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Mit der Spürnase auf Vermisstensuche

Im Landkreis Meißen und weit darüber hinaus ist die Hundestaffel vom DRK Dresden-Land im Einsatz. Die Tiere sind oft Retter in höchster Not.

Hundeführerin Anja Simon trainiert mit Hündin Holly mehrfach in der Woche. Der Gang über die Leiter gehört dazu.
Hundeführerin Anja Simon trainiert mit Hündin Holly mehrfach in der Woche. Der Gang über die Leiter gehört dazu. © Norbert Millauer

Radebeul. Holly bellt ununterbrochen. Es sind laute, schallende Geräusche, die die Hündin von sich gibt. Und sie hört nicht auf, würde auch minutenlang weiter machen, bevor sie nicht das Signal zum Stopp bekommt. Denn genau darauf ist die Australian Shepherd Dame trainiert: Wenn sie jemanden gefunden hat, so lange anschlagen, bis ein Mensch vor Ort ist. Im Ernstfall kann das Leben retten.

Holly gehört zur Hundestaffel des DRK Kreisverbandes Dresden-Land mit Sitz in Radebeul. Hier werden die Tiere trainiert, nach vermissten Personen zu suchen. Oft sind das alte, demenzkranke Leute, die die Orientierung verloren haben, erklärt  Hundeführerin Anja Simon. Aber auch jüngere Menschen, die suizidgefährdet sind, werden im Vermisstenfall von den Hunden aufgespürt. Seltener auch von zu Hause ausgerissene Kinder und Jugendliche. Außerdem sind die Tiere drauf spezialisiert, in Trümmergeländen verschüttete Personen finden. Beispielsweise, wenn nach einer Gasexplosion unklar ist, ob sich Menschen in dem eingestürztes Gebäude aufgehalten haben.

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Die Tiere tragen im Einsatz spezielle Kenndecken, die deutlich machen, dass es sich um Rettungshunde handelt.
Die Tiere tragen im Einsatz spezielle Kenndecken, die deutlich machen, dass es sich um Rettungshunde handelt. © Norbert Millauer

Rettungshundestaffel unterstützt die Polizei

Seit gut einem Jahr gibt es die Hundestaffel im hiesigen DRK-Kreisverband jetzt. Angefangen mit vier Interessenten, sind mittlerweile weitere drei Freiwillige mit ihren Hunden dazu gekommen. Zwei Mal in der Woche wird trainiert. Nicht nur das Anzeigen, also lautes Bellen, wenn eine Person gefunden wurde. Die Hunde müssen auch lernen, dass sie zwar lautstark auf den Vermissten aufmerksam machen, ihn aber nicht belästigen dürfen. "Sie dürfen ihn nicht anspringen oder kratzen", sagt Anja Simon. Die Tiere üben außerdem, auf ungewohntem Untergrund unterwegs zu sein. Für Holly gehört deshalb unter anderem der Gang über eine Leiter und Wippe zum Training.

Am Wochenende sind die Hundeführer meist mit ihren Vierbeinern im Wald unterwegs. Hin und wieder findet das Training auch auf einem Gelände der Polizei in Pirna statt, wo es Keller und Ruinen zu Übungszwecken gibt. Die Polizei ist es auch, die die Freiwilligen vom Roten Kreuz alarmiert, wenn es einen Vermissten gibt.

Hunde suchen nach menschlicher Witterung

In ganz Sachsen ist die Rettungshundestaffel unterwegs. Anja Simon erinnert sich zum Beispiel an einen Fall in der Oberlausitz, wo ein älterer Mann, der an Schizophrenie litt und sich noch dazu gerne versteckte, aus seiner Wohngruppe abgehauen war. Die Hunde fanden ihn stark unterkühlt, aber am Leben in einem leerstehenden Haus. 

So wie man es aus Filmen kennt - der Hund schnüffelt an einem Kleidungsstück der vermissten Person und nimmt dann die Fährte auf - läuft  die Suche allerdings nicht ab. Solche sogenannten Trailer-Hunde gibt es zwar auch, die Tiere vom DRK sind aber Flächensuchhunde. "Sie suchen nach jeglicher menschlichen Witterung", erklärt Anja Simon. Das ist gerade bei eingestürzten Gebäuden wichtig, weil die Rettungskräfte dort ja nicht immer wissen, ob überhaupt jemand und wenn ja, wer verschüttet ist.  Mit ihrer Spürnase nehmen die Hunde beispielsweise menschliche Hautschuppen oder Haare wahr, die jemand hinterlassen hat.  

