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Dippoldiswalde

Mit dem Forstpanzer im Bombenwald

Spezialisten haben in Altenberg mit dem Aufräumen begonnen und erleben gleich eine Überraschung.

Maschinenführer Stefan Rickelt am gepanzerten Harvester im munitionsbelasteten Wald an der Rehefelder Straße bei Altenberg.
Maschinenführer Stefan Rickelt am gepanzerten Harvester im munitionsbelasteten Wald an der Rehefelder Straße bei Altenberg. © Egbert Kamprath

Noch ehe es richtig losgeht, ist es schon wieder vorbei. Der lange Greifarm, genannt Kran, schwenkt ein paar Mal durch den vom Sturm zerzausten Wald, schnappt sich einen Baum, hebt den Stamm wie ein Streichholz in die Luft und zieht ihn mit kräftigem Biss durchs Maul. Dann verstummt der Harvester. Die Kabinentür öffnet sich und ein junger, großgewachsener Mann klettert aus der Forstmaschine. Ende der Vorstellung am Dienstagvormittag für die Medien. Jetzt geht nichts mehr. Viel zu gefährlich.

Maschinenführer Stefan Rickelt ist mit ein paar Schritten auf sicherem Terrain auf der Rehefelder Straße in Altenberg. Gelassen zieht er nach ein paar Minuten ein Sprechfunkgerät aus seinem Arbeitsanzug. „Was ist das, was wir vorhin gefunden haben?“, will er wissen. Die Munitionssucher, die Dutzende Meter entfernt stehen und von denen nur ihre dicken, grauen Kapuzen zu sehen sind, geben sich wortkarg: „Keine Info“, schnarrt es aus dem Lautsprecher. 

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Das Sperrgebiet ist etwa 80 Hektar groß und ausgeschildert.
Das Sperrgebiet ist etwa 80 Hektar groß und ausgeschildert. © Egbert Kamprath

Wenig später sickert durch: Die Spezialisten von der Kampfmittelbergungsfirma EOD Hinderlich aus Brandenburg sind mit ihrem Sondiergerät im Bombenwald fündig geworden. „Das war in meiner Nähe“, sagt Stefan Rickelt mit ruhiger Stimme, „etwa 15 Meter entfernt.“ Vermutlich liegt wenige Meter neben der S 182, verborgen hinter einem Bollwerk aus Holz, eine Panzergranate im Boden. Jetzt müssen die Experten ran. „Der Kampfmittelbeseitigungsdienst muss kommen“, sagt Norbert Wegener und lächelt. Erklärend fügt er hinzu: „Das ist für uns täglich Brot.“

Er ist Chef einer Firma im Sauerland, die sich mit Holzeinschlag und Holzhandel beschäftigt. Das klingt nicht sehr aufregend, wäre da nicht Wegeners Spezialgebiet: Mit seiner Zehn-Mann-Firma arbeitet er bundesweit auf Waldflächen, auf denen noch mit hoher Wahrscheinlichkeit Munition aus dem Weltkrieg vermutet wird. „Da liegt noch sehr viel in Deutschland“, schätzt der 53-Jährige. „Die Belastung ist enorm.“ Und das Risiko, dass mal etwas in die Luft fliegt, werde mit den Jahren immer größer. Das explosive Zeug verrottet und muss raus.

© SZ-Grafik

Deshalb suchen seit Mitte 2014 Spezialkräfte im Auftrag der sächsischen Polizei auch im Altenberger Kahleberggebiet nach Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Denn es ist bekannt, dass vor über 70 Jahren Truppen der deutschen Wehrmacht vor der Roten Armee Richtung Böhmen geflohen sind. Dabei haben sie Waffen und Munition zurückgelassen. Die Hinterlassenschaften wurden später eingesammelt und in einem Steinbruch an der Schneise 31 gesprengt. Bei der Explosion wurde aber nicht alles vernichtet, Teile flogen durch die Gegend. Danach wird nun seit Jahren systematisch gesucht.

Auf drei Waldflächen an der Rehefelder Straße, in Summe rund etwa elf Hektar, ist besondere Eile geboten. Denn durch die Stürme sind hier reihenweise Bäume umgefallen, vornehmlich Lärchen. Wenn das Schadholz nun aber nicht schnellstens aus dem Wald geholt und aufgearbeitet wird, kann sich der Borkenkäfer vermehren, erläutert Bert Hommel, Leiter des Staatsforstbetriebes im Bärenfelser Forstbezirk. 

Bevor das Fahrzeug rollt, wird mit Sondiergeräten die Fläche abgesucht.
Bevor das Fahrzeug rollt, wird mit Sondiergeräten die Fläche abgesucht. © Egbert Kamprath

Das wäre in dieser Region fatal, die stark vom Tourismus lebt. Das ist allerdings nicht seine einzige Sorge. Der Wald ist auch wichtig für die Trinkwasserressourcen und den Hochwasserschutz. „Dafür brauchen wir gesunde und vitale Bestände.“ Deshalb unternimmt der Forstbezirk große Anstrengungen, damit durch eine Käferplage nicht noch mehr Schadholz dazukommt. Aber wie sollen Waldarbeiter und Munitionssucher an die Flächen, wenn Gefahren von oben und unten lauern?

Das Problem soll in den nächsten zwei, drei Wochen Wegeners Spezialtruppe lösen. Dafür hat der Firmenchef einen Harvester in Eigenkonstruktion umgerüstet. „Der ist gepanzert wie eine Staatskarosse“, verrät Wegener. 20 Millimeter dicker Stahl schützt die Holzerntemaschine von unten und ist über den Ketten montiert. Ebenfalls ist die Fahrerkabine besonders gesichert, unter anderem mit dickem Panzerglas.

 „Wir haben auch die Türen extra festgemacht“, erläutert Wegener, damit im Falle einer Explosion dem Fahrer nichts passiert. „Man weiß niemals, was kommt“, so der Spezialist. „Es können ja auch chemische Kampfstoffe da sein.“ Dafür hat er ebenso vorgesorgt. An Bord ist eine Sauerstoffversorgung für den Notfall, vergleichbar mit einer Atemmaske im Flugzeug. „Dann heißt es nur noch Knopf drücken und ruhig sitzen bleiben“, so Wegener. „Angst haben wir keine. Das sind alles erfahrene Leute.“

Der Harvester ist nicht nur über den Ketten gepanzert.
Der Harvester ist nicht nur über den Ketten gepanzert. © Egbert Kamprath

Einer von ihnen ist Stefan Rickelt. Für den 24-Jährigen ist das ein Job wie jeder andere. Der gebürtige Leipziger hat Bau- und Landmaschinenmechaniker gelernt. Sein Ausbildungsbetrieb war zufälligerweise am Firmensitz von Wegener, in Kirchhundem. Die großen Waldmaschinen haben ihn gereizt. Deshalb arbeitet er seit vier Jahren nun dort, erst seit Kurzem steuert er den gepanzerten Harvester. 

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Wenn er in der Kabine sitzt und mit dem 40-Tonner startet, denkt er nicht daran, dass jeden Moment unter ihm etwas hochgehen könnte, erzählt er. Schließlich suchen die Kampfmittelbergungskräfte vor ihm die Trasse in einem Streifen von vier Metern ab, so breit, wie der Harvester ist. Und dann kann er den Greifarm ausfahren und das Schadholz mit festem Griff packen. Dafür hat er einen extra langen Kran. Doch nach dem Fund ist wohl für heute erst mal Feierabend.