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Kamenz

"Meine Depression spielt gerade Roulette!"

Eine Kamenzerin berichtet über ihre Erfahrungen mit der Krankheit während der Corona-Krise. Und wo sie jetzt Halt findet.

Kerstin Schäfer (52) aus Kamenz leidet seit Jahren an Depressionen. Ihre vier Chihuahuas helfen ihr gerade sehr durch die Corona-Krise. Die stellt psychisch Kranke vor zusätzliche Herausforderungen.
Kerstin Schäfer (52) aus Kamenz leidet seit Jahren an Depressionen. Ihre vier Chihuahuas helfen ihr gerade sehr durch die Corona-Krise. Die stellt psychisch Kranke vor zusätzliche Herausforderungen. © René Plaul

Kamenz.  Ein Garten, vier Hunde, drei Katzen, zwei Schildkröten, Fische, eine Königspython - eigentlich hat Kerstin Schäfer viel zu tun. Ihr Alltag ist ausgefüllt. Das muss er auch, denn die 52-Jährige ist seit Jahren an Depressionen und einer  seltenen Augenschwäche erkrankt.  Da tut Struktur gut. Doch die wurde ihr in den letzten Wochen geraubt. Durch die Corona-Krise ist alles anders. Und es wird eine Weile dauern, bis Normalität einzieht. 

Manchmal sitzt Kerstin Schäfer bis Mittag im Nachthemd in der Küche. Wozu soll sie sich zurechtmachen? In den ersten Corona-Wochen sollte man ja das Haus gar nicht  verlassen. Freunde, Familie treffen? Unmöglich! Für einen Menschen mit psychischer Erkrankung der blanke Horror! "An manchen Tagen hängt eine dunkle Wolke über mir. Die erste Schock-Starre ist vorbei, aber die Isolation von allem, was einem wichtig ist, hat mich in der Krankheit zurückgeworfen", sagt die Kamenzerin. Die Kinder nicht sehen zu können, tue besonders weh. Ihre "Enkelpüppi" fehlt ihr immens.

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Seit über 20 Jahren leidet Kerstin Schäfer an Depressionen. Unzählige Therapiestunden, Kuren, Rehas und Sitzungen bei ihrer Psychologin liegen hinter ihr. Auch ein Suizidversuch vor Jahren.  "Ich kann froh sein, dass ich aktuell gut mit Medikamenten eingestellt bin und Dinge erlernt habe, die mir durch das Schlimmste  helfen", sagt sie.

 Am 29. März hat sie ein Corona-Tagebuch begonnen. Der Druck war so groß, dass sie nicht mehr wusste, wohin mit den Gedanken. Es sind keine Geschichten. Eher Gedankenfetzen, Momentaufnahmen ihres Lebens.

Die Krankheit ist heimtückisch

"Kein Ziel. Mein Weg endet im Nebel. Zukunftsangst pur! Gedankenkreisel und Angstgefühle. Das alles aushalten müssen. Eingeschlossen, abgeschlossen. Von heute auf morgen ein Cut", hat sie unter anderem geschrieben. Wer die 52-Jährige kennt, weiß, dass sie viele positive Momente hat und eigentlich lebenslustig ist. "Doch die Krankheit ist heimtückisch. Man stelle sich vor, man läuft durch den Wald, da kommt plötzlich der Wolf. Man kann sich nicht mehr bewegen und lässt sich willenlos fressen", beschreibt sie bildhaft.

Die Depressionen kommen nicht von ungefähr, haben Auslöser. Bei Kerstin Schäfer wurde 2010 das Axenfeld-Rieger-Syndrom, ein seltener Gendefekt des vorderen Augen-Segments, diagnostiziert. Nur ein Mensch von 200.000 leidet darunter.

Kerstin Schäfer hatte es nie leicht. Vor allem als Kind fragte sie sich manchmal, was eigentlich nicht mit ihr stimmt. „Ich sah schlecht, hatte Probleme mit den Zähnen. Und war auch sonst ein einziger Debber-Latsch", sagt sie. 

