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Mit der Weißwasser-Fahne auf dem Kilimandscharo

Diemo Schillack und Sven Mücksch bestiegen den höchsten Berg Afrikas.

Von Mirko Kolodziej
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Ihrer Heimatstadt widmeten Diemo Schillack und Sven Mücksch den Marsch zur Uhuru-Spitze.
Ihrer Heimatstadt widmeten Diemo Schillack und Sven Mücksch den Marsch zur Uhuru-Spitze. © Foto: privat

Ziehen Sie gut drei Wochen vor dem Ende eines Jahres vielleicht eine persönliche Bilanz? Was war Ihre größte Herausforderung 2018? Sven Mücksch aus Weißwasser und sein ebenfalls aus Weißwasser stammender, aber in Hongkong lebender Freund Diemo Schillack müssen nicht lange überlegen. Sie haben im zurückliegenden Jahr ein Abenteuer erlebt, das sie beide unumwunden als größtes Ding ihres bisherigen Lebens beschreiben.

Sie waren am höchsten Punkt Afrikas. Der Berg Kibo („Der Helle“) im Kilimandscharo-Massiv misst an der Uhuru-Spitze amtlich 5 895 Meter. Würde man von Weißwasser aus losgehen, müsste man auf dem Weg dorthin gemessen an der mittleren Höhe über dem Meeresspiegel genau 5 755 Höhenmeter überwinden. In Europa findet man einen solch hohen Berg nicht.

Sven Mücksch ist 47 Jahre alt und arbeitet als Hydraulikmonteur. Der zwei Jahre jüngere Diemo Schillack ist leitender Manager der Hongkonger Tochterfirma eines bayerischen Fassadenbau-Unternehmens. Die beiden freundeten sich an, als sie zusammen in Strausberg bei der Armee waren. Danach waren sie häufig gemeinsam zu Bergtouren in den Alpen. Im Berchtesgadener Land geht es ohne Zweifel ziemlich hoch hinaus. Doch selbst der Hochkönig ist mit seinen 2 941 Metern gegenüber dem Kilimandscharo eher ein Zwerg.

„Diemo hat schon lange vom Kilimandscharo geschwärmt“, erzählt Sven Müksch. Ende 2017 habe ihn der Freund angerufen und mit der Nachricht überrascht, über die Firma Afromaxx-Reisen eine Besteigungs-Tour gebucht zu haben. Ein bisschen war das Ganze als eine Art doppelter Abschluss zweier Lebensabschnitte gedacht. Während Diemo Schillack vor seinem 45. Geburtstag stand, war für Sven Mücksch und seine Partnerin bereits ein Hochzeitstermin im Schloss in Bad Muskau vereinbart. Die zwei Männer räumen ein, dass ihre Frauen nicht unbedingt begeistert waren. Immerhin rät Afromaxx, man möge sich auf so eine Tour gut vorbereiten und Sven Mücksch sagt: „Man spricht nicht umsonst vom härtesten Spaziergang der Welt.“

Er begann mehr oder weniger am Persischen Golf. Die beiden Abenteurer trafen sich am Flughafen von Doha, von wo aus man direkt zum Kilimanjaro International Airport in Tansania fliegen kann. Unter den ersten Dingen, die Sven Mücksch in Afrika aufgefallen sind: „Die Menschen sind zwar sehr arm, aber sehr freundlich.“ Erstes Etappenziel: Der Mount Meru – mehr oder weniger zum Üben. Auch dieser Vulkan misst immerhin schon 4 566 Meter. Hinauf ging es in drei Tagesetappen, jeweils mit Übernachtung in Berghütten in 2 500 sowie in 3 500 Metern Höhe. Der letzte Abschnitt begann um Mitternacht, um zum Sonnenaufgang oben sein und auch den Wieder-Abstieg schaffen zu können.

Vom Mount Meru aus hatten die Weißwasseraner einen guten Blick auf den rund 65 Kilometer entfernt gelegenen Kilimandscharo am anderen Ende des Arusha-Nationalparks. Nach gut zwanzig Minuten auf dem Gipfel begann der Abstieg. Schließlich ist der Luftdruck auf mehr als 4 500 Metern Höhe schon so gering, dass den Organismus deutlich weniger Sauerstoff erreicht, und die sogenannte Höhenkrankheit droht. Den Kilimandscharo kann man je nach Route in drei bis sieben Tagen besteigen, was tatsächlich eher Gehen als Klettern bedeutet. Diemo Schillack und Sven Mücksch nahmen mit ihren beiden einheimischen Führern Charles und Bruno sowie diversen Trägern die längere Tour. „Je länger, je besser. Der Körper muss sich an die Veränderungen gewöhnen. Man durchschreitet mehrere Klima- und Vegetationszonen“, sagt Mücksch. In der Savanne etwa begegnen einem Giraffen. Dann geht es über den Dschungel und eine Moorlandschaft in eine Zone, wo sich nur noch Krüppelvegetation halten kann.

Zum Schluss begleiten einen Steine, Wolken und Schnee. Sven Mücksch berichtet, dass bis auf 3 000 Meter Höhe auch ein bewaffneter Ranger dabei ist – zum Schutz vor wilden Tieren, und er erzählt auch von Übernachtungen im vom Sturm geschüttelten Zelt, von dauernasser Kleidung und von der Überwindung der sehr steilen Barranco-Wand. Für die 257 Meter braucht es echte Kraxel-Qualitäten. Mücksch schildert zudem die Strapazen in dünner Luft: „Man geht zehn Meter und fühlt sich, als wäre man hundert Meter gerannt.“

Am Morgen des 29. März 2018 entfalten er und Diemo Schillack auf dem Uhuru-Peak die mitgebrachte Weißwasser-Fahne. Mücksch hat seinem Freund noch zu Hause ein Messer zur Kilimandscharo-Bezwingung gravieren lassen. Schließlich ist der 29. März Diemo Schillacks Geburtstag. „Beim Aufstieg habe ich immer gedacht: Was, wenn wir es nicht schaffen? Ich hätte das Messer in den Abgrund geworfen“, sagt der Weißwasseraner. Schließlich habe man einige Leute weinend im Schnee sitzen sehen, die auf dem Hosenboden kehrtmachten. Doch die Ausdauer und das Zähnezusammenbeißen haben sich gelohnt. „Den inneren Schweinehund haben wir da oben umgebracht“, lacht Sven Mücksch.

Er sagt, die Weißwasser-Fahne, die den langen Weg nach oben und wieder nach unten genommen hat, würde er gern seiner Heimatstadt schenken: „Wenn der Oberbürgermeister will ...“ Und wer weiß, vielleicht geht es für ein weiteres Exemplar ja irgendwann noch höher hinaus. Der Aconcagua in Argentinien ist sogar satte 1 066 Meter höher als der Kilimandscharo. „Im Moment ist das bloß eine Idee“, versichert Sven Mücksch. „Na ja, in fünf Jahren werde ich 50“, antwortet sein Freund.