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Mit Mama zur Entziehung

Millionen Kinder leben mit süchtigen Eltern. In Weinböhla ist Sachsens einzige Reha, die beiden gemeinsam hilft.

Von Gabriele Fleischer
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Sozialpädagogin Ulrike Vollhardt hilft der fünfjährigen Lucie und ihrer Mutter dabei, den richtigen Rhythmus für das Leben nach der Sucht zu finden.
Sozialpädagogin Ulrike Vollhardt hilft der fünfjährigen Lucie und ihrer Mutter dabei, den richtigen Rhythmus für das Leben nach der Sucht zu finden. © Ronald Bonß

Jana Schmidt liebt ihre Kinder über alles. Sie haben ihrem Leben wieder Sinn gegeben – einem Leben mit Drogen. Mit 15 machte sie ihre ersten Erfahrungen mit Crystal, immer dann, wenn sie auf Technopartys war. Das ging lange gut. Nachdem sie es in der Schwangerschaft geschafft hatte, keine Drogen zu nehmen, konsumierte sie später weiter, ließ sich auch mal einige Tage krankschreiben, wenn sie sich schlecht fühlte. 

Die Sucht wurde stärker, als sich ihr Partner von ihr trennte, sie häusliche Gewalt und Stalking erlebte. „Meine Kinder vernachlässigt habe ich nie. Aber ich war antriebslos, konnte nichts mit ihnen unternehmen“, sagt sie.

Überfordert und aggressiv geworden

Jana Schmidt funktionierte irgendwie, meisterte den Haushalt und ihre Arbeit als Sozialpädagogin. Sie stand im Beruf Gestrauchelten zur Seite und war selbst in Gefahr abzurutschen. Lange vertraute sie sich niemandem an. Die Sorge um die Kinder war nach 20 Jahren Drogen schließlich der entscheidende Grund dafür, etwas gegen ihre Sucht zu tun. 

Zärtlich schaut Jana Schmidt zu ihrer fünfjährigen Tochter Luci, die im Heidehof in Weinböhla ausgelassen mit anderen Kindern spielt. Die Suchtklinik therapiert nicht nur Eltern, sondern hilft auch ihren Kindern. Acht Plätze gibt es. Sachsenweit ein einmaliges Konzept, gefördert durch die Jugendämter und die Diakonie als Träger der Einrichtung.

Die Drogenabhängigkeit der Mutter hat Lucie überfordert und aggressiv gemacht. Für die Kleine ist der Aufenthalt mit der Mutter in der Rehaklinik deshalb wie eine Reise in ein neues gesundes Leben. „Das ist gut so“, sagt Ulrike Vollhardt, Leiterin der sozialpädagogischen Unterstützung für Kinder und Eltern am Heidehof. Normalität sei das Wichtigste, was die Kinder hier brauchen.

Die Mädchen und Jungen, die mit in die Klinik kommen, sind zwischen drei und sieben Jahren. Sie haben oft jahrelang mit ansehen müssen, wie ihre Eltern krank und unberechenbar wurden, weil sie regelmäßig Drogen zu sich nahmen und keine Kraft mehr hatten, sich um ihre Kinder zu kümmern. Emotionale Störungen sind bei ihnen oft die Folge. Zudem ist das Risiko, dass sie selbst Suchtprobleme bekommen, bei ihnen sehr hoch. Laut Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien Nacoa Deutschland leben in der Bundesrepublik derzeit etwa 2,6 Millionen Kinder allein mit alkoholkranken Eltern, 40.000 bis 60.000 Kinder drogenabhängiger Eltern kommen dazu.

Hochgerechnet auf die Bevölkerung in Sachsen sind es laut Olaf Rilke von der Landesstelle gegen die Suchtgefahren 130.000 Kinder, bei denen ein sechsfach erhöhtes Risiko für spätere Suchtprobleme und weitere psychische Störungen besteht. Bis zu 60 Prozent dieser Kinder leiden danach unter leichten bis schweren Beeinträchtigungen. Ohne Unterstützungen können sie nicht gesund aufwachsen.

Am Heidehof hat man dieses Problem erkannt. „Neben der Behandlung der Suchterkrankung durch Gespräche, Psycho-, Ergo-, Arbeits- und Sporttherapie bekommen die Eltern Erziehungshilfe, während die Kinder in einem geschützten Umfeld und bei einem strukturierten Tagesablauf gefördert werden. „Wir möchten, dass der Kontakt zwischen Eltern und Kindern, zu Geschwistern und Großeltern, während der mehrmonatigen Reha bestehen bleibt und verbessert wird“, sagt Vollhardt. Regelmäßige Besuche seien deshalb erwünscht. Auch der zehnjährige Bruder von Lucie war einige Wochenenden bei der Mutter, während die Schwester den Vater besuchte.

