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Mit Liebe im Ruckelzuckel-Takt

Die Kemnitzer Treckerfreunde lassen am Wochenende drei DDR-Traktortypen hochleben. Was verzückt bloß so viele an alten Kisten? Ein Test mit Puff und Peng.

Rausch der Geschwindigkeit: Der Pionier hat immerhin fünf Gänge - macht aber nicht mehr als 17 bis 20 Stundenkilometer.
Rausch der Geschwindigkeit: Der Pionier hat immerhin fünf Gänge - macht aber nicht mehr als 17 bis 20 Stundenkilometer. © Rafael Sampedro

Ein Riesenlenkrad, zwei staksige Hebel, drei Pedale und Knöpfe, die denen einer DDR-Türklingel ähneln. Aha, üppig und selbsterklärend ist das Armaturenbrett des DDR-Traktors Pionier wahrlich nicht. Peter Kubenz lächelt, als er meinen fragenden Blick sieht. Der Mitstreiter des Vereins Kemnitzer Treckerfreunde steht hinter mir und dem weichen Fahrersitz, auf dem ich throne. "Sie müssen ihn erst mal anschalten", sagt er und zeigt auf einen unscheinbaren Knopf, den ich nie und nimmer betätigt hätte. Dann brüllt die Hölle um mich herum. Der Lärm der alten Maschine ist ohrenbetäubend. Wie soll ich da die Anweisungen meines Treckerfahrlehrers verstehen?

Höchste Konzentration im Fahrerstand: Das Armaturenbrett ist zwar übersichtlich, aber man kann nicht sehen, wofür welcher Knopf oder Hebel da ist. Peter Kubenz erklärt SZ-Mitarbeiterin Anja Beutler geduldig, was sie tun muss.
Höchste Konzentration im Fahrerstand: Das Armaturenbrett ist zwar übersichtlich, aber man kann nicht sehen, wofür welcher Knopf oder Hebel da ist. Peter Kubenz erklärt SZ-Mitarbeiterin Anja Beutler geduldig, was sie tun muss. © Rafael Sampedro

Dass mir die Kemnitzer Treckerfreunde so unverhofft zu einer Fahrstunde verhelfen, hat einen einfachen Grund: Eine Fahrt sagt mehr als tausend Worte. Denn wie bitte soll man einem Außenstehenden erklären, was die Treckerfreunde so an Pionier, Brockenhexe und Aktivist begeistert? So heißen die DDR- also IFA-Fahrzeuge - nämlich, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiern und noch immer gut im Geschäft sind. Das Mekka der drei Radschlepper war zu DDR-Zeiten Nordhausen in Thüringen. Hier liefen die meisten vom Band. "Bis in die 80er Jahre ist in Sohland auf dem Acker noch ein Pionier gelaufen", erinnert sich Kubenz. Auch beim Kraftverkehr und bei Kohle- oder anderen Lasttransporten waren die robusten Traktoren gefragt. Danach kamen moderne, leistungsstärkere Modelle besser an und die drei Kulttypen wanderten in die Hände von Privatleuten, die Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben.

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In privaten Händen sind die kleinen Kraftpakete noch immer gefragt. 5.000 bis 6.000 Euro muss man für so ein Gefährt in passablem Zustand heute schon hinlegen. Der Tannengrüne, in dem ich sitze, gehört dem Kemnitzer Sven Zelyk. 2005 ist er mit seinem "Pio" von Kemnitz bis zur WM am Großglockner gefahren mit über 50 Stunden Fahrzeit - die SZ berichtete damals darüber.

Heldenhafte Aktion: So berichtete die SZ 2005 über die Fahrt zum Großglockner, die 750 Kilometer lang war.
Heldenhafte Aktion: So berichtete die SZ 2005 über die Fahrt zum Großglockner, die 750 Kilometer lang war. © Screenshot: Anja Beutler

Immerhin sind die Grundlagen des Fahrens wie in meinem kleinen Auto - nur die Pedale liegen ziemlich weit auseinander, sodass ich sie erst mal suchen muss, um sie dann "richtig feste" durchzutreten, wie mich Peter Kubenz anweist. Also latsche ich beherzt auf die Pedale und schon rollt der grüne Pionier gemächlich über die Kemnitzer Wiese. Vorn links dampfen dunkle Rauchwolken aus dem schornsteinförmigen Auspuff, der Geräuschpegel ist nicht geringer geworden. Peter Kubenz muss schreien, um sich verständlich zu machen. "Wie viele Gänge hat der eigentlich?", rufe ich. "Fünf", sagt Kubenz und schickt sich an, mir das Schalten zu erklären. Und tatsächlich erreichen wir kurz darauf mit Gang fünf die Höchstgeschwindigkeit von knapp 20 Stundenkilometern, die sich aber durchaus flotter anfühlen als sie sind.

