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Mit dem Schiff zum Zoo

Mit dieser Serie soll an das alte Breslau erinnert und gleichzeitig eine Brücke zum heutigen aufstrebenden polnischen Wroclaw geschlagen werden. Lesen Sie heute den zwölften Teil.

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Von Hans Schulz

In Richtung Szczytniki (Scheitnig), Sepolno (Simpel) und auch nach Dabie (Grüneiche) wählen wir als Ausgangspunkt die Passbrücke, die über die Alte Oder (Stara Odra) führt. Der Name Passbrücke erinnert daran, dass man früher hier den Pass vorzeigen musste, dies war eine Schutzmaßnahme gegen die Einschleppung der Pest. Die alte Holzbrücke aus dem Jahr 1655 wurde 1897 durch eine eiserne ersetzt.

Unser erster Weg führt zu einem Jubilar, denn die bekannte Jahrhunderthalle kann in diesem Jahr auf eine 90-jährige Geschichte zurückblicken. Max Berg, Schöpfer der heutigen Volkshalle (Hala Ludowa), war sich der Bedeutung seines Werkes für die Stadt bewusst, als er 30 Jahre nach ihrem Bau schrieb: „Sie ist bereits heute das Symbol von Breslau, ähnlich wie früher die Rathaussilhouette dazu benutzt wurde.“ Auch heute noch stellt sie ein Wahrzeichen von Wroclaw dar.

Ihre Entstehungsgeschichte, die ästhetischen Werte und die einzigartige Konstruktion erwecken seit Jahren nicht nur das Interesse der Architekturhistoriker, sondern auch das der Touristen aus der ganzen Welt. Dieses Monument ist ein bedeutendes Beispiel der frühen Moderne in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Das Bauwerk liegt auf dem ehemaligen Ausstellungsgelände im Ostteil der Stadt, umgeben vom Scheitniger Park, dem Zoologischen Garten und der Oderpromenade.

Die ursprünglich hier bestehende und mit der Stadt durch Brücken verbundene Fischer- und Bauernsiedlung Scheitnig bildete seit alter Zeit wegen ihrer landschaftlichen Schönheit eine Erholungsstätte für die Einwohner. Der Erholungswert der östlichen Vorstadt stieg noch, als man 1863 in Grüneiche den Zoo anzulegen begann. Trotz enormer wirtschaftlicher Entwicklung der Stadt im 19. Jahrhundert blieb Breslau in kultureller Hinsicht hinter solchen Kulturzentren wie Berlin, Dresden oder Leipzig zurück. Der Stadt fehlte ein Gebäude, das Expositionszwecken dienen könnte. Es sollten noch Jahre vergehen, ehe dieses Vorhaben konkrete Formen annahm. Nach vielen kontroversen Diskussionen stimmte der Stadtrat am 28. Juni 1911 dem Bau der Halle und dem Anlegen eines Ausstellungsgeländes zu.

Die Umgestaltung des Terrains zu einem Ausstellungsgelände wurde Max Berg und dem berühmten Architekten Hans Poelzig übertragen. Das gesamte Jahr 1912 dauerten die Arbeiten an der Errichtung der Ausstellungshalle (später Jahrhunderthalle genannt). Im Dezember war der Rohbau fertig. Im Mai 1913 erfolgte die Eröffnung der geplanten Jahrhundertausstellung (Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und des Sieges über Napoleon). Die feierliche Einweihung fand im Beisein des Thronfolgers Wilhelm in dem neuen Bauwerk statt. Die Jahrhundertausstellung zog mehr als 100 000 Besucher an. In einem Reiseführer ist nachzulesen: Die Jahrhunderthalle war zur Zeit ihrer Entstehung eine unerhört gewagte Konstruktion und mit 6 000 Sitzplätzen sowie 4 000 Stehplätzen, eine der größten Hallen in Europa. Seinerzeit hatte sie die größte freischwebende Massivkuppel der Welt. Der Durchmesser der Kuppel beträgt 67 m, ihre Höhe 42 m. Der Halle sind vier Halbkreisapsiden angelagert. In einer davon stand einst eine der größten Orgeln der Welt. Wie zu erfahren war, wurde das Gebäude 1995/1997 grundlegend restauriert. Der Nutzungscharakter hat sich nicht geändert. Nach wie vor finden hier Massenveranstaltungen, Feierlichkeiten, Ausstellungen und Messen statt. Eine Besichtigung ist möglich.

Auf dem Vorplatz ragt eine spitze, 96 m hohe Stahlnadel empor. Sie stammt aus dem Jahr 1948. Lohnenswert ist ein Abstecher zu dem gegenüberliegenden Zoologischen Garten. Er entstand noch zu der Zeit, als die Gegend hier unerschlossene Natur war, nur spärlich von Eichen und Pappeln bewachsen. Die Eröffnung erfolgte am 10. Juli 1865. Damals konnte man ihn vom Stadtzentrum mit dem Pferde-Omnibus, an Feiertagen zusätzlich mit dem Schiff (oder zu Fuß) erreichen. In den ersten Jahren waren die wenigen Tiere schwer zu beschaffen und sie mussten in verhältnismäßig einfachen Häusern untergebracht werden. Nach dem Ersten Weltkrieg führte die ökonomische Krise 1921 zur Schließung des Gartens. Erst 1927 konnten die ersten Besucher wieder empfangen werden. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung bekam der Zoo einige neue Anlagen für Affen, Bären, Wisente und Antilopen. Die weitere Entwicklung wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Nach dem Kriege bemühte sich die Wroclawer Universität um die dritte Eröffnung. Dank dieser Initiativen wurde der Garten am 18. Juli 1948 wieder eröffnet. Der Tierbestand war zu dieser Zeit mit seinen 150 Exemplaren von 60 Arten sehr gering. Seither hat sich der Zoo dynamisch und systematisch weiterentwickelt. Im Jahr 1956 konnte das Gelände von 13 ha auf 30 ha erweitert werden. Der international anerkannte Zoo besitzt heute mehr als 7 000 Tiere in 600 verschiedenen Arten, darunter sind auch bedrohte und nicht mehr frei lebende Formen. (Schluss folgt)