Von der Sucht loszukommen hat Jana Schmidt erst zu Hause versucht, allein. Vier Monate schaffte sie es, clean zu sein. Als sie rückfällig wurde, kümmerte sie sich mithilfe von Mitarbeitern der Suchtberatung um eine stationäre Therapie. Der erste Schritt war die Entgiftung. Dann erfuhr sie von der Möglichkeit einer Reha mit ihrer Tochter, während ihr Sohn zu Hause in die Schule gehen konnte, betreut von seinem Vater. Etwas Besseres konnte der Mutter nicht passieren, musste und wollte sie doch das Vertrauen der Kinder wieder gewinnen. Dafür braucht es viel Zeit, die sie in den Wochen der Reha hatte. Als die Therapie begann, erzählte sie ihrem Sohn von der Suchterkrankung und hoffte so, Zugang zu beiden Kindern zu bekommen. „Das hat mir viel Kraft gegeben“, sagt Schmidt, die sie auch für ihre Tochter brauchte. Denn Lucie musste erst wieder lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen.

Rückfall bei der Heimfahrt

Jana Schmidt blieb clean – bis zu einer Heimfahrt von der Klinik aus. Noch einmal griff sie zu Crystal. Gespräche holten sie zurück. Ein schwerer Weg, den viele Suchtkranke gehen, wie Sven Kaanen, Chefarzt der Weinböhlaer Klinik, aus der Praxis weiß. Jana Schmidt gärtnerte, töpferte, tauschte sich mit anderen Müttern aus – und baute ein Netzwerk an Kontakten zu Suchtberatungsstelle und Selbsthilfegruppe für die Zeit nach der Reha auf. Die gemeinsame Zeit mit der Tochter am Nachmittag gehörte zur Therapie ebenso wie die Planung von Wochenendausflügen, Einkäufe und gemeinsames Kochen.

An den Vormittagen wusste Jana Schmidt ihre Tochter in guten Händen. „Mit unseren Angeboten geben wir den Kindern die Möglichkeit, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, zu erzählen, ob es Kontakte zum Vater gibt, ob sie traurig sind, weil die Mama den Papa nicht mehr lieb hat, aber auch zu lernen, damit umzugehen“, sagt Sozialpädagogin Vollhardt. Wer nicht reden kann oder will, der versucht Karten zu zeigen, auf denen zu sehen ist, ob das Kind gerade traurig oder fröhlich ist. „Wir sind Dolmetscher und unterstützen die Kinder dabei, wie sie Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können, setzen ihnen aber auch Rahmen und Grenzen.“ Stück für Stück würden sich die Kinder so wieder an einen Tagesrhythmus gewöhnen, der ihnen durch die Suchtkrankheit der Eltern verloren gegangen war, so Vollhardt.

Ihren Rhythmus haben Lucie und ihre Mutter nach 26 Wochen Reha wieder gefunden. „Meine Tochter ist ausgeglichener geworden“, sagt Schmidt. Mit einem guten Gefühl ist sie zurück in die Heimatstadt gefahren. Sie freut sich, wieder arbeiten zu können, zunächst stundenweise zur Eingliederung. Dass sie ihre Eltern unterstützen, ihr die Chefin in die Klinik geschrieben hat und die Kollegen auf sie gewartet haben, hat die zweifache Mutter zusätzlich motiviert, ihr Leben neu zu beginnen.

Hilfe für Kinder aus Suchtfamilien

Nacoa Deutschland, die Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien, bietet Betroffenen jeden Dienstag 18 bis 19 Uhr einen anonymen moderierten Gruppenchat an, bei dem sie sich mit Beraterinnen, aber auch mit anderen Jugendlichen austauschen können. Möglich sind auch Einzelchat und E-Mail-Beratung. Das Beratungsteam antwortet innerhalb von 48 Stunden und begleitet Betroffene bei Bedarf auch länger.Die Interessenvertretung berät zudem montags 10 bis 11 sowie 20 bis 21 Uhr unter 1 030 35122429 an einem kostenlosen Beratungstelefon. Nacoa verschickt auch kostenfrei einen Informationsflyer.

● Die gesetzlichen Krankenkassen, die Sächsische Landesstelle gegen die Suchtgefahren und weitere Partner wollen im Freistaat das Präventionsprogramm Trampolin für 8- bis 12-Jährige aus suchtbelasteten Familien und ihre Eltern anbieten. Dafür entstand ein vierjähriges Modellprojekt, für das Kommunen gesucht werden. Erste Kurse starten 2020. Zum Angebot gehören Stressbewältigungsstrategien und Motivationsgespräche.