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Was einen Hundertjährigen fit hält

Werner Geißler aus Kamenz feiert heute einen besonderen Geburtstag - und hat für die Zukunft ein Ziel vor Augen.

Vom Balkon aus sieht Werner Geißler seine alte Wirkungsstätte, die Kamenzer Lessingschule. Dort hat der jetzt 100-Jährige lange Mathematik und Physik unterrichtet.
Vom Balkon aus sieht Werner Geißler seine alte Wirkungsstätte, die Kamenzer Lessingschule. Dort hat der jetzt 100-Jährige lange Mathematik und Physik unterrichtet. © René Plaul

Kamenz. "Ich bin ein unruhiger Geist", sagt Werner Geißler von sich.  Und das stimmt. Er gestikuliert beim Erzählen, kennt alle Namen seiner Wegbegleiter,  hat eine feste Meinung und freut sich auf den Geburtstag - mit seinen beiden Töchtern, den vier Enkeln und zwei Urenkeln. Stattliche 100 Jahre wird der Kamenzer heute.

Die Gratulanten werden Schlange stehen. Einige von ihnen werden außer Atem sein, wenn sie bis in den zweiten Stock unters Dach laufen. Werner Geißler nicht. Schließlich geht er noch oft zur Sparkasse, zur Apotheke und zu seinem Lieblingsfleischer Kretzschmar. "Bis in die Altstadt ist es mir mittlerweile zu anstrengend,  da geht's nur bergauf", sagt er. 

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Dass er mit seiner Frau Johanna (97) schon 63 Jahre in der Goethestraße 13 wohnt, hat seine Gründe. Einen alten Baum verpflanze man mittlerweile nicht mehr. Und von nirgendwo anders habe er so einen tollen Blick auf seine alte "Penne". Vom Balkon sieht er die Kamenzer Lessingschule. Und  seit  Monaten auch die Arbeiten am Neubau daneben. Werner Geißler machte hier nicht nur 1939 sein Abitur, sondern lehrte später als Neulehrer nach dem Krieg auch jahrzehntelang unzähligen Klassen Mathematik und Physik.

Der Krieg brachte den Lebensplan durcheinander

Viele erinnern sich an den beliebten Lehrer. Viele der ehemaligen Schülerinnen und Schüler sind heute selbst schon in Rente. "Der 56-er-Abschlussjahrgang lädt mich immer noch regelmäßig ein", so der Senior. Für ihn endete das aktive Arbeitsleben 1985. "Als ich ging, wurde im Unterricht gerade die Arbeit mit dem Taschenrechner eingeführt", sagt er mit einem Augenzwinkern. Schon 35 Jahre ist Werner Geißler mittlerweile Rentner. Und das bedeutet 35 Jahre Unruhestand. "Nur die  Augen machen nicht mehr mit seit Kurzem", sagt er bekümmert . "Das ist schade. Denn ich lese leidenschaftlich gern."

Nach dem aktiven Schuldienst gab er noch vielen Schülern Nachhilfe. Das hielt jung und geistig fit. "Nach der Wende fragte die Schule noch einmal bei mir an, ob ich nicht vertretungsweise aushelfen könne. Und im Jahr 2000 zum 80. Geburtstag auch noch einmal. Da habe ich mich aber nicht mehr breitschlagen lassen", sagt der 100-Jährige lachend.  

Doch wie wurde ein Mann, der eigentlich Jura studieren wollte und bei der Deutschen Reichsbahn angefangen hätte, Neulehrer? "Eigentlich war mein Plan: Abitur machen, Arbeitsdienst und Fahne hinter mich bringen, studieren  und in Kamenz auf dem Bahnhof anfangen. Mein Vater war dort Chef des Güterbahnhofes", erzählt Werner Geißler. Doch es  kam alles anderes.

Sein Arbeits- und Wehrdienst mündete in den Zweiten Weltkrieg. Am 1. September 1939 war er mit seinem Baubataillon in Gleiwitz, an historischer Stelle, stationiert. Kreuz und quer führte ihn der Krieg durch Europa - von Polen nach Frankreich, zurück nach Königsbrück, weiter nach Jugoslawien und Russland. Vor Stalingrad lag Werner Geißler längere Zeit. "Ich hatte damals erst lange keinen Heimaturlaub bekommen, zwischendurch hatte ich die Gelbsucht und  schulte vom Fernsprecher zum Funker um. Aber dann klappte es doch." Als er zurück nach Stalingrad  musste, wurde er leicht verwundet und nach Schlesien ins Lazarett transportiert. "Das war mein großes Glück", sagt er.

Computer und Smartphone gehören zum Alltag

Als Werner Geißler im November 1945 nach Hause kam, lag auch hier alles in Trümmern. "Ich habe gleich ein Angebot vom Landratsamt bekommen, die suchten Leute, um die Wahl vorzubereiten. Eigentlich hatte mich eine Freundin aber bereits für den Schuldienst als Neulehrer  angemeldet", erzählt der 100-Jährige. Später entschied er sich ganz für diese Herausforderung.

Der am Schloßgässchen geborene Mann kam aus einfachen Verhältnissen.  Und war immer ein sehr guter Schüler.  "Ich sollte sogar die Fürstenschule in Grimma besuchen, eine Einrichtung für Hochbegabte, doch damit gingen meine Eltern nicht konform", erinnert er sich. Zeit seines Lebens konnte sich Werner Geißler für Neues begeistern. "Mit 80 wollte ich noch einmal wissen, wie  ein Computer funktioniert. Und mittlerweile habe ich ein Smartphone", erzählt er.

"Ich hatte nicht geplant, 100 Jahre zu werden. Als das Ereignis näher rückte, habe ich aber  einen gewissen Ehrgeiz entwickelt", sagt er lachend. Und mit einem Blick auf die Baustelle der neuen Lessingschule meint er trocken: "Mein nächstes Ziel ist  es, die Einweihung mitzufeiern!" Das  wäre in zwei Jahren... 

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