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Mit Kriegsbemalung im Strafraum

Im Norden Brasiliens gründet ein Indianerstamm die erste Profi-Fußballmannschaft von Ureinwohnern – da fordern auch die Frauen ihr Recht aufs Spiel.

Von Jan Kummer

Die rote und schwarze Farbe in den Gesichtern ist verlaufen. Die Lungen der Männer pumpen. In diesem Moment wollen sie nur noch eins: Wasser! Jeder hat gerade einen im Regenwald-Dickicht versteckten, etwa einen Meter langen Stamm einer Buriti-Palme gesucht, geschultert und geschleppt. Im Laufschritt – und das bei 35 Grad im Schatten. Corrida de toras, Baumstammrennen, heißt die schweißtreibende Übung.

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Die Männer, die nun an der Ziellinie stehen – nach vorn gebeugt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt – und sich von Frauen Wasser über die Köpfe gießen lassen, gehören zum Stamm der Kyikateje, vom Volk der Gaviao, der Falken. „Auch Weiße haben dieses Baumstammrennen schon mal mitgemacht, um ihre Kondition zu stärken“, sagt Pepkrate Jakukrekaperi, kurz Zeca Gavião, der Häuptling des Stammes und derjenige, der ihn berühmt gemacht hat. Denn aus den jahrhundertealten sportlichen Wurzeln entstand 2009 eine wagemutige Idee: die Kyikateje sollten die ersten Ureinwohner Brasiliens sein, die einen professionellen Fußballclub gründen.

Die Kyikateje siedelten schon vor der Entdeckung Brasiliens im Jahr 1500 durch die Portugiesen in ihrem heutigen Gebiet am Fluss Tocantins im Süden des Amazonasgebietes. Der Stamm zählt etwa 350 Mitglieder. Sie wohnen in einem traditionellen Runddorf mit festen Häusern. In der neu gebauten Schule sprechen die Lehrer Portugiesisch und die Stammessprache Timbira. Die „Menschen vom oberen Lauf des Flusses“, wie Kyikateje übersetzt heißt, leben im Vergleich zu anderen Stämmen sehr gut. Geld kommt vor allem vom Eisenerzkonzern Vale. Der zahlt auf Jahre eine Pacht, um Güterzüge durch das Reservat fahren zu lassen.

„Fußball spielen wir schon seit Jahrzehnten“, sagt Zeca Gaviao mit gedämpfter Stimme. Auf dem Beratungsplatz der Stammesführer unter dem Dach aus Palmblättern schwärmt er von der Vergangenheit. Wie ein Buddha thront er auf einem Schemel und scheint alle Zeit der Welt zu haben. Seine Jungs spielten zunächst in der Amateurliga der benachbarten Großstadt Maraba. Dort durfte ihre Mannschaft aber keinen indianischen Vereinsnamen tragen. Also traten sie als Sportclub Castanheira an, von Castanha do Para – Paranuss.

Deren Anbau und Verkauf ist neben der Pacht für die Eisenbahnstrecke die zweite wichtige Einnahmequelle. In der Amateurliga kämpften sie fast jedes Jahr um den Titel, dreimal gewannen sie ihn. Viele fragten sich deshalb: Und was kommt jetzt? Bis der Häuptling diese verrückte Idee mit dem Proficlub hatte. Der Fußballverband und die Indianerschutzbehörde FUNAI stimmten zu. Und so rückte der Gaviao Kyikateje Fußballclub in die regionale Profiliga auf. Gegen alle Widerstände.

„Die Weißen haben uns misstrauisch bestaunt. Sponsoren zu finden, war am Anfang aussichtslos“, erzählt Zeca Gaviao. Und auch in den eigenen Reihen regt sich Widerstand. Die Sorge der Kritiker: „Mit dem Fußball, dem Sport der ,Weißen’, verlieren wir unsere eigene Kultur, unsere Tradition.“ Doch Zeca Gaviao lässt sich nicht beirren und trommelt gut 20 Männer zusammen, die ausreichend Ballgefühl haben. Da er einen Trainerschein besitzt, betreut er seine Profitruppe gleich selbst. Nach bestem Wissen und Gewissen – sowohl fußballtaktisch als auch physisch. Natürlich gehören auch die uralten Sportarten wie Baumstammrennen oder Bogenschießen zu seinem Übungsprogramm. Trotzdem können die Ureinwohner nur schwer mithalten. Also beginnt Zeca Gaviao, die Mannschaft auch für „cafuzos“, also für Mischlinge und andere Nicht-Indianer zu öffnen.