Auch über die Wippe muss sich Holly trauen. Im Ernstfall darf sie keine Angst haben, etwa in einem Trümmerfeld nach Menschen zu suchen.
Auch über die Wippe muss sich Holly trauen. Im Ernstfall darf sie keine Angst haben, etwa in einem Trümmerfeld nach Menschen zu suchen. © Norbert Millauer

Tiere dürfen nicht zu ängstlich sein

Sie sind darauf abgerichtet, nur bei Menschen anzuschlagen, die tatsächlich Hilfe brauchen könnten. Sucht etwa ein Hund im Wald nach einem Vermissten, wird er nicht anschlagen, wenn zufällig ein Jogger vorbeikommt. "Sie haben ein gewisses Opferbild im Kopf, eine hilflose Haltung, zum Beispiel hockend oder liegend", sagt die Hundeführerin. Nur wenn sie so jemanden finden, schlagen die Vierbeiner Alarm.

Vor allem Hüte- und Jagdhunde, aber auch Mischlinge sind für die Arbeit geeignet, erklärt die 35-Jährige. Wichtig ist, dass die Tiere nicht zu ängstlich sind. Vierbeiner, die vom Tierschutz gerettet wurden und schon schlimme Dinge erlebt haben, kommen als Rettungshunde meist nicht infrage. Schon vor der eigentlichen Ausbildung müssen die Hunde deshalb zu einem Eignungstest, bei dem zum Beispiel geschaut wird, wie sich ein Tier gegenüber fremden Menschen oder einem laut hupenden Auto verhält. "Sie dürfen vorsichtig sein, aber nicht vor Angst erstarren", sagt Anja Simon.

Freiwillige wünschen sich mehr Unterstützung

Zwei bis drei Jahre trainieren die Hundehalter anschließend mit ihren Tieren, ehe diese bereit für die Prüfung zum Rettungshund sind. Bei der müssen die Spürnasen innerhalb von 20 Minuten zwei vermisste Personen in einem 30.000 Quadratmeter großen Gelände finden. Auch Gehorsamstests und Anzeigeübungen gehören dazu.  Viel Arbeit, die Frauchen und Herrchen in ihrer Freizeit erledigen müssen. Die Staffel besteht nur aus Freiwilligen, Geld bekommen die Hundehalter für die Einsätze mit ihren Vierbeinern  nicht, obwohl sie von der Polizei alarmiert werden und deren Arbeit unterstützen.

Auch die Kosten für die Tiere, die die Freiwilligen als ihre privaten Hunde ganz normal bei sich zu Hause halten, vom Futter bis zu Tierarztrechnungen, genauso wie die Ausrüstung, wie Funkgeräte und Hundeboxen, müssen die Ehrenamtlichen selbst bezahlen. "Wir wünschen uns vom Freistaat, dass da noch andere Lösungen gefunden werden", sagt Innocent Töpper, Leiter der Rotkreuz-Dienste im Kreisverband Dresden-Land. "Man verlangt den Ehrenamtlichen sehr viel ab." 

Hunde, die die Prüfung bestanden haben, bekommen eine spezielle Marke. Die Ausbildung dauert zwei bis drei Jahre.
Hunde, die die Prüfung bestanden haben, bekommen eine spezielle Marke. Die Ausbildung dauert zwei bis drei Jahre. © Norbert Millauer

Seit Langem machen Hilfsorganisationen, wie das DRK, aber auch Johanniter und Malteser, auf Probleme aufmerksam. Sie fordern unter anderem einen Lohnausgleich für Einsätze, wie es ihn für die freiwillige Feuerwehr gibt. Werden die Kameraden gerufen, wird ihrem Arbeitgeber der entstandene Lohnausfall ersetzt. Bei den Helfern vom DRK ist das nicht der Fall. Auch Hundeführerin Anja Simon ist immer auf die Kulanz ihres Chefs angewiesen. "Ich würde gerne noch zu mehr Einsätzen fahren, aber es geht nicht immer", sagt sie.

Pfand spenden für die Rettungshunde

Aktuell läuft eine Spendenaktion für die Rettungshundestaffel aus Radebeul  in den Rewe-Märkten von Björn Keyser ganz im Osten der Stadt und im Löma-Center. Wer dort sein Leergut hinbringt, kann den Pfandbon nicht wie gewohnt an der Kasse verrechnen lassen, sondern ihn in einen Briefkasten neben den Automaten werfen. Das Geld soll unter anderem in Digitalfunkgeräte, sichere Hundetransportboxen und neue Kenndecken investiert werden. 

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