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Mit der Straßenbahn zu glücklichen Hühnern

Jubiläum. Das 1949 nach Görlitz eingemeindete Weinhübel blickt auf 700 Jahre seines Bestehens.

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Von Horst Wenzel

Eigentlich hätte Weinhübel in diesen Tagen Grund zu großer Feier. Vor 700 Jahren nämlich, also 1305, wurde es im ältesten Görlitzer Stadtbuch als Posottendorf-Leschwitz erstmals urkundlich erwähnt. Wenn dennoch ein Jubelfest derzeit nicht ins Haus steht, mag daran liegen, dass das Doppel-Dorf erst 1936 in Weinhübel umbenannt wurde, nach dem Kriegsende 1945 den östlich der Neiße gelegenen Teil (Posottendorf) verlor, zudem auch 1949 in die Stadt Görlitz eingemeindet wurde und schließlich durch die Wohnungsneubauten der DDR-Zeit seinen dörflichen Charakter einbüßte.

Altes Dorf mit edlem Namen

Die Geschichte der Besiedlung im Umfeld von Weinhübel reicht um einige Jahrtausende zurück, bewiesen durch Bodenfunde aus der Jüngeren Steinzeit – eine Knaufhammeraxt und eine breite Feldhacke, als Einzelstücke entdeckt am Anfang der 1930er Jahre. Zur gleichen Zeit erhärtete eine größere Anzahl von Grabungsexponaten aus einem Flachgräberfeld im Areal zwischen der heutigen Friedrich-Engels- und der Leschwitzer Straße die Ansichten über eine frühe Besiedlung innerhalb des Ortsbereiches während der Bronze- bzw. Frühen Eisenzeit. Sehr viel später entstand dann Leschwitz als eine slawische Ortsgründung.

Der Name Leschwitz geht auf einen Edlen von Les zurück; Posottendorf lässt durch den zweiten Namensteil auf eine deutsche Gründung schließen, wobei aber das erste Wort wiederum im Slawischen seine Wurzeln hat: Bozeta, eine Gottesbezeichnung.

Die Weinhübler Kirche wurde bereits 1337 in einer Urkunde des Königs Johann von Böhmen erwähnt, des Vaters von Kaiser Karl IV. Drei Jahrzehnte später, 1367, ist das erste Mal von der am Ende des 2. Weltkrieges gesprengten Neißebrücke die Rede, damals freilich ein schlichtes Holzbauwerk, oft vom Hochwasser zerstört. Die Einführung der Reformation erfolgte in Posottendorf-Leschwitz wie in Görlitz 1525. Der erste evangelische Pfarrer im Ort, Theodorus Cranalt, wurde drei Jahrzehnte später unter dem Altar der kleinen Dorfkirche beigesetzt.

Glocke mit historischem Wert

Kulturgeschichtlichen Rang besitzt die große Glocke von 1571 im Dachreiter der Auferstehungskirche, sie ist im Zweiten Weltkrieg der drohenden Einschmelzung nur knapp entgangen. Der Glockenmantel trägt eine Fülle von Inschriften, die unter anderem darauf verweisen, dass der Pfarrer im Jahr des Glockengusses Johannes Schmieden hieß, latinisiert nach der Sitte der Humanisten jener Zeit in den Namen Fabricius. Sein Denkstein von 1609 steht als ältestes Grabmal auf dem Weinhübler Kirchhof an der Südostecke der Kirche. Seit dem Ausgang des 17. Jahrhunderts birgt der Chorraum der Kirche ein kulturgeschichtlich hochbedeutsames Barockensemble: den Altar von 1693, die Kanzel aus den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts und den lebensvoll gestalteten Taufengel von (wahrscheinlich) 1788. Das Altarbild, eine höchst lebendige Karfreitagszene mit dem Weinhübler Reiter vor den drei Kreuzen von Golgata, stammt mit ziemlicher Sicherheit von Elias Kramer aus Priebus und wird der Schule des schlesischen Barockmeisters Michael Willmann zugeordnet. Der Weinhübler Reiter könnte als Erinnerung an den wohl einst mächtigsten Grundherrn des Ortes, Hans von Warnsdorf (1593 bis 1613), zu deuten sein. Er wurde durch Kaiser Rudolf II. als Erbherr von etwa fünfzehn Liegenschaften östlich und westlich der Neiße zwischen Kuhna, Tauchritz und Uhyst/Spree bestätigt.

