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Mit Hegel beginnt die Revolution im Kopf

Vor 250 Jahren wurde der große Philosoph geboren. Der Denker mit der Vorliebe für Schachtelsätze hat auch heute noch viel zu sagen.

Immer wieder nötig: Der Kampf um die Freiheit. Friedrich Hegel nutzte aber lieber Worte als Hammer.
Immer wieder nötig: Der Kampf um die Freiheit. Friedrich Hegel nutzte aber lieber Worte als Hammer. © AP

Von Christina Wittig-Tausch

An einem Sommerabend des Jahres 1820 versammelte sich im Dresdner Gasthof „Zum blauen Stern“ eine Gruppe von Herren, darunter auch der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus Berlin, der gern Kunstreisen nach Dresden unternahm. Einige wollten Meißner Wein ordern. Hegel lehnte ab. Stattdessen bestellte er Champagner für alle, um auf den besonderen Tag zu trinken. Niemand verstand, was der Philosoph meinte. Der sagte laut: „Das Glas gilt dem 14. Juli 1789.“ Dem Beginn der französischen Revolution also. Dem Symbol für den Kampf des modernen Menschen um Befreiung – von politischen und sozialen Fesseln, aber auch von Gedankenmustern, die die Gesellschaften jahrhundertelang geprägt hatten.

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Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der am 27. August vor 250 Jahren in Stuttgart geboren wurde, war keiner, der selbst auf Barrikaden oder Mauern kämpfte, mit Fahne, Gewehr oder Hammer in der Hand. Seine Waffe war der Geist, seine Kriegsschauplätze die Studierstube, Zeitschriften, Bücher und gelegentlich der Vorlesungssaal. Eine Erbschaft machte es ihm möglich, ab 1799 keinen ungeliebten Brotberuf mehr ausüben zu müssen, sondern sich voll der Philosophie widmen zu können als Forscher, Publizist und Hochschullehrer. Zunächst in Jena, später in Berlin.

Kaum jemand hat Hegel in Gänze durchdrungen

Allerdings hatten die Zeitgenossen Mühe, Hegel zu verstehen. Offenbar sprach er auf beruflicher Ebene genauso wie er schrieb: In Sätzen, die mit unzähligen Einschüben und gegenläufigen Gedanken arbeiten, die sich kreisförmig in die Höhe zu schrauben scheinen. Hegel brachte die Methode der Dialektik mit These, Antithese und Synthese zu einer Blüte, die schon damals schwer nachvollziehbar war. Selbst in einem Zeitalter, dessen Tempo noch wesentlich langsamer als das unsere war, in dem die Zahl der Medien und Informationen überschaubarer und die Aufmerksamkeitsspanne länger war. Hegels Vorlesungen litten an chronischem Besuchermangel, nur wenige Hörer kamen immer wieder. Goethe lud den hoch gebildeten, musikliebenden, geselligen Philosophen mit der Vorliebe für Kartenspiele durchaus gern nach Weimar ein. Zugleich aber sann er in Briefen nach, wie man den Gelehrten zu klareren Sätzen bewegen könne.

Bis heute gibt es kaum jemand, der oder die guten Gewissens von sich behaupten kann, Hegel in Gänze durchdrungen zu haben. Das liegt neben der herausfordernden Rhetorik auch an Fülle und Breite des Materials, das Hegel erarbeitet, das er immer wieder überdacht, verworfen, weiterentwickelt hat. Über sich selbst war er verhalten auskunftsfreudig. Dafür publizierte er über alle möglichen Fragen und Wissensgebiete seiner Zeit und hinterließ eine Reihe von Schriften und Büchern wie die „Phänomenologie des Geistes“ oder die „Wissenschaft der Logik“. Hegel gilt als einer der bedeutendsten deutschen Denker – durch seinen Einfluss auf die verschiedensten philosophischen Richtungen und insbesondere auf Karl Marx auch als einer der wirkmächtigsten.

