelbar nacheinander durchführen zu können. Aber ob Wunsch und Wirklichkeit immer zusammen passen, wird erst die Zukunft zeigen.

Wenn es dann doch passiert, gelten auch für die Patienten besondere Regeln. Sie betreten die Praxis durch eine Hintertür. In einem Vorraum übergeben sie einer Mitarbeiterin des blauen Teams die Chip-Karte; das Lesegerät und eine Flasche mit Desinfektionsmittel liegen schon bereit. An der Tür des Behandlungsraums klebt ein Zettel mit Verhaltensregeln für Patienten: „Bitte fassen Sie nichts an! Bitte handeln Sie ausschließlich nach Anweisung des Personals! Bitte beachten Sie die Abstandsregeln!“ Erst dann darf der Patient auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen. Kühnöl: „Die Schmerzbehandlung dauert nicht länger als 15 Minuten, die Vorbereitung etwa eine Stunde.“

„Das Anziehen dauert schon seine Zeit“, sagt Lysann Margraf. Erst die Mundmaske, dann die Haarhaube, dann Brille oder Schutzschild. Weiter geht es mit Umhang und Handschuhen. Und zum Schluss die Hülle für die Schuhe.
„Das Anziehen dauert schon seine Zeit“, sagt Lysann Margraf. Erst die Mundmaske, dann die Haarhaube, dann Brille oder Schutzschild. Weiter geht es mit Umhang und Handschuhen. Und zum Schluss die Hülle für die Schuhe. © Jürgen Lösel

Und dann ist ja auch noch die Nachbereitung. Die Instrumente werden in einer Spezialbox zwischengelagert, um Keime abzutöten. Dann werden sie noch mal in einem Apparat behandelt, der einer Spülmaschine nicht unähnlich ist. „In dem Thermodesinfektor überlebt kein Virus“, sagt der Zahnarzt. Das Gerät steht in einem Reinstraum, wie ihn sonst nur hochgerüstete Labore vorweisen können. „Das war ursprünglich mal ein Krankenhauslabor“, erklärt Kühnöl.

Rechnet sich der Aufwand für den Arzt überhaupt? Die Pauschalen für den Bereitschaftsdienst seien so kalkuliert, dass die Einnahmen und die Mehrausgaben einigermaßen ausgleichen, sagt Managerin Seeck. Das wäre schon mal ein Vorteil im Vergleich zur Mehrheit der Praxen, die laut Bundeszahnärztekammer derzeit unter hohen Umsatzeinbußen leiden und von der Politik einen Rettungsschirm fordern.

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Kühnöl selbst sieht sich für die Zukunft gerüstet. Seine Praxis und sein Zahntechniklabor sind technisch auf Spitzenniveau, viele Prozesse laufen bereits über Rechner. Ganz neu ist ein Programm, mit dem er sogar die Implantatversorgungen digital planen und fertigen kann. „100 Prozent keimfrei“, sagt er stolz. Als hätte er Corona längst kommen sehen.

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