Selbsthilfegruppe per WhatsApp

Auf dem rechten Auge sieht Kerstin Schäfer heute nur noch ein Prozent, auf dem linken immerhin zwischen acht und 18. „Solange es geht, will ich selbstständig sein." Manche Tage sind dunkler als andere. Dazwischen gibt es Lichtblicke. Seit Mitte März allerdings nicht viele. "Ich bin so froh, dass wir in der Selbsthilfegruppe Depressionen des Louisenstiftes miteinander kommunizieren. Die WhatsApp-Gruppe hilft mir aktuell sehr",  sagt sie. 

"Dieser Moment, wenn man im Bett liegt und einem alles hoffnungslos vorkommt und man sich fragt, wozu man das Ganze überhaupt noch macht", schreibt eine Mitbetroffene. Eine andere: "Ich fühle mich im Moment so, als wenn das Morgen auf einmal abgebrochen ist. Der Weg vor mir ist wie nach einem Erdbeben gespalten. Zielpunkte in der Zukunft haben mir die letzten Jahre Kraft gegeben, stabil zu bleiben oder Schwankungen ausgleichen zu können - alles weg!"

Die Frauen und Männer schreiben sich in der Gruppe vieles von der Seele: "Ich habe all meine selbst auferlegten Regeln gebrochen. Mir ist gerade alles egal. Hauptsache, die Laune bleibt gut.  Aber es ist noch mehr, es ist riesengroßer Weltschmerz." Eine andere bringt ihre Lage so auf den Punkt: "Meine Depression spielt gerade Roulette! Man weiß nicht, was kommt."

Alle Ziele plötzlich weggebrochen

Auch Kerstin Schäfer hatte Zielpunkte, an denen sie sich entlang hangelte: Ostern die Kinder sehen, ein Kurzurlaub mit Freunden, die "hundefreie" Reise mit der Enkelin, Konzerte im Sommer. Alles gestrichen. Sicher - das geht anderen gerade ebenso. Doch für sie kommt die unberechenbare Krankheit dazu. 

Auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe weiß um die Gefahren:  "Die mit dem Coronavirus verbundenen Ängste und Einschränkungen stellen große Herausforderungen dar. Denn in einer Depression wird alles Negative im Leben vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt, so auch die Sorgen und Ängste wegen des Coronavirus", heißt es.

Betroffene sollten sich im Notfall an das Corona-Telefon des Bundesverbandes Deutscher Psychologen wenden. Bei den Tipps  geht es um Struktur -  vom morgendlichen Aufstehen, über Arbeits- oder Lernzeiten, Mahlzeiten bis hin zu schönen Dingen wie lesen, Serien schauen, Balkon bepflanzen, Yoga oder  Entspannungsübungen.

Fehlende Kontakte sind furchtbar

Kerstin Schäfer und ihr Mann laufen dieser Tage viel. Die Gassi-Runden sind größer geworden. "Da ist es schon ein Highlight, wenn man einen unbekannten Weg einschlägt", sagt sie.  Auch eine Bekannte aus der Selbsthilfegruppe sieht mitunter einen Lichtstrahl: "Wir schaffen gerade Dinge, die wir immer vor uns hergeschoben haben. Küche renovieren, Garten umgraben, das Auto waschen. Aber ich habe auch Kind und Mann. Ich musste mich noch mehr strukturieren, weil die Angst hochkam", sagt sie. Das Kontaktverbot empfindet sie als furchtbar. "Es ist so wichtig für uns, soziale Kontakte zu pflegen. Wenn man niemanden hat, mit dem man reden kann, ist das gefährlich." 

Was also tun? "Weitermachen", sagt Kerstin Schäfer. Wenn vor allem nachts die schwarzen Gedanken kommen, sei es schlimm. Viele kleine Panik-Attacken gelte es weg zu atmen. "Man muss die Corona-Regeln für sich selbst so verändern, dass man sie  zwar befolgt, aber auch noch überleben kann", sagt die Kamenzerin. 

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