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„Mit der Wahrnehmung ist das so eine Sache“

Gefühlt ist die Kriminalität in Löbau-Zittau hoch. Recherchen in der Polizeistatistik sagen etwas anderes, wie das Interview mit einem Polizisten bestätigt.

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Von Gabriela Lachnit

Im sozialen Netzwerk Facebook haben jüngst zwei Raub- beziehungsweise Diebstahlsdelikte in Zittau hohe Wellen geschlagen. Die Straftaten waren innerhalb von drei Tagen an fast identischer Stelle – auf und bei der Frauenstraße – geschehen. „Es wird immer schlimmer“ war die Aussage bei einer Facebook-Diskussion. Ist das wirklich so? Gibt es heute viel mehr Straftaten als noch vor 20 Jahren? SZ hat bei der Polizeidirektion Görlitz nachgefragt. Pressesprecher Thomas Knaup erklärt, dass in Zittau viel mehr geklaut wird, als in Löbau und warum Bürger sich unsicher fühlen.

Thomas Knaup ist Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz. Er gibt Entwarnung und sagt, dass nicht mehr Kriminalfälle auftreten.
Thomas Knaup ist Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz. Er gibt Entwarnung und sagt, dass nicht mehr Kriminalfälle auftreten. © dpa

Herr Knaup, ist die Kriminalität heute wirklich so viel höher als früher?

Mit der subjektiven Wahrnehmung von Menschen ist das so eine Sache. Meine Recherchen in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik für Zittau haben ergeben, dass die Wahrnehmung der Menschen, die meinen es sei schlimmer geworden, trügt. Das zeigen die Zahlen, die mir aus den letzten 18 Jahren vorliegen. Und die zeigen für das Stadtgebiet von Zittau um die 3 000 der Polizei bekannt gewordene Fälle in jedem Jahr an, mal ein paar Hundert weniger, mal mehr. Verstöße gegen das Asyl-, Aufenthalts- und Freizügigkeitsgesetz wurden dabei nicht berücksichtigt, weil sie ein ausschließlich grenzpolizeiliches Phänomen darstellen. Diese haben keinen Einfluss auf die tatsächliche Kriminalitätsentwicklung einer Stadt oder Gemeinde. Die Zahl der Gesamtkriminalität von 2015 lag um rund 150 Fälle unter der des Jahres 1998. Als Trend für 2016 ist sogar ein deutlicher Rückgang unter 2 700 Fälle zu erwarten. Die Statistik wird derzeit erstellt. In den zurückliegenden Jahren hat es in Zittau deutlich weniger anstatt „gefühlt“ mehr Kriminalität gegeben.

Wie sieht die Aufklärungsquote der Polizei aus?

Von 52,3 Prozent im Jahr 1998 auf zwischenzeitlich 65 Prozent in den Jahren 2001 und 2010 werden wir 2016 in etwa bei knapp 55 Prozent Aufklärungsquote ankommen. Auch im Vergleich zum Landesdurchschnitt ist das ein durchaus vorzeigbares Ergebnis, mehr als jede zweite Straftat aufgeklärt zu haben.

Warum weicht das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger vom tatsächlichen ab?

Die Ursachen für die Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Kriminalität sind vielschichtig. Hier spielt sicherlich die Veranlagung des Menschen eine Rolle, dass unser Gedächtnis negative Erlebnisse deutlich intensiver wahrnimmt, als positive. Ein Faktor kann dabei auch die Berichterstattung über geschehende Straftaten sein. Um es an einem Beispiel festzumachen: Wir als Pressestelle der Polizeidirektion Görlitz berichten in unseren Medieninformationen über einen Fall. Im Radio wird darüber berichtet, in Zeitungen ist davon zu lesen. Womöglich wird auch im Dorfgespräch darüber gesprochen und im Fernsehen laufen weitere teilweise erschreckende Nachrichten. Und doch ist es nur ein einziger Fall gewesen, über den wiederholt berichtet wird und der so in Summe, als viel häufiger geschehener Fall wahrgenommen werden kann.

Wie sicher können die Bürger in der Region tatsächlich sein?

Dass die Region entlang der Neiße, insbesondere Görlitz und Zittau, im Hinblick auf die Eigentumskriminalität unverändert Schwerpunkt ist, war und ist kein Geheimnis. Für das Stadtgebiet Löbau hingegen liegen die Fallzahlen der Gesamt- und Eigentumskriminalität deutlich unter denen der Stadt Zittau. Alle Bewohner der Landkreise Görlitz und Bautzen können versichert sein, dass die Polizei mit hohem Einsatz für ihre Sicherheit sorgt. Es wäre aber Utopie zu glauben, einen kriminalitätsfreien Raum schaffen zu können. Straftaten geschehen – die Gründe dafür sind vielschichtig. Aber mit Blick auf die Fallzahlen der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik ist ablesbar, dass die Anstrengungen der Polizei ein positives Ergebnis bringen.