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Mit den Kufen aufgewachsen

Eishockey-Nationalspieler Frank Hördler kehrt mit der Auswahl in seine Lausitzer Heimat zurück.

© Wolfgang Wittchen

Von Berthold Neumann

Diese letzten Meter in der neuen Arena von Weißwasser, dann auf die Eisfläche gekurvt. Sie gehören zu den emotionalsten Momenten seiner Laufbahn – dabei hat Frank Hördler doch schon 81 Länderspiele absolviert. Der Eishockey-Nationalspieler genießt jeden Moment. Das Länderspiel gegen Frankreich, das gestern bei Redaktionsschluss noch andauerte, war ein ganz Besonderes. Hördler kehrte zu seinen Wurzeln zurück. In die Lausitz. Wo er in Bad Muskau geboren wurde und aus einer Puck-Dynastie in Weißwasser stammt.

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Der Profi von den Berliner Eisbären ist nicht am Wasser gebaut. Aber seiner Gefühle schämt sich Hördler dennoch nicht. „Als Auswahlspieler zurück in Weißwasser – das ist schon unglaublich berührend für mich“, sagte der 29-Jährige. „Jeder, der das Auswahl-Trikot trägt, ist mit Leidenschaft dabei. Und wenn es sich noch um ein Länderspiel in der alten Heimat handelt, ist das Kribbeln besonders stark zu spüren“, fügte er hinzu.

In der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) genießt der Eisbären-Verteidiger den Ruf als Mister Zuverlässig. Er geht dahin, wo es auch wehtut. Und hat dabei auch die Schmerzen eines Puck-Profis überreichlich erfahren müssen. „Ich halte mein Gesicht zu oft in den Puck“, sagte Hördler schmunzelnd. Bohrer und Zange beim Zahnarzt kennt Hördler zur Genüge: Drei Zähne verlor er bereits bei heftigen Zweikämpfen. „Es ist schon manchmal eine Gratwanderung zwischen Kampf und Fairness“, meinte Hördler.

Gestern war es nicht nur sein erstes Auswahlspiel in der Heimat. Zugleich erlebte die alte Eishockey-Hochburg in der Lausitz eine historische Partie: Es war das erste Länderspiel nach der Wende in Weißwasser. Für Hördler aber hatte das Spiel noch eine ganz familiäre Note: „Meine Frau Corinna und unsere Kinder Eric und Jonas konnten mal den Papa in der Nationalmannschaft sehen.“ Die Familie lebt heute in Neu-Lindenberg bei Berlin.

Für die meisten deutschen Spieler war die erste Bekanntschaft mit dem Fuchsbau ein professioneller Test: Wie ist das Eis, wo müssen wir hin? Für Hördler nicht nur. Er schaute das Eis sozusagen mit anderen Augen an. Gewissermaßen eine Spurensuche. „Ja, hier ungefähr muss es gewesen sein oder vielleicht doch dort“, sagte er und prüfte noch einmal seinen Standort. Genau dort, wo Hördler gestern spielte, befand sich die Sohle des berühmten alten Stadions.

Ehrfürchtig in den Eistempel

„Als kleine Kinder durften wir schon mal beim Fasching aufs Eis im alten Stadion. Natürlich nur, wenn man Schlittschuh laufen konnte“, erinnerte sich Hördler. „Aber als Junge aus Weißwasser wuchs man gewissermaßen mit den Kufen auf.“ Für ihn war es sowieso eine Selbstverständlichkeit: der Sohn von DDR-Nationalspieler Jochen Hördler musste einfach dabei sein.

Die Arena war schließlich eine Berühmtheit – nicht nur in der DDR. „Für uns war das große Stadion so etwas wie ein Eis-tempel“, erinnerte sich Frank Hördler. Richtig gespielt hat er aber nicht mehr im damals größten Natureisstadion Europas.

Denn als die Eltern seinen ungestümen kindlichen Bewegungsdrang in ein ordentliches Training bei der SG Dynamo Weißwasser kanalisieren wollten, war dieses Land im Umbruch. Eishockey geriet zur Nebensache, die Leute waren mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Nach der politischen Wende 1989 überlegte auch Familie Hördler, wie es für sie weitergehen sollte.

Vater Hördler verließ 1991 den DDR-Rekordmeister aus Weißwasser und wagte noch einmal einen Neuanfang im westdeutschen Eishockey. „Wir sind damals rübergemacht, wie die Leute hier sagen“, sagte Frank Hördler. Im oberfränkischen Selb fand die Familie ein neues Zuhause. Beim heutigen Oberligisten begann er mit seinem zwei Jahre älteren Bruder David, der später eine Saison das Trikot der Dresdner Eislöwen trug, seine Laufbahn. So kam es auch zu einer nicht alltäglichen Situation. „Als wir alle drei spielten, bildeten Vater, mein Bruder und ich sozusagen einen Familien-Sturm“, sagte Frank Hördler. Wenn Not am Mann in Selb war, zog sich der Papa noch einmal die Montur an.

Dass Jochen Hördler, der vor der Wende mit Dynamo Weißwasser die letzten der insgesamt 25 Meistertitel errungen hatte, so intensiv den sportlichen Werdegang seiner Söhne begleitete, ist für Frank Hördler ein Glücksfall. „Mein Vater ist mein strengster Kritiker. Er hat mir den Weg bereitet und mich auch aufgerichtet, wenn es mal nicht so lief“, meinte der Sohn. Braucht einer wie Hördler mit immerhin sieben Meistertiteln, die er mit den Eisbären in den zurückliegenden Jahren feierte, eigentlich noch Ratschläge? Na klar, entgegnet der Verteidiger. „Die Analyse meines Vaters bedeutet mir noch heute viel, auf seine Tipps will ich nicht verzichten.“

Zum Beispiel bei der Nationalmannschaft. Erst recht nicht nach der vorjährigen verpassten Olympia-Qualifikation für Sotschi. Hördler zieht die Augenbrauen hoch und wird sofort eine Nuance distanzierter, wenn es um den Seelenzustand des angeschlagenen deutschen Eishockeys geht. Nein, die Kritiker wolle er sich nicht wegen deren Schelte zur Brust nehmen. Aber: „Unsere Nationalmannschaft ist nicht so schlecht, wie sie manchmal gemacht wird.“ Für Hördler wird nach Pleiten im Sport gern schnell und lange „auf einem rumgehackt. Das hilft uns aber nicht weiter.“ Der Auswahlverteidiger ist überzeugt, dass die Mannschaft beim WM-Turnier im Mai in Weißrussland ein anderes Gesicht zeigen wird.

Ein gutes Abschneiden wäre auch so etwas wie eine kleine Entschädigung für das vorzeitige Aus der Eisbären in den Play-offs der DEL. Zuvor musste er sich noch Anfang des Jahres mit einem langwierigen und komplizierten Innenband-Anriss im Knie herumplagen. „Das fehlende Erfolgserlebnis hat mich zusätzlich motiviert. Mit der Auswahl wollen wir den nach der Olympia-Pleite verloren gegangenen Kredit wieder herstellen.“