Man bezeichnete ihn als einen der wackersten Männer seiner Zeit, der tapfer gegen die Türken zu Felde zog, wobei ihm in einer Schlacht acht (!) Pferde unter dem Leib zusammengeschossen worden sein sollen. Aber diese Deutung des Weinhübler Reiters als Erinnerung an Hans von Warnsdorf ist keineswegs gesichert. Das ist umso mehr zu betonen, weil das Altarbild von 1693 in der kleinen Dorfkirche zum Ausgangspunkt einer in der Kunstgeschichte wohl selten erlebten Überraschung wurde. Die Jahrtausendwende brachte die Erkenntnis, dass sich das gleiche Bild, größer freilich und prächtiger in Bezug auf die Altargestaltung, in der Kirche des ehemaligen Benektinerstiftes von Mallersdorf (in der Nähe von Straubing) finden lässt.

Ein Reiter in der Kirche

Dieses Weinhübler Karfreitagsbild mit dem Reiter zeigt sich in nahezu detailgetreuer Übereinstimmung, hin und wieder in freier Gestaltung, im Retabel der Michaeliskirche in Bautzen, in der Kirche von Uhyst (das ebenfalls zum Grundbesitz Warnsdorfs gehörte), in Königsbrück in Sachsen, in der Stadtkirche zu Pirna, im Erzgebirgsmuseum in Annaberg-Buchholz wie auch in der Kapelle des Schlosses zu Friedland in Böhmen. Die Maler dieser Bilder blieben entweder unbekannt oder tragen andere Namen. Die Entstehungszeit aber fällt übereinstimmend in die letzten Jahrzehnte des 17. Jh. Eine drängende Frage aber bleibt bislang offen – nämlich die nach dem „Mutterbild“, in dem alle die genannten Karfreitagsbilder ihre Wurzeln haben müssten.

Die Ortschronik, aufbewahrt im Pfarramt, erzählt von Freude und Leid der Menschen in den vergangenen Jahrhunderten, reichen Ernten ebenso wie von Hungersnot, von Kriegskatastrophen bis hin zur Sprengung der Neißebrücke in den ersten Maitagen 1945, von Seuchen und Hausbränden, von Diebstählen und Einbrüchen. Selbst die zum Trocknen aufgehängte Wäsche des Patronatsherrn verschwand von der Leine. Ein Kalb mit zwei Köpfen oder gar ein Mord wurden in fernsehloser Zeit in dem kleinen Ort an der Neiße zum Gesprächsthema Nummer Eins. Auch der mehrfache Territorialwechsel gehört zur Geschichte des kleinen Dorfes am Fluss, eingebettet freilich in die größere der Lausitz: 1635 von der jahrhundertelangen Zugehörigkeit zu Böhmen nach Sachsen; 1815 durch den Federstrich des Wiener Kongresses von Sachsen zu Preußen und damit zu Schlesien; in der DDR zum Bezirk Dresden und schließlich wieder zu Sachsen.

Die Entwicklung des Verkehrswesens führte mit dem Bau der Bahnlinie Görlitz – Zittau 1875 zur Anlage des ortseigenen Bahnhofs, allerdings in ungünstiger Randlage zum Wohngebiet. 1930 bekamen die Weinhübler eine Anbindung an die Görlitzer Straßenbahn, die bis zum damaligen „Schweizerhaus“ führte, einer längst abgerissenen Gaststätte an der heutigen Ampelkreuzung beim Deutsch-Ossig-Ring. Dass das kleine Dorf in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. zwischen dem prunkvollen „Drei-Kaiser-Saal“ am südlichen Ortsausgang (später Fahrzeug-PGH), dem beliebten „Café Roland“ (Kulturhaus) und dem abgebrannten „Reichshof“ in der Ortsmitte sowie dem „Zeltgarten“ am stadtwärts gelegenen Ortseingang mehr als ein Dutzend Gaststätten aufzuweisen hatte, zeugt von der Beliebtheit Weinhübels als damals viel genutztes Aus-flugsziel. Wer aber kennt noch das „Café Sylt“ oder die Restauration „Stadt Coburg“?

