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Mit einem Klick bei Oma

Brauchen die Bewohner eines Dresdner Altenheims noch Besuch? Ihre Angehörigen können täglich im Internet kontrollieren, wie es ihnen geht.

© André Wirsig

Von Doreen Reinhard

Horst Strunz schaut so oft es geht nach seiner Mutter und kennt ihren Alltag bis ins letzte Detail. Er weiß, dass sie gerade gut schläft und gestern erst beim Seniorenturnen war. Dass sie kurz darauf gebadet wurde, aber keine Lust aufs Haarewaschen hatte. Und, dass sie manchmal unruhig wird und weint, weil sie nicht weiß, wo sie sich befindet – im Dresdner Seniorenwohnpark am Großen Garten. Hier lebt die 86-Jährige seit einem knappen Jahr. Ihr Sohn Horst kommt mindestens alle zwei Wochen als Besucher vorbei, manchmal häufiger, wenn sein Job es zulässt. Dann sitzen sie schwatzend in ihrem Zimmer oder drehen eine langsame Runde im Haus. Aber auch, wenn er „Tschüss, Mutti“ gesagt und das Heim verlassen hat, bricht der Kontakt nicht ab. Ein Klick im Internet, Passwort eingeben, Abläufe wie beim Online-Banking, und schon ist er wieder bei ihr. Im Netz erfährt er inzwischen oft mehr über den Alltag seiner Mutter als von ihr selbst, denn die Seniorin leidet an Demenz.

Klinik Bavaria Kreischa
PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN
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Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

© André Wirsig

„Guten Tag Herr Horst Strunz, schön, dass Sie sich wieder für das Wohlbefinden von Edith Strunz interessieren“ – diese Worte begrüßen ihn jedes Mal, wenn er ihre Pflege-Akte öffnet. Eine virtuelle Datenbank, die täglich mit Informationen gefüttert wird. Der aktuellen Temperaturkurve und Gewichtstabelle, den neuesten Diagnosen vom Arzt und Dutzenden Details aus ihrem Tagesablauf – von der Teilnahme am Rätselnachmittag bis zum Salben wunder Haut. Online nimmt der 63-Jährige an allem Anteil, wenn er will, rund um die Uhr.

Die Marseille-Klinik am Großen Garten ist längst im digitalen Zeitalter angekommen und hat gut ein Drittel der 128 Bewohner mitgenommen. Nicht sie selbst, aber deren Angehörigen haben das Gesundheitsbuch abonniert. Einen Newsletter, der alle Antworten enthält, die früher bei Besuchen persönlich besprochen wurden. Wer will, kann zusätzlich einen SMS-Ticker fürs Handy buchen. Für Heimleiterin Manuela Uhlig ist das kein Schritt zurück, sondern etliche nach vorn. „Für uns ist das eine spürbare Entlastung“, sagt sie. Denn das Personal spare Zeit – Minuten, nicht selten Stunden eines Arbeitstags, in denen sich die Pfleger nicht um Oma und Opa kümmern konnten, weil Kinder und Enkel vor ihnen standen, die genau wissen wollten, wie es der Verwandtschaft im Heim ergeht. Die Antworten auf diese Fragen haben die Marseille-Kliniken ins Netz verlagert. Auch am Dresdner Standort wurde technisch aufgerüstet, nicht ohne Bedenken, gibt Manuela Uhlig zu. „Hoffentlich dokumentieren wir alles richtig“, das war ihre erste Sorge. Die zweite: „Kommen die Angehörigen noch zu Besuch, wenn sie alles im Internet erfahren?“ Kein Szenario sei am Ende wahr geworden. Kritik gibt es kaum, und wenn, dann handelt sie meist von Rechtschreibfehlern. Das Besucherverhalten ist wie früher, genauso gut oder eben schlecht. „Manche Leute kommen täglich“, erzählt Manuela Uhlig. „Andere haben den Vater oder die Mutter im Heim untergebracht und sind ins Ausland gezogen. Da passiert wenig.“ Für sie ist die Verwandtschaft noch vorhanden, aber nur als Daten-Rentner, nach denen man sich ab und zu per Mausklick erkundigt.

Das Personal hat sich an das Doppelleben der Heimbewohner längst gewöhnt. „Vor ein paar Jahren haben wir an solche Möglichkeiten auch noch nicht gedacht“, sagt Pflegedienstleiterin Daniela Heidrich. Inzwischen sieht man die Neuerung pragmatisch, denn dokumentiert werden muss sowieso, nach den peniblen Vorschriften der Branche, und die sind zeitraubend. Mindestens eine Stunde pro Schicht sei jeder Mitarbeiter damit beschäftigt, die Pflege zu notieren – von der kleinsten Tablette bis zu Handgriffen wie „Händewaschen“ und „Bettgitter einsetzen“, im TÜV-Deutsch „Maßnahmen“ genannt. Daniela Heidrich rechnet vor, dass für 40 Bewohner täglich über 3 000 Maßnahmen abgehakt werden. „Das stört natürlich schon, weil am Ende die Zeit für den Bewohner fehlt.“

Das Material zur Pflege-Kontrolle fließt als Zweitverwertung unter anderem in den Account, in den sich Horst Strunz alle paar Tage einloggt. Nicht alle Angaben versteht er, nicht jedes Medikament kennt er, ihm genügen die wesentlichen Fakten – zum Beispiel die Gewichtskurve, die nach oben zeigt. Zehn Kilo hat seine Mutter seit ihrem Einzug ins Heim zugenommen. „Ganz schön ordentlich“, sagt er. Aber besser als zu wenig. Vorigen Sommer hat er sich sehr um sie gesorgt, denn sie kam nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus. Flüssigkeitsmangel. Danach abonniert der Sohn das Gesundheitsbuch. Um, falls die Zeit nicht für einen Besuch reicht, wenigstens zu Hause am Rechner zu checken, ob sie genügend trinkt. Theoretisch könnte die Kontrolle noch intensiver werden, aber bei aller Begeisterung für Fortschritt, an eines glaubt Heimleiterin Uhlig nicht: „Liveschaltungen per Webcam in ein Pflegebett – das ginge eindeutig zu weit.“