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Hoyerswerda

Mit einem Heißluftballon in den Westen

Günter Wetzel schilderte in der Hoyerswerdaer Oberschule „Am Stadtrand“ seine spektakuläre Flucht von 1979.

Günter Wetzel (rechts) nahm die Hoyerswerdaer Oberschüler, hier Leon Schliewin, mit auf seine Flucht.
Günter Wetzel (rechts) nahm die Hoyerswerdaer Oberschüler, hier Leon Schliewin, mit auf seine Flucht. © Foto: Silke Richter

Von Silke Richter

Vor 40 Jahren gelang es zwei Familien, mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR zu fliehen. Einer der Ballonfahrer war Günter Wetzel. Der 64-Jährige war zu Gast in der Hoyerswerdaer Oberschule „Am Stadtrand“, um über seine spektakuläre Flucht zu berichten.

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Ahnungen von der anderen Seite

In dieser Nacht hätte so vieles ganz anders als geplant und erhofft laufen können. Wir schreiben den 16. September 1979: Zwei Familien aus Pößneck in Thüringen machen sich mit dem notwendigsten Gepäck auf den Weg, auf eine Reise ins Ungewisse. Erstes, besser gesagt: Zwischen-Ziel ist eine Wiese bei Oberlemnitz. Von dort wollen die Familien Wetzel und Strelzyk mit einem selbst gebauten Heißluftballon aus der DDR in die Bundesrepublik flüchten. Es ist ein weiterer Versuch, nachdem der erste am 4. Juli gescheitert war.

Der Entschluss, den sozialistischen Staat zu verlassen, war für Günter Wetzel keine spontane Entscheidung, sondern dieses Wollen reifte in ihm lange heran. Dabei hatte der damals 24-Jährige eine schöne Kindheit in der DDR verlebt, aber immer wieder eine Ahnung davon bekommen, wie es jenseits der Grenze aussehen könnte. Denn trotz aller Mühen und Versuche gelang es der SED-Führung nicht, alles aus dem Westen abzuschotten. Zumal der „Klassenfeind“ erfindungsreich war. Günter Wetzel berichtete von Flugblättern, die bei günstiger Windrichtung an kleinen Ballons von der BRD in die DDR gelangten. Er sprach von sehr eingeschränkter Reisefreiheit. Von der „Berichterstattung“, eigentlich ja mehr Propaganda, in der regional führenden Tageszeitung, der damaligen „Volkswacht“, Untertitel: „Organ der Bezirksleitung Gera der SED“. Eine abweichende Meinung zu haben; erst recht: sie laut zu äußern, konnte gefährlich sein: „Wer einen politischen Witz machte, konnte dafür im Gefängnis landen.“

Unter absoluter Geheimhaltung

Auch die staatliche Förderung der Gleichberechtigung der arbeitenden Frauen sei nicht ganz uneigennützig gewesen, so Günter Wetzel. Denn durch den damit in der Regel verbundenen frühzeitigen Besuch von Kinderkrippe und Kindergarten seien die Jungen und Mädchen nicht nur gezielt gelenkt und erzogen, sondern auch ausgefragt worden. „So ließ man die Kinder oftmals eine Fernsehuhr aufmalen, um herauszufinden, ob in den Familien zu Hause Westfernsehen geschaut wurde. Denn die Uhr im Westen sah anders aus als die Uhr im DDR-Fernsehen.“ Die beliebten, aber streng kontrollierten und sehr seltenen „Westpakete“ taten bei Günter Wetzel ihr Übriges, um ihn für sich festzustellen zu lassen: Es gibt zwei unterschiedliche deutsche Staaten, in denen auch ganz unterschiedlich mit dem Grundrecht auf individuelle Freiheit umgegangen wird. Alles Gründe, die den Familienvater in seinem Entschluss bestärkten, den Staat zu verlassen und die innerdeutsche stark bewachte Grenze zu überwinden.

Mit Familie Strelzyk war schnell die gemeinsame Idee geboren, einen Heißluftballon für die Flucht zu basteln. Das musste unter höchster Geheimhaltung ablaufen. Selbst der Kauf von meterlangen Stoffbahnen hätte die Staatssicherheit misstrauisch werden lassen können. Die Erfahrungen beim Bau der beiden ersten, flucht-untauglichen Heißluftballons halfen bei der Vollendung des dritten. Die Zeit drängte, denn die Staatssicherheit war den beiden Familien bereits auf die Schliche gekommen und wartete nur noch auf den passenden Anlass, um zuzuschlagen.

Doch die Fliehenwollenden waren schneller. Die Stoffbahnen nähte Günter Wetzel mit einer alten Nähmaschine selbst zusammen. Die Hülle war 28 Meter hoch und hatte zwanzig Meter Maximal-Durchmesser. Die Gondel war eine Holzplattform mit Geländer und Pfosten und war mit einem Brenner samt Gebläse ausgestattet. Allerdings gab es einen Schönheitsmakel: Die Nähte schauten beim Ballon heraus. „Die Zeit rannte uns davon. Aber so schlampig wollte ich uns nicht fliegen und im Westen ankommen lassen. Deshalb habe ich die Ballonhülle einfach umgekrempelt“, erinnert sich Günter Wetzel.

„Im Westen?“ – „Ja. Wo sonst?“

Am 16. September 1979 war es dann so weit. Die Wettervorhersagen für den geplanten Flug waren sehr günstig. Der Startplatz in Oberlemnitz war extra unweit einer Bahnlinie gewählt worden, um die Geräusche beim „Anfeuern“ des Ballons von den Zügen übertönen zu lassen. Die Reise begann wenig verheißungsvoll: Nachdem der Ballon abgehoben hatte, löste sich eine Verankerung am Boden und schlug gegen den Kopf von Peter Strelzyk. Das war aber noch nicht das Schlimmste. Der Ballon fing Feuer, ein aufgenähter Stoffdeckel löste sich aus der Hülle. Der Brand konnte zwar gelöscht werden, aber jetzt fing der Ballon an, langsam zu kreiseln. Alle waren wie erstarrt. Die Blicke wanderten hinauf zum nächtlichen grenzenlosen Sternenhimmel. „Wir konnten an nichts anderes denken. Wir haben einfach nur noch funktioniert“, blickt Günter Wetzel zurück. Dann waren die Propangasflaschen leer. Im Sinkflug ging es nach unten. Es waren die längsten 28 Minuten ihres Lebens für alle Insassen. Schließlich landete der Ballon weich auf einem Gebüsch. Aber wo? In der Freiheit – oder noch in der DDR. Die Familienväter liefen zu einer Straße, während die Mütter und Kinder warteten. Eine Polizeistreife querte den Weg; die Uniformen sahen anders aus als die der gewohnten DDR-Volkspolizei. Auf die hoffnungsvolle Frage von Günter Wetzel „Sind wir im Westen?“ kam die erlösende Antwort: „Ja. Wo sonst?“

Die Hoyerswerdaer Oberschüler waren von diesem Bericht fasziniert. Selbst die Pause hatte keiner vermisst. „Das ist echt krass, wie sie damals mit den Leuten umgegangen sind. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Und mutig ist es auch, mit einem Ballon über die Grenze zu fliegen. Das war eine ganz besondere Unterrichtsstunde“, zog Leon Schliewin sein Resümee.

P.S.: Die Ereignisse um die Ballonflucht von 1979 wurden verfilmt und im vergangenen Jahr erstmals im Kino gezeigt.