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Mit dem Liegedreirad gesund radeln

Als Hagen Witt an Krebs erkrankte, fand er einen Weg zur Ablenkung. Den will er nun auch anderen zeigen.

Von Kerstin Fiedler

Mit einem freundlichen Lächeln sitzt Hagen Witt auf seinem Liegedreirad. Wenn er auf Tour durchs Heide- und Teichland ist, vergisst er alles um sich herum. Dann erfreut er sich an der Natur, denn das Radfahren aus dieser Perspektive ist wie Cabrio-Fahren im Auto, findet er. Dabei hat der 53-Jährige aus dem Neschwitzer Ortsteil Neudorf in den vergangenen anderthalb Jahren viel durchgemacht.

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Als ihm die Ärzte im September 2012 empfohlen haben, die Mandeln rausnehmen zu lassen, dachte er an nichts Schlimmes. Doch als er aus der Narkose aufwachte und drei Ärzte sich um ihn bemühten, war das schon komisch. Es stellte sich heraus, dass sie einen bösartigen Tumor hinter den Mandeln gefunden hatten, der schon gestreut hatte. Es folgten Bestrahlung und Chemotherapie. Doch Hagen Witt wollte sich nicht ins Krankenhaus begeben. Noch während der Bestrahlung hat er etwas gesucht, was er aktiv betreiben kann. Doch das war gar nicht so einfach. Er hatte enorm abgenommen, zum Schluss waren es fast 30 Kilogramm. Und manche Tage ging es ihm richtig dreckig. „Ich konnte nicht schlucken, meine Haut rund um den Hals war regelrecht verbrannt, ich hatte keinen Geschmack und ich war schwach“, erzählt er. Doch dann kommt wieder dieses Lächeln in seine Augen, wenn er von seinem Liegedreirad erzählt.

Am Senftenberger See gibt es einen Liegeradverleih. Den kannte er durch seine Tochter, die in Senftenberg studierte. Mit dem Eigentümer unterhielt er sich und fand ein Liegedreirad. „Das war gut, weil es nicht umkippen kann. Außerdem hat es einen kleinen Motor, sodass ich selbst, wenn ich auf einer Tour mal schwächer wurde, wieder heimkam“, sagt Hagen Witt. Die Ärzte wollten ihm dieses Radfahren erst gar nicht erlauben. Aber als sie sahen, wie gut die Genesung voranging, staunten sie und schrieben dies auch dem Fahrrad zu. „Auf dem Rad habe ich den Kopf freibekommen. Ich habe nicht mehr an die Krankheit gedacht und hatte keine Schmerzen. Durch die Liegeposition war es für mich einfacher, als wenn ich gelaufen bin“, erzählt der Versicherungsfachmann, der sich vor acht Jahren selbstständig gemacht hat. Vor einem Monat hat er wieder mit dem Arbeiten angefangen. Und das, obwohl ihn die Krankenkassen berufsunfähig schreiben wollten. „Doch das ist nichts für mich. Mit 53 kann ich doch nicht in Rente gehen. Das passt nicht zu mir“, sagt er.

In dieser Woche hat er erstmals wieder 79 Kilogramm gewogen. „Ich merke, dass mir die Schokolade wieder schmeckt“, schmunzelt er. Und er kocht für sich und seine Frau Kati, obwohl er nicht abschmecken kann und seine Frau sich über das zu gute Essen beschwert. Der trockene Rachen macht ihm beim Reden Probleme. Doch das nimmt er als gegeben hin. „Die Nachwirkungen der Behandlungen sind schlimmer als der Krebs selbst“, sagt Hagen Witt. Doch dann denkt er wieder an seine Radtouren. Mit zwölf Kilometern hat er angefangen, bis Königswartha und zurück. Später wurden es 30 bis 40 Kilometer. Und im Juni vergangenen Jahres nahm er an der Sternradfahrt von Bautzen an den Bärwalder See teil. Eigentlich wollte ihn seine Frau dort abholen. Aber er war so gut drauf, dass er von dort auch nach Hause fuhr. „Hinterher war ich eine Woche platt.“ – Die Ärzte, die ihn behandeln, sind begeistert von seiner Radtherapie. Sie unterstützten ihn auch in dem Bemühen, dieses Liegedreirad als Therapieform bei Krankenkassen oder Therapiezentren vorzustellen. Über ein halbes Jahr hat er sich bemüht. „Wir brauchen einen betreuenden Arzt und ich würde den Patienten begleiten“, sagt Witt. Doch er kam gar nicht erst bis in die Ebenen, in denen die Entscheider sitzen. Zu wenig wissenschaftlich bewiesen sei der Erfolg. „Doch den Nachweis könnte man ja im Rahmen einer Forschungsarbeit erbringen“, argumentiert Hagen Witt.

Mittlerweile hat er enttäuscht aufgegeben. Aber er bietet es Interessenten an, sich dieses aktive Gesundradeln anzuschauen und es auszuprobieren. Dabei müssen es nicht nur Krebspatienten sein. „Wichtig ist, den Kreislauf Krankheit – Schmerz – Angst zu durchbrechen.“ Ein Sponsor für ein zweites Rad wäre gut. Und vielleicht spricht sich der Erfolg ja doch rum.

Kontakt unter 035933 5332 oder 0173 5817819

[email protected]