merken
PLUS

Mit gutem Draht zu den Kindern

Seit einem Jahr unterrichtet Daniel Kubik in der Grundschule Boxberg als Seiteneinsteiger.

Der Lehrerberuf sei spannend und habe nichts von den Klischees, die ihm gerne angedichtet werden, sagt Daniel Kubik. Er fühlt sich wohl in der Grundschule „Lernoase“ in Boxberg.
Der Lehrerberuf sei spannend und habe nichts von den Klischees, die ihm gerne angedichtet werden, sagt Daniel Kubik. Er fühlt sich wohl in der Grundschule „Lernoase“ in Boxberg. © Foto: Joachim Rehle

Boxberg. Mit unserem Seiteneinsteiger haben wir einen Hauptgewinn gemacht.“ Mit anerkennenden Worten spricht Angela Frenzel von Daniel Kubik. Als dieser wenig später hinzukommt, wird schnell deutlich, dass die Chemie zwischen der Schulleiterin in Boxberg und ihrem jungen Kollegen stimmt. Der 29-Jährige ist seit einem Jahr in der Grundschule „Lernoase“. Er unterrichtet Sport, Werken und Schulgarten, gibt Vertretungsstunden in Mathe oder Deutsch. An drei Tagen die Woche. Mittwochs und donnerstags sitzt er selbst auf der Schulbank, um sich für den Lehrerberuf zu qualifizieren.

Medien- und Kulturwissenschaftler

Anzeige
Nie wieder Langeweile! 

Viel Freizeit, aber keinen Plan? Unser Ferienführer liefert jede Menge Ideen für ein perfektes Ferienprogramm.

Daniel Kubik hat in Potsdam und Cottbus Medien- und Kulturwissenschaften studiert, danach in beiden Bereichen gearbeitet. Doch werde es immer schwerer, in den Branchen als Angestellter Fuß zu fassen. Zumeist sei man nur projektbezogen beschäftigt. Seit Sachsen und Brandenburg versuchen, mit Seiteneinsteigern personelle Lücken in Schulen zu schließen, hat auch er sich so seine Gedanken gemacht. „Die Idee war schon eine Weile im Hinterkopf, aber der Entschluss brauchte seine Zeit“, erklärt er rückblickend. Intensiv habe er im Internet recherchiert. Der Zufall wollte es, dass es gerade da in seinem Umfeld etliche kleine Kinder gab. Bei der Beschäftigung mit ihnen merkte er, dass er einen ganz guten Draht zu Kindern hat. Kurz vor Jahresende 2017 schickte er drei Bewerbungen und bekam eine Zusage vom Landesamt für Schulen und Bildung, welches da noch Bildungsagentur hieß. Ob der Lehrerberuf das ist, was er sich vorstellt, dahinter standen zu jener Zeit allerdings noch Fragezeichen. Anfang Januar 2018 wurde er zur Auftaktveranstaltung nach Bautzen eingeladen. Dort begegnete er annähernd 60 anderen Interessenten, die wie er einen Seiteneinstieg in den Lehrerberuf probieren wollten. Zunächst wurden sie in einem dreimonatigen Crashkurs auf ihren ersten Einsatz vor Schülern vorbereitet.

In Boxberg landete Daniel Kubik aus zweierlei Gründen. Maßgeblich für die Verteilung der Seiteneinsteiger war der von den Schulleitern 2017 angemeldete Bedarf. „Wir hatten zu jener Zeit viele offene Stunden“, erinnert sich die Schulleiterin. Für den Lausitzer, wie er sich selbst bezeichnet, war Boxberg naheliegend. Angela Frenzel war gespannt, wer da wohl auf sie und ihre Kolleginnen zukommen würde. Nach dem ersten Kennenlernen habe sie „gleich ein gutes Gefühl gehabt“. Nach Ostern stand der erste Unterrichtsversuch für Daniel Kubik an: Mathe-Vertretung in der 3 b, die jetzt die 4 b ist. „Eine Klasse, mit der man gut arbeiten kann“, sagt Angela Frenzel. Danach folgte eine Doppelstunde Deutsch in der 4 a. Er sei schon aufgeregt gewesen, räumt Daniel Kubik ein. Vergleichbar sei eine solche erste Stunde vor Schülern mit dem Sprung ins kalte Wasser, findet auch Angela Frenzel. „Einfach Abgucken, das geht eben nicht. Man kann Tipps geben, aber zurechtkommen muss jeder selbst“, sagt die Schulleiterin, die seit mehr als 30 Jahren Lehrerin ist. Auch jungen Referendaren, die von der Uni in die Praxis kommen, legt sie immer ans Herz, dass es gar nicht um Perfektionismus geht. „Wichtig ist ein Gefühl für die Kinder – und das Interesse, sich einzubringen“, sagt sie.

