merken
PLUS Pirna

Mit der Schwimmnudel auf Abstand

Radfahrer werden oft mit viel zu geringem Abstand überholt. Eine ungewöhnliche Aktion in Pirna macht auf das Dilemma aufmerksam.

Teilnehmer der Schwimmnudel-Aktion auf der Schillerstraße in Pirna-Copitz,
Teilnehmer der Schwimmnudel-Aktion auf der Schillerstraße in Pirna-Copitz, © Daniel Förster

Für mehr Sicherheit im Straßenverkehr braucht es zunächst etwas Klebeband, Kabelbinder und ein Hilfsmittel, was üblicherweise Nichtschwimmer im Wasser verwenden: eine Schwimmnudel, jene bunten Teile aus Schaumstoff, etwa sieben Zentimeter Durchmesser, reichlich anderthalb Meter lang. 

Mit geschickten Handgriffen befestigt Steffen Hoffmann vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) diese Schwimmnudeln auf den Gepäckträgern mehrerer Fahrräder, und zwar so, dass die Schaumstoffteile in Fahrtrichtung gesehen weit nach links über die Drahtesel hinausragen. Für die geplante Aktion ist die richtige Montage elementar bedeutsam.

Anzeige
Die WOGENO sucht neue Mitarbeiter
Die WOGENO sucht neue Mitarbeiter

Die Wohnungsgenossenschaft Zittau eG bietet für engagierte Bewerber ein attraktives und verlässliches Arbeitsumfeld.

Die Länge der Schwimmhilfen markiert eine wichtige Distanz: Kraftfahrer, die im Straßenverkehr Radler überholen, müssen dabei einen Abstand von mindestens 1,50 Meter einhalten. Gesetzlich ist diese Zahl nirgendwo normiert, gelte aber laut Hoffmann seit Jahren in der ständigen Rechtsprechung der Gerichte als empfohlene Richtgröße. Das Problem allerdings ist: Vielen Autofahrern ist das nicht bewusst, in vielen Fällen brausen sie wesentlich dichter an den Radlern vorbei. „Dieser Mindestüberholabstand wird zu oft nicht eingehalten“, sagt Hoffmann. Bei Pedaleuren sorgt das regelmäßig für Unwohlsein. Hinzu kommt, dass sich mehr als 80 Prozent der Radfahrenden in Pirna im Straßenverkehr nicht sicher, sondern bedrängt und behindert fühlen – so das Ergebnis des Fahrradklima-Tests von 2018. Es sei nun an der Zeit, befand Hoffmann, verstärkt etwas dagegen zu unternehmen.

Initiator Steffen Hoffmann vom ADFC: Pirnas Radler fühlen sich bedrängt und behindert.
Initiator Steffen Hoffmann vom ADFC: Pirnas Radler fühlen sich bedrängt und behindert. © Daniel Förster

Die Pirnaer Akteure des ADFC haben nun mit einer ungewöhnlichen Aktion auf dieses Sicherheitsdefizit aufmerksam gemacht: mit einer Schwimmnudel-Tour durch Pirna. Mit den Schwimmhilfen, gut sichtbar und quer am Rad befestigt, zeigten über 20 Radfahrer am Wochenende auf einem acht Kilometer langen Rundkurs, wie viel Platz ihnen im Straßenverkehr zusteht. Und die Schwimmnudeln machen vor allem deutlich: 1,50 Meter ist ein verdammt großer Abstand, Autofahrer müssen weit ausholen, damit Radfahrer beim Überholen sicher leben.

Das zeigt sich gleich am Anfang der Tour, als der Fahrraddemo-Tross von der B 172 auf die Seminarstraße einbiegt. Auf der rechten Seite parken Autos, an denen die Radler vorbeifahren müssen. Entgegenkommende Autofahrer bleiben zu Sicherheit stehen, zu groß ist die Sorge, eine der Schwimmnudeln zu touchieren, die weit auf die Gegenfahrbahn ragen. So wäre es aber auch im Normalfall: Fahren Radler mit dem empfohlenen Sicherheitsabstand von 80 Zentimeter bis einen Meter an den parkenden Autos vorbei, müsste auf der Seminarstraße der Gegenverkehr warten, weil sonst zwischen Auto und Rad kein ausreichender Sicherheitsabstand mehr vorhanden ist. Nur hält sich in der Realität kaum einer daran.

Auf der Rottwerndorfer Straße zeigt sich ein weiteres Problem: Es gibt keinen gesonderten Radweg, Pedaleure müssen hier auf der Fahrbahn fahren. Die Schwimmnudeln ragen fast bis zum gestrichelten Mittelstreifen. Überholende Autos müssen auf die Gegenfahrbahn ausweichen, um den nötigen Abstand zum Radler einzuhalten. Für den täglichen Verkehr bedeutet das, dass bei Gegenverkehr theoretisch kein Radler überholt werden darf. Aber auch hier sieht die Wirklichkeit anders aus. „Die Radfahrer“, klagt Hoffmann, „werden auf der Straße leider noch allzu oft nicht als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrgenommen.“

Das Problem betrifft allerdings nicht nur die Straße. Auch auf separaten Schutzstreifen wird es für die Radler häufig eng. Dabei gilt der vorgeschriebene Überholabstand nicht nur, wenn Pedaleure im fließenden Verkehr auf der Straße fahren, sondern auch, wenn sie auf gesonderten Radwegen unterwegs sind – so beispielsweise auch auf der Stadtbrücke.

In Richtung Copitz gibt es auf der Brücke einen kombinierten Geh- und Radweg, der Bereich für Radfahrer ist mit andersfarbigem Straßenbelag gekennzeichnet. Das Problem jedoch: Dieser Radstreifen ist sehr nahe an der Straße, im Normalfall müssten in Richtung Copitz fahrende Autofahrer auch hier zumindest ein Stück auf die Gegenfahrbahn ausweichen, um die Radler mit dem empfohlenen Sicherheitsabstand zu überholen. „Leider macht das aber keiner, weil viele Autofahrer den Bordstein als natürliche Grenze ansehen und die Radler auf dem separaten Radweg ausreichend in Sicherheit wähnen“, sagt Hoffmann. Doch wer schon einmal regulär auf dem Brücken-Radweg in Richtung Copitz unterwegs war, weiß, wie der Luftzug an einem rüttelt – vor allem dann, wenn Lkws nahe vorbeirauschen.

Weiterführende Artikel

Fünf Irrtümer beim Überholen

Fünf Irrtümer beim Überholen

Radler führen in Pirna vor, in welchem Abstand sie überholt werden müssen. Darüber wird sofort heftig debattiert.

Generell schätzt der ADFC-Mann die Schwimmnudel-Tour als gelungenen Einstand ein, um die Verkehrsteilnehmer für das Thema Sicherheitsabstand zu sensibilisieren. Und die nächsten Aktionen der Pirnaer ADFC-Gruppe, die sich seit fünf Jahren stark für die Interessen der Radfahrer engagiert und dabei schon einiges erreicht hat, sind schon in Planung. „Denn gerade in Sachen Sicherheit und Ausbau des Radverkehrs“, sagt Hoffmann, „gibt es in Pirna noch viel zu tun.“

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.

Und unseren ebenfalls kostenlosen täglichen Newsletter abonnieren Sie unter www.sz-link.de/pirnaheute.

Mehr zum Thema Pirna