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Mit Gaspatronen auf den Kormoran?

In Cunnersdorf und anderswo knallt es derzeit immer wieder. Ein Fischräuber soll verjagt werden, aber es sind eher die Anwohner, die genervt sind.

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© dpa

Von Frank Oehl

SZ-Leser Roland Reimann aus Cunnersdorf hatte am Dienstag am SZ-Lesertelefon das Momentum auf seiner Seite: „Achtung, hören Sie selbst! Gleich knallt es wieder.“ Und tatsächlich: Am Hörer ist deutlich ein Schuss zu vernehmen. „Und dabei steht das Telefon auf der vom Teich abgewandten Seite im Haus.“ Herr Reimann ist genervt, und dies nicht er allein. Seit etwa drei Wochen laufen am Saleskbach sogenannte „Vergrämungsmaßnahmen“, wie es auf Amtsdeutsch heißt. Es geht gegen den Kormoran, einen großen, eleganten Vogel, der allerdings überaus gern Fisch frisst. Das ist schlecht für die Fischwirtschaften, versteht sich. Im Freistaat Sachsen darf das Tier „zur Abwendung erheblicher fischereiwirtschaftlicher Schäden sowie zum Schutz der heimischen Tierwelt getötet werden“, sagt das Gesetz. Teichwirte und Fischzüchter dürfen also mit einer „geeigneten Schusswaffe“ dem Tier auflauern; und dies in einem großzügig bemessenen Zeitrahmen – nämlich „von einer Stunde vor Sonnenaufgang bis eine Stunde nach Sonnenuntergang“. Und dies im 200-Meter-Areal um die für die Fischzucht genutzten Gewässer – ausgenommen sind Brut- und Schlafplätze. Bei den Schlafplätzen sind allerdings nicht die der Menschen gemeint, um das hier klarzustellen.

Die Jagd würde Roland Reimann wahrscheinlich nicht ganz so stören. Bei ihm wird nämlich nicht ab und zu mal scharf geschossen, sondern andauernd. Mithilfe einer Vertreibungsautomatik auf Gasdruckbasis. Und die kann einem durchaus den Schlaf rauben. „Das geht jeden Tag, auch sonn- und feiertags, um 7 Uhr los und endet 18 Uhr. Manchmal alle 15 Minuten, manchmal alle 30 Minuten knallt es, als ob der Jäger bei einem im Hof sitzt.“ Reiterinnen aus dem Ort hätten sich bereits beschwert, weil die Pferde unruhig geworden sind, und danach sei es tatsächlich eine Zeit lang still gewesen. Aber, die selige Ruhe habe nicht lange angehalten.

Anwohner haben sich beschwert

Herr Reimann und andere glauben nicht an den Nutzen des regelmäßigen Gasdruckknalls. Das Tier würde zwar immer wieder erschreckt, aber folgenlos. Das laufe tendenziell auf Dauerfeuer hinaus, wird befürchtet. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Schocktherapie der Tierwelt insgesamt gut tut.“ Die Frage, ob mit solchen Anlagen naturschutzrechtliche Verstöße einhergehen, hat das Landratsamt an anderer Stelle bereits geprüft. Beim Umweltamt, so Kreissprecher Gernot Schweitzer, hätten sich Anwohner aus Cosel und Straßgräbchen über den dortigen Schießlärm beschwert. Die dortige Teichwirtschaft habe Anlagen in Betrieb, die im Abstand von 20 bis 25 Minuten jeweils drei Schuss abgeben. „Lärmmessungen des Umweltamtes ergaben, dass der zulässige Spitzenpegel von 90 Dezibel in beiden Orten deutlich unterschritten wird.“ Das Landratsamt sehe also keine Möglichkeit, den Betrieb der Schussanlagen zu untersagen.

Letzteres deutet auf weiteren Klärungsbedarf hin. Wenn der Kormoran regulär bejagt werden darf, warum ist dann die Vergrämung überhaupt nötig? Die Knallanlage macht es dem Fischwirt offenbar leichter, als sich auf die Lauer zu legen. Und sie erspart ihm den Gang ins Umweltamt, der den belästigten Anwohnern zugemutet wird. Vom 1. April bis 15. August bräuchte die Kormoranjagd nämlich eine behördliche Erlaubnis. Ach nö, die Gaspatrone macht es doch auch! Oder nicht?