Zunächst erhielt Daniel Kubik einen befristeten Vertrag für ein halbes Jahr. Ob man sich bewähre oder nicht, sei in dieser Zeit unter Beweis zu stellen. Dazu stehen Hospitationen von Landesschulamt und Schulleitung an. In der Testphase, wie man es auch bezeichnen könnte, hat Daniel Kubik Sport und Sachunterricht gegeben, auch Musik, Förder- und Vertretungsstunden. Nachdem eine Kollegin in den Ruhestand ging, wurde ihm Schulgarten angetragen. „Er hat sich richtig reingehängt“, lobt Angela Frenzel. Schulgarten sei ja in den meisten Schulen ein Stiefkind, da brauche es Herzblut und Geschick dafür. Beides bringt Daniel Kubik mit. Und er hat jede Menge Ideen. Mit den Schülern will er die Rasenfläche an der Schule durch ein Blumenbeet aufwerten, jede Klasse soll ein eigenes Hochbeet bekommen. „Insektenfreundlich, naturnah und so viel wie möglich von den Kindern selbst gemacht“, bezeichnet der Neu-Lehrer seine Prämissen. Die Schüler sollen nicht nur Beete pflegen. Sie werden zum Beispiel auch selber Kräuterbutter herstellen. Der junge Mann sprüht vor Begeisterung. Die will er auch in seinen anderen Fächern an die Kinder weitergeben. Daniel Kubik erzählt vom Erwärmungsprogramm der Drittklässler zur Musik der „Zillertaler Musikanten“ im Sport oder von der Holzverarbeitung in Werken in der dritten Klasse. „Da stehen die Kinder total drauf“, hat er festgestellt.

Hoffen auf Perspektive

Was Zensuren angeht, sei er oft noch hin- und hergerissen. „Im Laufe der Zeit wird man immer sicherer, zur Routine aber wird es nie“, bestätigt Angela Frenzel. Die beiden sind sich in einer „prozessorientierten Benotung“ einig. Gerade in Fächern wie Werken oder Sport sei es wichtig, auch die Anstrengungen der Kinder zu würdigen, ist Kubik überzeugt. Mit der Elternarbeit erwarte ihn noch ein breites Feld. Weil er noch kein Klassenlehrer ist. „Als Sportlehrer hat man ja eher wenig mit den Eltern zu tun. Höchstens durch Zettelchen, wenn ein Kind vom Sport befreit ist“, sagt er.

In einem berufsbegleitenden Studium qualifiziert sich Daniel Kubik in Dresden zwei Jahre lang in der Grundschuldidaktik – als einer von sieben Männern unter den etwa 60 Seiteneinsteigern. Ob mehr Fachwissen oder mehr pädagogisches Wissen den Lehrerberuf ausmacht, darüber werde auch in der Ausbildung heftig diskutiert. „Patent-Rezepte gibt es nicht“, weiß Daniel Kubik. Am 30. Januar steht die erste Klausur an. Der Qualifizierung folgt ein zweijähriges Fachstudium in Mathe, Deutsch, Englisch oder Deutsch als Zweitsprache. Noch offen sei, ob er das auf Grund seines vorherigen Studiums abkürzen könne. Hinzu kommt ein sogenannter Vorbereitungsdienst. Alles in allem dauert die Ausbildung für Seiteneinsteiger fünf Jahre. Am Ende soll ein Abschluss stehen, der dem des Pädagogikstudiums gleichwertig ist.

Angela Frenzel hat Vertrauen in die Arbeit von Daniel Kubik. „Seine Art kommt gut bei den Kindern an. Wir sind sehr froh, dass wir ihn haben“, sagt die Boxberger Schulleiterin. Sie hofft, dass er in der „Lernoase“ eine berufliche Perspektive hat. Beeinflussen könne sie das aber nicht. Auch Seiteneinsteiger werden dorthin abgeordnet, wo Personalnot und Unterrichtsausfälle am größten sind. Und solche Situationen hat Boxberg selbst zur Genüge erlebt.