Profis in einer Baracke

Im vergangenen Jahr räumte der Trainer seinen Stuhl, und zwar freiwillig: für einen „Weißen“. Vitor Jaime ist ein Urgestein des nordbrasilianischen Fußballs und hat schon einige Trainerstationen hinter sich. „Doch das hier ist die größte Herausforderung meines Lebens“, meint er im Trainingsdress seines neuen Vereins. Jaime lässt seine Kontakte spielen. Er verpflichtet Spieler aus anderen Regionen, die sich bereit erklären, über mehrere Monate hinweg auf ihren ohnehin geringen Luxus zu verzichten und in einer Gemeinschaftsbaracke im Dorf der Kyikateje zu leben. Um diese Kicker zu bezahlen, organisiert Häuptling und Vereinspräsident Zeca Gaviao den ersten großen Sponsor: einen Händler für Traktor-Ersatzteile. Mit einem Team aus Fitness- und Torwarttrainer sowie Physiotherapeut formt Vitor Jaime eine schlagkräftige Truppe aus 27 Spielern. Allerdings gehören nur noch vier zu den Kyikateje.

In der Hierarchie eines Indianerstammes gehört der Krieger zu den wichtigsten Personen. Diese Rolle übernimmt im Fußballteam Aru Sompre. Seine Waffen sind nicht Pfeil und Bogen, sondern der Ball. Aru ist Stürmer. Der Torgarant des Klubs. 26 Jahre alt, zweifacher Vater und Fahrer für den Sanitätsposten in seinem Dorf. Leben kann er von seinem Job als Profifußballer nicht, auch wenn er noch so viele Tore schießt. „Dazu wird in den unteren Ligen in Brasilien zu schlecht bezahlt. Zudem gelten die Verträge immer nur für ein paar Monate“, erklärt Aru Sompre. Er beklagt sich nicht etwa, im Gegenteil: Er ist dankbar. „Für meinen Stamm zu spielen, mich im Stadion anfeuern zu lassen von meiner Familie – das ist mein größtes Glück.“

Aru Sompre und seine indianischen Mitspieler bemalen sich für die Spiele gern wie traditionelle Krieger die Gesichter in den Stammesfarben schwarz und rot. Dabei steht schwarz für die Erde und rot für die Früchte des Waldes. Keine Kampfansage also, und trotzdem nötigt das einigen Gegnern Respekt ab. Und die Fremden, die cafuzos, in den eigenen Reihen? „Die behandeln wir wie Brüder“, sagt Aru. „Sie sind genauso Menschen und außerdem wichtig für uns.“

Vor dem Spiel tanzen die Kinder

In den vergangenen Monaten hat der Gaviao Kyikatejê Fußballclub einiges erreicht. Zum ersten Mal schafft die Mannschaft den Aufstieg in die erste Liga des Bundesstaates Para, vergleichbar mit der Oberliga in Deutschland. Ein Mannschaftsbus mit den Farben und dem Wappen des Vereins bringt die Spieler in die Stadien. Immer dabei eine Gruppe Schulkinder, die vor den Spielen traditionelle Tänze zeigen. Der Häuptling will das so: Fußball mit Kulturbotschaft. Sein Wort ist Gesetz.

Doch in der neuen Liga lassen die Erfolge auf sich warten. Die Mannschaft steigt wieder ab. Zeca Gaviao entlässt Trainer Jaime und übernimmt wieder selbst. Die hochfliegenden Pläne der Kyikateje-Fußballer gehen mit Vitor Jaime fort. „Es ging darum, wirkliche Profistrukturen zu schaffen, mit Trainingsplänen, Fußballschule und so weiter“, erklärt Vitor Jaime. „Damit der Stamm eines Tages auch den Großteil seiner Spieler selbst ausbilden kann.“ Das bleibt eine Vision. Zumindest haben die Frauen Interesse am runden Leder gefunden. Sie forderten beim Häuptling eine Frauenmannschaft ein und bekamen sie.

Derzeit ist Nachsaison bei den Kyikateje und die Vorfreude auf die Weltmeisterschaft im eigenen Land nicht mehr zu bremsen. „Brasilien wird Weltmeister, im Endspiel gegen Deutschland“, prophezeit Zeca Gaviao. Und bis zum Start der neuen Saison ist dann genügend Zeit, um sich wieder fit zu machen. Mit Bogenschießen und Baumstammrennen.