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Hoyerswerda

Mit Produktivem Lernen zum Abschluss

Ein besonderes pädagogisches Konzept in Hoyerswerda hat sich in zehn Jahren bewährt.

Das ist die derzeitige Generation, die mit dem Projekt „Produktives Lernen“ an der Altstadt-Oberschule einen Hauptschulabschluss erreichen möchte. Die Plakate zeigen, wo die Jugendlichen so überall herkommen.
Das ist die derzeitige Generation, die mit dem Projekt „Produktives Lernen“ an der Altstadt-Oberschule einen Hauptschulabschluss erreichen möchte. Die Plakate zeigen, wo die Jugendlichen so überall herkommen. © Foto: Silke Richter

Von Silke Richter

Hoyerswerda. Produktives Lernen, kurz PL genannt, feiert in diesem Jahr sein 10-jähriges Jubiläum an der Oberschule „Am Stadtrand“. Das Projekt ist in Hoyerswerda und Umgebung bislang einzigartig. Im gesamten Freistaat Sachsen gibt es nur acht Schulen, die Jugendlichen diese besondere Form des Lernens ermöglichen. Die nächste Einrichtung dieser Art befindet sich in Dresden.

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Seit 2008 lernen deshalb nicht nur Schüler aus Hoyerswerda, sondern unter anderem auch aus Weißwasser, Bautzen, Niesky, Radeberg und Königsbrück in dem Nebengebäude der Hoyerswerdaer Oberschule, um den qualifizierten oder einfachen Hauptschulabschluss erreichen zu können. Meist ist PL für Bewerber, die aus unterschiedlichen Gründen nicht unter den Bedingungen der regulären Schule lernen können, die letzte Chance für einen Schulabschluss. Der theoretische Unterrichtsstoff konzentriert sich an zwei Tagen in der Woche auf die Hauptfächer Mathematik, Englisch und Deutsch. Statt Zensuren gibt es Punkte und die Unterrichtsfächer heißen Lernfelder. Der geplante Umzug in die neue Oberschule im WK I rückt indessen näher. Die Pädagogen und die Schüler freuen sich, in der Zusestraße speziell geplante Räumlichkeiten nutzen zu können. Im Jubiläumsjahr blicken Lehrer der ersten Stunde sowie Schulleiter Joachim Glücklich zurück:

PL ist anders, weil ich hier mehr Lehrer im Sinne von Erzieher sein kann. Ich lerne die Schüler in vielen Situationen kennen, nicht nur in einem Fach. Besondere Stärken erkenne ich somit schneller und kann sie auch für die weitere Arbeit nutzen. Bestimmte Forderungen können besser durchgesetzt werden, da die Teilnehmer sich auch darauf verlassen können. Ich kann schneller Verbindungen zur praktischen Arbeit aufnehmen, da ich die PL- Teilnehmer auch an ihren Praxislernorten kennenlernen darf. Die Verbindung von Theorie und Praxis ist somit schneller gegeben. Infrage kommen für dieses Unterrichtsmodell jene Schüler, die in der „normalen“ Schule nicht mehr klarkommen, da sie den Sinn in vielen Fächern nicht mehr erkennen. Durch die praktische Arbeit in Betrieben oder Einrichtungen kann mehr Selbstvertrauen und damit auch Selbstwertgefühl aufgebaut werden. Die Anerkennung aus der Praxis und der Schule ist für viele Schüler wichtig und notwendig. Ich würde mich für diese pädagogische Arbeit immer wieder entscheiden wollen.

Der Aufbau vor zehn Jahren gestaltete sich eigentlich völlig unproblematisch, weil erstens die Schulleitung sofort dabei war zu sagen: Diese Schüler brauchen ein eigenes Umfeld, eigene Räumlichkeiten und damit Bedingungen, die sie zum Lernen wieder ermuntern. So erhielten wir einen Teil des Nebengebäudes nur für die PLer mit damals zwei Klassen und vier Lehrern. Unproblematisch war es damals außerdem, weil zweitens die Stadt Hoyerswerda von Anfang an bereit war, dieses Projekt zu unterstützen und die Anschlussfinanzierung nach dem Auslaufen der Förderung durch den Europäischen Sozialfonds zu übernehmen. Und drittens verdanken wir dieses Projekt nicht zuletzt unserem Arbeitgeber, dem Landesamt für Schule und Bildung in Bautzen. Es engagierte sich dafür, dass sich neben sechs anderen Standorten auch Hoyerswerda zu einem PL-Standort entwickeln konnte, um die Anzahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss zu reduzieren. Das bedeutet für Hoyerswerda, dass 190 SchülerInnen aus dem nahen und weiten Umfeld wie Weißwasser, Bautzen oder Niesky, bis nach Kamenz und Radeberg Gelegenheit erhalten haben, sich schulisch neu zu orientieren, um einen Hauptschulabschluss erreichen zu können. Die Bewerberzahlen für diesen Bildungsweg waren in den letzten Jahren stets steigend und gingen weit über das Maß von zwanzig Schülern pro Klasse hinaus.

Für viele Schüler bedeutet der Wechsel zu uns, dass Schulzeit wieder als positiver und damit versöhnlicher Lebensabschnitt wahrgenommen wird. Viele Eltern finden wieder Zugang zur Schule, da sich aufgrund des andersartigen Lernens familiäre Strukturen neu entwickeln und sich bis dahin bestehende Spannungen reduzieren. Natürlich können auch wir nur bedingt unseren Beitrag für die Entwicklung der Teilnehmer leisten, sofern sie selbst Bereitschaft, Fleiß und Ehrgeiz mitbringen. Aber zwischen siebzig und achtzig Prozent der erreichten Abschlüsse aller Jahrgänge sprechen eine deutliche Sprache. Als besonders geeignet für unsere Schüler erweist sich die Kombination aus theoretischem und praktischem Lernen. Das verschafft vielen Schülern den Vorteil, sich mit den mehrmonatigen Praktika und erworbenen sozialen Kompetenzen für den Lehrstellenmarkt empfehlen zu können. Die Zahl derer, die eine Anschlussperspektive durch abgeschlossene Ausbildungsverträge haben, war in den letzten Jahren steigend.

Produktives Lernen ist ursprünglich einmal gedacht gewesen für Schülerinnen und Schüler mit extremen Verhaltens- und Lernauffälligkeiten sowie mit anderen Defiziten. Für Hoyerswerda und für die weitere Umgebung der Stadt entwickelte sich diese besondere Möglichkeit des Lernens rasch zu einer möglichen Alternative mit einer sogenannten letzten Chance für mittlerweile zehn Schüler-Generationen. Produktives Lernen ist also der ganz klare Beweis dafür, dass für diese Schüler-Klientel im besonderen Umfeld des Produktiven Lernens eine Atmosphäre herrscht und ein in sich geschützter Bereich geschaffen wird, der es ermöglicht, auch diese jungen Menschen zu einem Schulabschluss zu führen. Produktives Lernen ist aber auch für unseren Schulträger und für die Stadt Hoyerswerda ein Zugewinn. In diesem Bereich sind bei uns Pädagogen tätig, die sich aufgeschlossen und mit ganz besonderem Engagement um die uns anvertrauten Jugendlichen kümmern, welche in anderen Regionen des Freistaates Sachsen kaum eine Möglichkeit haben, die Schule erfolgreich abzuschließen.

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