Ohne Übertreibung darf vermerkt werden, dass die gesamte Stadt Görlitz auf Gedeih und Verderb von ihrem südlichen Vorort abhängig ist: Das Wasserwerk, inzwischen hoch modernisiert, sorgt zuverlässig seit mehr als hundert Jahren auf kürzestem Wege für die Versorgung von Bevölkerung und Betrieben mit dem unverzichtbaren Nass. Mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert siedelten sich in Weinhübel mittelständische Betriebe an, so eine Jutespinnerei, eine Möbelfabrik, eine Produktionsstätte für Luft- und Wärmetechnik, ein Sauerstoffwerk, eine kleine Tuchfabrik an der Neiße, die deren Wasserkraft zur Energiegewinnung nutzte. Geblieben davon ist derzeit nur eine kleinere Produktionsstätte für den Bau von Elektro-Anlagen im Bereich der alten Dorfaue, vormals Standort des Dominiums.

Die wirtschaftlichen Strukturen haben sich längst in erheblichem Maße gewandelt; das zeigt sich derzeit vor allem in der Dominanz von etwa einem halben Dutzend Kaufhallen im Ortsgebiet.

Marter als dunkles Kapitel

Ein dunkles Kapitel in der Geschichte war im Frühjahr 1933 die Umwandlung der längst stillgelegten Tuchfabrik an der Neiße in ein provisorisches Konzentrationslager mit Zwangsaufenthalt von etwa 300 Häftlingen. Ungewöhnlich in der Geschichte jener Zeit: Zunehmender Protest der Bevölkerung soll im darauffolgenden August zu einer unerwartet raschen Auflösung der Marterstätte geführt haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die drei verbliebenen großen Güter des Dorfes im Zuge der Bodenreform in Neubauernstellen umgewandelt, aus denen sich dann in den 50er Jahren gemeinsam mit den alteingesessenen Bauern eine LPG entwickelte. Mit dem ausgehenden 20. Jahrhundert aber kam für das landwirtschaftlich geprägte Weinhübel das Ende aller bäuerlichen Tätigkeit. Unbekümmert um diesen unaufhaltsamen Gang der Dinge wuselt zuweilen noch eine kleine Schar glücklicher Hühner über die weite Dorfaue, begleitet von einem herausfordernden Hahnenschrei. Die Inschrift an der Giebelwand eines stattlichen Gehöfts aber wird hoffentlich noch lange an das tatenfrohe Bauerngeschlecht des einstigen Dorfes erinnern: „Das schönste Wappen von der Welt, das ist der Pflug im Ackerfeld.“

Eine gewisse Beschaulichkeit

1956 begann der Bau von mehrgeschossigen Wohnhäusern westlich der Zittauer Straße, um der damals herrschenden Wohnungsnot Herr zu werden. Der ursprünglich dörfliche Charakter blieb damit nur noch im Umfeld der Auferstehungskirche gewahrt, die 1987 die 650-Jahr-Feier beging.

2005 nun erleben die Menschen des Ortes, dass das alte Wort aus dem „Tell“ nichts von seiner zeitlos gültigen Wahrheit eingebüßt hat: „Was Hände bauten, können Hände stürzen.“ Zwei der drei Schulen aus der DDR-Zeit wurden wegen Schülermangels bereits geschlossen. Die überdimensionierten Wohnblöcke am Deutsch-Ossig-Ring wie auch das kurz vor der Wende aufgetürmte Ungetüm eines Arbeiterwohnheimes verfallen dem Abriss. Nicht wenige der Wohnblöcke aber wurden im vergangenen Jahrzehnt sachkundig restauriert und farblich ansprechend neu gestaltet.

Was bleibt, ist eine freundliche, ländlich anmutende Gartenvorstadt an der Neiße, in der es sich gut und gern leben lässt, mitunter geprägt von einer gewissen Beschaulichkeit – was sich nicht zuletzt darin widerspiegelt, dass die Straßenbahn wie einst vor 75 Jahren noch immer im gemächlichen 20-Minuten-Takt zum Mitfahren einlädt, wenn auch auf einer inzwischen veränderten Streckenführung und mit modernen Großraumwagen.

Gar nichts geblieben aber ist von dem Wein, der auf dem nahen Hübel angebaut wurde, dem Weinberg über der Weinlache. Hier liegt der eigentliche Namensgeber für die wohl fantasievolle, doch sachlich keineswegs exakte Benennung des 700-jährigen Weinhübel.

Fotos und Repros: Rainer Kitte (2), Archiv Ralph Schermann (7), Manfred Schlegel (3), Archiv Horst Wenzel/Foto G. Hennig (1)