Alles immer wieder hinterfragen

Während Marx in den letzten Jahren zu neuer Aktualität gekommen ist mit seiner Analyse des Kapitalismus und gern zitiert wird mit seinen knackigeren Sentenzen, findet die Auseinandersetzung mit Hegel vor allem in Fachkreisen und in Feuilletons statt. Vor allem jetzt, aus Anlass seines runden Gedenktags. Auch sind einige neue Bücher über den Gelehrten erschienen. Die große Frage, die über allem schwebt, lautet: Was hat er, der Meister des verschwurbelten Ausdrucks, heute noch zu sagen?

Darauf gibt es viele Antworten. Wer sich Hegel nähern will auch ohne Doktortitel in Philosophie, dem sei das Buch „Hegels Welt“ von Jürgen Kaube empfohlen. Der Journalist bettet Hegel ein in die großen Wandlungen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, die ängstigten und herausforderten. Die Welt, wie wir sie heute wahrnehmen und interpretieren, wird in Hegels Zeit und durch ihn intellektuell ausgeformt. Zwar ist das Stampfen der Maschinen, dessen Rhythmus das Werk von Marx und Engels prägt, zu Hegels Zeiten noch leise. Aber mächtig stürmen die Denker und Dichter, inspiriert von Kant und der Aufklärung, gegen die geistige Vorherrschaft von Theologie und Metaphysik an.

Nicht erst bei Friedrich Nietzsche, schon bei Hegel findet sich die Formulierung eines „toten Gottes“. An Stelle eines moralischen Überwesens tritt die Besinnung auf den einzelnen Menschen, auf das Ich. Alles, was bisher gegolten hatte, musste überdacht werden. Der Staat, die Wege menschlicher Erkenntnis, Moral, Freiheit und die Rolle dieses neuen Ichs. Die heutige, starke Betonung der Individualität mit all ihren Tiefen und Höhen, sie gäbe es wohl nicht ohne Hegel und Kollegen. Und immer noch unverzichtbar für den mündigen Bürger ist ein Werkzeug, mit dem Hegel gern arbeitete: Mit der Skepsis, jener Denkbewegung, die sich und andere und scheinbar Unbestreitbares immer wieder vernünftig hinterfragt. „Der Widerspruch ist die Regel für das Wahre, der Nicht-Widerspruch (die) für das Falsche“, notierte Hegel 1801 in seiner Habilitationsschrift.

Freiheit im Zeitalter der Technik

Einen außergewöhnlichen Ansatz im Umgang mit Hegel wählt Slavoj Zizek in seinem neuen Buch. Der Philosoph nutzt Beweglichkeit und Denkfreudigkeit Hegels, um sich mit den brennenden Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen. In einem breiten, offenen Diskurs. Wie Hegel ist Zizek „gegen das Belehren, wie die Welt sein soll“, denn dafür ist sie heute viel zu komplex. Es ist eine schwierige Suche, die angesichts von Bevölkerungsentwicklung, Pandemie, Klimawandel und Flüchtlingsströmen nicht mehr aufgeschoben werden kann. Die Erde ist eine Kugel und keine unendlich große Scheibe voller lebensnotwendiger Ressourcen. Sie lässt ungehemmtes Wachstum als Idee sowie als ökonomische und politische Grundlage längst nicht mehr zu. Mit welchen Einschränkungen werden wir leben müssen und können?

Auch die Entwicklung der Maschinen und künstlicher Intelligenz stellt neue Anforderungen an unser Denken und Leben: Was ist Freiheit im Zeitalter der technischen Überwachung? Wie frei sind wir, wenn unser Gehirn, dieser ureigenste Freiheitsraum, verdrahtet ist, wenn Maschinen unsere Regungen, Absichten, Argumente ausloten können? Wollen wir das? Und in welchem Maße?Hin und wieder finden sich bei Hegel, der 1831 starb, doch kleine, klar formulierte Perlen. In seiner Rechtsphilosophie etwa wandte er sich gegen das „Geschrei gegen die Juden“, das an ihnen bemängele, sie gehörten nicht nur einer anderen Religion an, sondern sähen sich auch einem anderen Volk angehörig. Dies übersehe, dass sie zuallererst Menschen seien.

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