Was mich nun noch beschäftigt, ist die Frage, wie wohl die Lenkung des Treckers reagiert. Servolenkung gab es in den 50ern und auch später ja noch nicht ... Also ziehe ich das große, aber dünne Rad mit Kraft herum und wundere mich ein bisschen, dass der Pionier sich gar nicht so sehr bitten lässt. Peter Kubenz schaut meinem Wendemanöver entspannt zu. Kann so schlecht also nicht gewesen sein. Der grüne Traktor rattert und tuckert weiter. Früher ist dieses Exemplar im Steinbruch Hainewalde gelaufen. "Dort habe ich ihn damals hergeholt", sagt Sven Zelyk. Viel zu tun hat der Pionier inzwischen nicht mehr. Klar, bewegen muss man die Fahrzeuge immer wieder. Und ab und zu hat er Einsätze. Aber seine Stresszeiten sind vorbei.

Dafür bekomme ich jetzt gerade Stress. Denn ich suche die Bremse und frage mich, wie ich das Ding zum Stehen kriege. Einfach nur bremsen und Kupplung durchtreten? Nicht ganz: "Sie müssen Zwischengas geben", ruft mir Peter Kubenz zu. Das ist bei der alten Technik nötig, um alle Räder im Getriebe in die gleiche Geschwindigkeit zu versetzen - etwas, das beim neuen Auto automatisch funktioniert.

Wieder im Stillstand schau ich mich in dem Fahrerhäuschen noch mal um: Es ist wie eine Technik-Zeit-Kapsel, in der ich sitze: schlicht, robust, mechanisch. Aber es funktioniert alles noch bestens. Allerdings steigt nach der Spritztour auch mein Respekt vor all denen, die vor 50 Jahren in den Traktoren unterwegs waren. Auf dem Feld. Stundenlang. Bei dem Krach. Hätte es Handys gegeben, wäre man im Pionier nie in die Versuchung gekommen, sie beim Fahren zu nutzen - man hätte nichts gehört. Und auch so bekommt die Formulierung "gerädert sein" eine andere Bedeutung, denn die Maschinen unter der Haube stampfen und ruckeln eben noch. 

Vorfreude auf das Treckertreffen: Jürgen Bunzel aus Großjamnow bei Forst in Brandenburg ist extra wegen des Traktorjubiläums nach Kemnitz gekommen.
Vorfreude auf das Treckertreffen: Jürgen Bunzel aus Großjamnow bei Forst in Brandenburg ist extra wegen des Traktorjubiläums nach Kemnitz gekommen. © Anja Beutler

Für all jene, die ab Freitagabend, vor allem aber Sonnabend und Sonntag zum 19. Kemnitzer Traktorentreffen kommen, macht diese Mischung die Faszination aus. Auch Jürgen Bunzel kann sich dem Treckerzauber nicht entziehen. Früher als eigentlich erlaubt, ist der 72-Jährige mit seinem Wohnwagen in Kemnitz angekommen - gezogen von einem Traktor Zetor 50 Super. Aus Großjamnow bei Forst stammt er - nach Kemnitz ist er aber direkt von einem anderen Treffen gereist. "Ich bin schon 14 Tage unterwegs", sagt er. Kemnitz kennt er bereits, war 2017 schon dabei. "Man trifft Bekannte, Gleichgesinnte, es ist wie bei einer großen Familie", sagt er. Sein Zetor ist ein eher seltenes Exemplar - im Vergleich zu denen, die in Kemnitz in diesem Jahr gerade gefeiert werden. "Ich bin aber extra deswegen hier", sagt er. Zwei Bekannte - ein Großvater mit Enkel - kommen noch. Sie bringen beide einen Pionier mit - und fahren die Strecke aus der Gegend von Doberlug-Kirchhain im Elbe-Elster-Kreis sicherlich ähnlich laut knatternd wie ich meine Proberunde in Kemnitz.

Programm

Freitag: ab 16 Uhr Training zur WM im Steinwalze ziehen; ab 20 Uhr Bierprobe

Sonnabend: ab 10 Uhr Eröffnung, Technikschau mit Vorführungen; ab 13 Uhr 14. Weltmeisterschaft im Steinwalze ziehen

Sonntag: 9 Uhr Start zum Traktorkorso um die Erdachse über Neue Straße bis Ortseingang nach Bernstadt und über die Berthelsdorfer Straße zurück zum Ausgangspunkt: 11 Uhr Jubiläumsparade Pionier, Aktivist und Brockenhexe; 11.30 Uhr Trettraktorrennen für Vorschulkinder; nachmittags: Vorführungen

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