SZ +
Merken

Mit einem Weihachtsgedicht des Vaters fing alles an Herbert Andert

Ich bin in Ebersbach geboren und aufgewachsen. In meinem Geburtsjahr waren meine Eltern gerade umgezogen in das Haus, in dem ich noch heute lebe. Zuvor hatten wir bei den Großeltern gewohnt. Dort hatte die Familie einen kleinen Kolonialwarenladen.

Teilen
Folgen

Ich bin in Ebersbach geboren und aufgewachsen. In meinem Geburtsjahr waren meine Eltern gerade umgezogen in das Haus, in dem ich noch heute lebe. Zuvor hatten wir bei den Großeltern gewohnt. Dort hatte die Familie einen kleinen Kolonialwarenladen. Meine Mutter erzählte mir immer, dass ich ein Sonntagskind bin und das ich deshalb ein großer Glückspilz sei.

Doch so viel Glück hatte ich nicht immer. Als ich noch sehr klein war, ereilte mich zum Beispiel eine schwere Krankheit. Was es war, konnte niemand sagen. Selbst der Arzt hatte mich schon abgeschrieben. Doch meine Mutter ging mit mir zu einem Ebersbacher Homöopathen, und der machte mich mit einem Naturheilmittel wieder gesund. 1917 trat ich in die Schule ein. In der fünften Klasse bekamen wir einen Lehrer als Klassenleiter, der sehr heimat- und naturverbunden war. Er erklärte uns zum Beispiel die Handweberei und erzählte viel von früher. Einmal haben wir uns im Museum auf der Humboldtbaude angesehen, wie einst gesponnen wurde.

Damit brachte er mich auf die Idee, ein solches Spinnrad einmal nachzubauen. Ich besorgte mir also Zigarrenkistenholz. Das war kein Problem, da wir ja den Kolonialwarenladen in der Familie hatten. Ich passte eine Zeit ab, als meine Eltern nicht zu Hause waren und sägte mir aus dem Holz ein kleines Rädel und Speichen aus. Doch nun musste ja alles irgendwie zusammenhalten. Nachdem andere Versuche scheiterten, erhitzte ich eine Stricknadel meiner Mutter über dem Gaskocher und brannte kleine Löcher rein. Dabei hielt ich dummerweise die Hand unter das Holz und brannte mir einen Finger an. Weil die ganze Hand später dick wurde und sich entzündete, kam ich in die Behandlung des bekannten Doktor Wanke.

Alles in allem verbrachten wir – ich hatte eine Schwester und einen Bruder – aber eine schöne Kindheit, obwohl die Zeiten sehr schwer waren. Später ging ich dann nach Löbau auf die höhere Schule. Wir waren eine kleine Gruppe von drei Kindern aus Ebersbach und fuhren mit dem Zug nach Löbau.

An der Löbauer Schule hatten wir beim Schulleiter Deutschunterricht. Er sammelte selbst allerlei Verse in Oberlausitzer Mundart und stiftete uns Kinder an, auch welche mitzubringen. Ich dichtete dann an die Verse, die meist nur einen Reim hatten, noch ein paar Zeilen dran. Einmal schrieb mir mein Vater in der Weihnachtszeit ein Gedicht über den Christbaum. Davon war der Schulleiter so begeistert, dass ich es zur Weihnachtsfeier in der Schule vortragen durfte. Da war ich mächtig aufgeregt, fand aber bald Gefallen daran, meine Verse vor vielen Leuten aufzusagen. Auch gesungen habe ich für mein Leben gern. Das habe ich von meiner Mutter geerbt. Sie hatte eine wunderbare Stimme.

Mein Christbaum-Gedicht war so ein Renner, dass ich auch noch bei anderen Feiern damit auftreten sollte, zum Beispiel bei der Arbeiterwohlfahrt. Dort bekam ich als Dank kleine Stollenbrote. Das war damals mehr Wert als Geld. Ich habe nur eins gegessen und die anderen mit nach Hause genommen für die Familie.

Aufgeschrieben von: Romy Kühr