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Mit diesem Schornstein will Chemnitz Dresden schlagen

Drei sächsische Städte wollen Europas Kulturhauptstadt werden. Welche Chancen hat Chemnitz?

Der französische Konzeptkünstler Daniel Buren hatte vor Jahren den 301,80 Meter hohen Heizkraftwerk-Schornstein in Chemnitz farblich gestaltet. Später wurden noch 1.200  LED-Lichter angebracht.
Der französische Konzeptkünstler Daniel Buren hatte vor Jahren den 301,80 Meter hohen Heizkraftwerk-Schornstein in Chemnitz farblich gestaltet. Später wurden noch 1.200 LED-Lichter angebracht. © euroluftbild.de/bernd clemens

Drei Städte aus Sachsen bewerben sich um den Titel als Kulturhauptstadt Europas 2025: Chemnitz, Dresden und Zittau. In gut drei Wochen, am 12. Dezember, trifft eine Jury eine Vorauswahl. Am Ende der Vorauswahl benennt diese dann per Shortlist einige deutsche Städte. Die Auserwählten können ihre Bewerbung bis Sommer 2020 detaillierter ausarbeiten.

In loser Folge stellt die SZ bis dahin die Konzepte der drei Bewerber vor und analysiert anhand der Bewerbungsbücher, den sogenannten BID-Books, deren Stärken und Schwächen. Heute: Chemnitz. Die westsächsische Stadt – einst Chemnitz, dann Karl-Marx-Stadt und wieder Chemnitz, zudem in verschiedenen Gesellschaftssystemen – will unter dem Motto „Aufbrüche“ aus selbigen und Widersprüchlichkeiten der Vergangenheit für sich ein neues, zukunftsfähiges Selbstverständnis entwickeln. Das Ziel lautet: „Europa braucht einen Aufbruch.“ Diese Vermittlerrolle soll vor allem der Kultur zukommen.

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Das sind die Stärken von Chemnitz

  • Die Bewerbungsunterlagen sind hochwertig aufbereitet. Jedoch ist die Sprache – wie bei den meisten der acht Bewerber – oft aufgeblasen und sehr theoretisierend gehalten: Das ist offenbar ein Duktus, den die Jury erwartet. Für Chemnitz spricht, dass mit Ferenc Csák ein erfahrener Kulturhauptstadt-Manager das Büro leitet. Er war als Regierungsbeauftragter für die Kulturhauptstadt 2010 im ungarischen Pécs tätig. Er weiß also, wie die Kulturhauptstadt-Juroren ticken.
  • Für den Kandidaten spricht, dass er sich nicht isoliert bewirbt, sondern im November 2018 mit 24 Kommunen die Strategie einer gemeinsamen Kulturregion entworfen hat. So soll die historisch gewachsene Kulturregion des Erzgebirges neu definiert und gestaltet werden. Als Chance wird gesehen, dass Chemnitz und die Region reichlich territoriale Freiräume wie unbebaute oder sanierte Industriebrachen haben, die neu genutzt werden können. Dort kann tatsächlich Neues ausprobiert werden.
  • Rund 30 Millionen Euro will Chemnitz allein für die Ertüchtigung von stadtbildprägenden und -gliedernden Arealen wie Eisenbahnviadukten, Sport- und Kulturquartieren aufbringen. Die Chemnitz und ihre Zuflüsse innerhalb des Stadtgebietes sollen wieder freigelegt und die Uferzonen zu Naherholungsgebieten umgestaltet werden. Markante und authentische Orte der Industriegeschichte sollen identitätsbildend stärker im Stadtbild sichtbar sein. Dazu sollen unter anderem 40 Schornsteine von 40 Künstlern aus ehemaligen Kulturhauptstädten gestaltet werden.
  • Explizit sollen freie Träger sowie Kunst- und Kulturvereine als Teil des künstlerischen Potenzials der Stadt gefördert werden. Die Botschaft: „Die Chemnitzer Subkultur will gewinnen.“ Freilich dienen vom Gesamtkulturetat – der gut sechs Prozent des Haushalts ausmacht – nur gut fünf Prozent der Förderung der freien Szene.

Das sind die Schwächen von Chemnitz

  • Es fehlt ein Leuchtturmprojekt. Es sind viele kleine Projekte angedacht oder bereits angeschoben. Ein Vorhaben, das weit – national oder gar international – ausstrahlt, gibt es nicht. Weder als Neubau noch als Sanierung und Ergänzung eines bestehenden Komplexes. Denkbar wäre die seit Jahrzehnten immer wieder verschobene Fertigstellung des Opernhaus-Komplexes. Von der Errichtung eines architektonisch Zeichen setzenden Schauspielhauses oder Theater- oder Museumsquartiers ganz zu schweigen.
  • Selbst das BID-Book formuliert als Schwäche, dass es noch nicht genug gelungen ist, die typische skeptische und zurückhaltende Grundhaltung der Chemnitzer aufzubrechen. Es gibt sehr engagierte Mitgestalter, die jedoch teilweise in Doppel- oder Mehrfachfunktion aktiv sind. Ebenso würden Strukturen in Verwaltung und Kommunikation den Ansprüchen einer bürgerbeteiligten Projektentwicklung mitunter nicht entsprechen.
  • Chemnitz hat zu wenig Beherbergungsbetten, und diese sind zu schlecht ausgelastet. Die derzeit 3.777 Bettenangebote sind nur zu 38 Prozent ausgelastet. 80 Prozent der gut eine halbe Million Übernachtungen sind Geschäftsreisende. Die Übernachtungszahlen sollen bis 2025 um 15 Prozent gesteigert werden. Drei Hotelneubauten sollen entstehen sowie einige Häuser etwa zu Boutique-Hotels und Low-Budget-Hotels profiliert werden.

Das Fazit

Die Bewerbung gleich mehrerer ostdeutscher Städte um die Kulturhauptstadt-Krone zeugt vom Paradigmen-Wechsel. Viele Kommunalpolitiker haben erkannt, dass ein weiteres wirtschaftliches Wachstum durch Ansiedlung von neuen Unternehmen ein Wunschtraum bleibt. Es wird schwer genug, die ansässigen zu halten. Ein Zugewinn wird also nur auf dem touristischen und Konferenz-Terrain möglich sein. Das bedeutet aber, dass die Städte und Regionen für Urlauber und Reisende attraktiver werden müssen: Ausbau der Infrastruktur, mehr Natur und Angebote in einem erlebnisreichen und erholungsbringenden Zentrum sowie im Umland, mehr und facettenreichere Kultur. Davon zeugt die Bewerbung von Chemnitz.

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Freilich, bis vor wenigen Jahren wurde Kultur in Chemnitz nur stiefmütterlichst behandelt – auch von der jetzigen Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Da fällt es schwer, an ein ernst gemeintes Wollen zu glauben. Zumal Barbara Ludwig bei ihrem Präsentationsvortrag Anfang Oktober vor der Kultusministerkonferenz in Berlin im Vergleich zu anderen Bewerbern eher mutlos auftrat.

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