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Mit Musik gegen Kriminalität

Sicherheit. Im ASB-Heim in Rauschwalde standen Gesprächspartner bereit, und Blasmusik spielte.

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Von Ralph Schermann

Gewaltig schallt es aus dem kleinen Kultursaal des ASB-Heimes. 34 Musiker lassen mit dem „Triumphmarsch“ aus Verdis „Aida“ den Grenzweg 8 zum Musentempel werden. Zwar sind die Streicher zu Hause geblieben, doch sonst ist das Orchester der sächsischen Landespolizei mit voller Kapelle aufmarschiert. Die Akustik ist nicht perfekt, dafür sind es die Musiker in Uniform umso mehr. Das überwiegend ältere Publikum weiß das zu schätzen.

Zwar kommt es nicht gerade altersgemäß rüber, als Sänger Thomas Bockel mit „Get your kicks on (Route 66)“ im Stil von Nat King Cole brilliert, doch wenn die Big Band Medleys mit musikalischen Perlen Ralph Benatzkys und der Comedian Harmonists hinlegt, scheint das Schlagwerk durch all freudiges Taktschlagen so verstärkt, dass selbst der kleine Pudel auf dem Schoß einer Seniorin in der letzten Reihe die Ohren anlegt.

Geballte Kompetenz im Saal

Der Saal ist derart voll, dass Stühle fehlen, wäre auch nur noch ein Gast mehr gekommen. Gelegentlich raunt ein „Aaah“ und „Oooh“ durch die Reihen, aber nicht nur, wenn Kapellmeister Thomas Keller seine Posaunisten solieren lässt oder zu Eduard Straußens Schnellpolka („Ohne Aufenthalt“) sogar Dampflok-Geräusche einspielt. Mit einem Raunen begrüßt werden auch sieben Personen, die im Sicherheitsgefüge dieser Stadt einen markanten Stellenwert einnehmen.

Einlader Siegmar Freund vom Görlitzer Seniorenbeirat lässt sie aufmarschieren und stellt in einer Konzertpause erste Fragen, die vor Veranstaltungsbeginn notiert wurden. Kein Wunder, heißt doch der Donnerstagnachmittag in Rauschwalde „Mit der Polizei sicher durch Sachsen“. Und so muss Verkehrs-Experte Peter Demme erklären, dass auch er die Kreuzung Kamenzer-/Biesnitzer Straße für kreuzgefährlich hält. Revierführer Holger Löwe und die vor wenigen Tagen für ein Projekt für Schulen preisgekrönte Präventionsmitarbeiterin Yvonne Richter informieren über Kriminalitätsvorbeugung. Wolfgang Trautmann von der Kripo-Beratungsstelle gibt Hinweise, wie man fremde Türklingler abfahren lassen sollte. Für das Gesundheitsamt ist Dr. Christoph Ziesch angetreten, dem Fragen der Fahrtauglichkeit im Alter am Herzen liegen.

Ordnungsbürgermeister Stefan Holthaus empfiehlt salopp die nächtliche Mitnahme von Taschenlampen, erklärt aber dennoch sachlich fundiert die Abschaltung so mancher Görlitzer Straßenlaterne. Und wie es um die Versicherung bestellt ist, wenn man gegen Straftaten Zivilcourage zeigt, kann Heinz Deutschmann vom Weißen Ring beantworten. Nach dem Konzert stehen alle für weitere Fragen im Foyer bereit, geben geduldig Auskunft über Fußfalschgänger in Königshufen-Mitte, radfahrende Lichtmuffel in der Nikolaivorstadt oder Altersgrenzen bei Vorsorgeuntersuchungen. „So viel geballte Kompetenz hat man selten“, staunt sogar ein Musiker des Orchesters, dass dieses Programmkonzept seit 2000 schon 150-mal bespielte.

Radetzkymarsch als Zugabe

Zugegeben, manche kommen „nur“ der Musik wegen. Gertraud Schubert zum Beispiel findet es „wie verrückt so schön“ und fotografiert bei jedem Titel. Hans Krammer dagegen lobt „das tolle Zusammenwirken von erstklassiger Musik und kompetenten Informationen“. Ruth Maas vermisst allerdings den „Kriminaltango“. Dafür schmettern die Bläser das Lied von der Mimi, die ohne Krimi nie ins Bett geht, und mancher Gast blickt beim „kleinen grünen Kaktus“ schmunzeln auf die Schar grüner Polizeijacken. Schlagzeuger Matthias Müller schließlich schlüpft in die Rolle eines Erlaubnisbeamten und tippt nach kurzem Sketch die Spielgenehmigung zu den legendären Klängen von Leroy Andersons „The Typewriter“ live in die Reiseschreibmaschine, dass das Publikum noch verzückt staunt, als er schon am Xylofon das nächste Solo hinbrettert.

„So einen gelungenen Nachmittag hätte ich gar nicht erwartet, gut, dass ich gekommen bin“, sagt einer, der seinen Namen verschweigt, weil er eine sehr persönliche Frage zu seinem Tempoblitzer-Bild loswerden will. Die anderen im Saal entlassen derweil die Musikanten nicht ohne den „Radetzkymarsch“ als Zugabe und nicht ohne den Hinweis darauf, dass man sich an solche Veranstaltungen durchaus gewöhnen könnte.