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Mit dem Erbschleicher auf Tour

Gastwirt Tino Unrath restauriert einen fast 70 Jahre alten Kleinbus. In dem zeigt der Neukircher Hotelgästen die Oberlausitz.

© Wolfgang Schmidt

Von Wolfgang Schmidt

Neukirch. Immer wenn in Neukirch Tino Unrath seinen alten Framo startet, ist es weithin zu hören, das urige Knattern und Puffern des Motors. Und man riecht das Fahrzeug an seinen Auspuffgasen – ein typischer DDR-Zweitakter.

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Innen sparsam: Hier geht alles nur mit Handarbeit – auch für den Kraftfahrer.
Innen sparsam: Hier geht alles nur mit Handarbeit – auch für den Kraftfahrer. © Wolfgang Schmidt
Außen edel: Tino Unrat entschied sich für Bordeauxrot – passend zum Interieur seines Gasthofes.
Außen edel: Tino Unrat entschied sich für Bordeauxrot – passend zum Interieur seines Gasthofes. © Wolfgang Schmidt
Restauriert mit dem Sinn fürs Detail: Die Radkappen sind noch aus richtigem Blech.
Restauriert mit dem Sinn fürs Detail: Die Radkappen sind noch aus richtigem Blech. © Wolfgang Schmidt

Das Faible des Ur-Neukirchers für alte Fahrzeuge geht bis in seine Kindheit und Jugend zurück. „Es war die Zeit ohne Handy. Mit Freunden waren wir oft im Freien unterwegs, bauten Flöße, bastelten an Fahrrädern und später an Mopeds herum“, erinnert sich Tino Unrath. Als erstes Motorrad kaufte er sich eine gebrauchte „AWO 425-S“, ein Viertaktfahrzeug mit Kardanwellenantrieb. Noch nicht 18-jährig, durfte er es auf öffentlichen Straßen noch nicht fahren. Wenn es niemand sah, probierte er es auf Feldwegen.

Basteln aus Leidenschaft

Sein Bastel- und Schrauberinteresse war geweckt, sie wurden Leidenschaft. Es waren und sind Altfahrzeuge, die er versucht, originalgetreu zu restaurieren. Sein Credo: „Ich verschließe mich nicht der heutigen Zeit und ihren Errungenschaften, aber der Nachwelt möchte auch das eine oder andere Technische erhalten“. Mehrere Dumper und Traktoren stehen in der Garage von Tino Unrath. Seit vier Jahren auch der Framo, ein typischer Kleintransporter. Die ersten Fahrzeuge dieser Bauart wurden bereits in den 1930-er Jahren im sächsischen Frankenberger Motorenwerk hergestellt. Aus den Anfangsbuchstaben des Betriebsnamens wurde die Bezeichnung „Framo“ abgeleitet. In der DDR als volkseigener Betrieb geführt, wurden ab 1951 die ersten Neuentwicklungen ausgeliefert. Im Jahr 1957 erfolgte die Umbenennung in VEB Barkas-Werke Hainichen, die später nach Karl-Marx-Stadt (jetzt wieder Chemnitz) umzogen. Der Nachfolger des Framo firmierte unter der Marke Barkas B 1 000.

Das von Tino Unrath erworbene Modell ist eine echte Rarität: ein Kleinbus, Baujahr 1954. Von dieser Bauart soll es weltweit nur noch 16 Fahrzeuge geben. „Erbschleicher“ taufte der Neukircher den Fahrzeug-Veteranen. Der eigentliche „Erbschleicher“ ist ein von Tino Unrath als Patent angemeldeter, in der Neukircher Spirituosenfabrik Jonas hergestellter Kräuterlikör. Ausgeschenkt wird er im Neukircher Erbgericht, dessen Inhaber Tino Unrat ist. Der Name „Erbschleicher“ ist aber auch augenzwinkernd gemeint. Und das aus mehreren Gründen. Zum einen fand im Erbgericht ursprünglich die niedere Gerichtsbarkeit statt. Zum anderen gibt es einen Bezug zu dem Restaurant mit Hotel im Niederdorf der Oberlandgemeinde. Und, nun ja, auf der Straße ist der Framo halt nicht der Schnellste.

Das Fahrzeug ist TÜV-geprüft und für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen. Sein Motor leistet 24 PS und kann eine Höchstgeschwindigkeit bis zu 70 km/h entwickeln. „Die Schnelligkeit ist für mich nicht wichtig, sondern seine Verwendung, um bis zu sieben Fahrgäste befördern zu können“, sagt Tino Unrath. Mit seinem „Erbschleicher“ nämlich holt der Gastwirt von den Neukircher Bahnhöfen oft die Hotelgäste ab oder fährt mit ihnen zu nahen Lausitzer Sehenswürdigkeiten.

Aufwendige Restaurierung

Die Restaurierung des Oldtimers ist eine aufwendige Sache. So war es eine Herausforderung, den maroden Holzrahmen mit Buchen- und Eichenholz neu zu ersetzen. Mit Unterstützung des Nachbarn, des Tischlers Klaus Wobst, gelang das Vorhaben. Indes, bekennt Tino Unrath, für andere mechanische Überprüfungen und Instandhaltungen holt er sich professionelle Hilfe. Ursprünglich war der Kleinbus hellblau lackiert; jetzt zeigt er sich in bordeauxrot. „Diese Farbe gefällt mir, weil sie zum farblichen Interieur unseres Gasthofes passt“, sagt der Neukircher. Abgeschlossen ist die Restaurierung aber noch nicht völlig. Zierleisten müssen noch beschafft und auf dem Dach und an den Seitenflächen des Framo installiert werden. „Nur schrittweise kann ich mein Hobby ausführen, weil der Beruf und die Zufriedenheit meiner Gäste Vorrang haben“, so der Wirt. Doch zum Ende dieses Jahres soll auch das geschafft sein. Dann wird der Gastwirt und Hotelier mit seinen Framo-Helfern sicher mit einem Landskron auf die gelungene Restaurierung anstoßen.

Tino Unrath erlernte in der ehemaligen HO-Gaststätte des Kulturhaus Bischofswerda den Beruf eines Restaurantfacharbeiters. Danach arbeitete er in verschiedenen gastronomischen Einrichtungen. Mit erst 21 Jahren wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. Im Jahr 1988 kaufte er von „Schuberts Johanna“ den historischen Gasthof „Zum Erbgericht“ im Neukircher Niederdorf, den er als Hotel erweiterte. Das Restaurant bietet 50, das Kaminzimmer 30 Gästen Platz. Gefragt gerade jetzt ist auch der Biergarten. In seinem Hotel bietet Tino Unrath neun Doppel- und drei Einzelzimmer an. Sein Hotel ist Partner der Tourismusmarke Oberlausitzer Bergweg. Dieser beginnt in Neukirch und führt bis Zittau.

Später erwarb der Gastronom noch den nahen Ballsaal „Deutsche Eiche“ und die Valtentalseebaude. Diese beiden Lokalitäten können für Feste und Veranstaltungen gemietet werden – privat, von Einrichtungen oder Unternehmen.

www.erbgericht-neukirch.de