SZ +
Merken

Mit Raketenstuhl und doppeltem Boden

In der Schlosserei riecht es nach heißem Metall. Beratend stehen Paul Kmetsch und Roland Zieschang gemeinsam mit Chefrequisiteur Patrick Pech um einen Stuhl, der an den Patientensitz im Zahnarztzimmer erinnert.

Teilen
Folgen

Von Miriam Schönbach

In der Schlosserei riecht es nach heißem Metall. Beratend stehen Paul Kmetsch und Roland Zieschang gemeinsam mit Chefrequisiteur Patrick Pech um einen Stuhl, der an den Patientensitz im Zahnarztzimmer erinnert. Doch bei dem Gespräch der drei Theatermacher geht es nicht um schmerzhafte Prozeduren mit Zange und Bohrer. „Ihr müsstet hier unten noch zwei Rohre anschweißen, damit wir einen Platz für die Pyrotechnik haben“, sagt Patrick Pech und sucht gleich nach einem geeigneten Teil mit dem richtigen Durchmesser.

Beim 14.Theatersommer in wenigen Wochen wird der Raketenstuhl eine magische Rolle spielen. Schließlich geht in diesem Jahr auf der Ortenburg gespenstisch zu. „Canterville – ein Musical“ und „Das Gespenst von Canterville“ heißen die Sommerstücke, die am 11. und am 20.Juni Premiere haben.

Von der Metallverarbeitung sind es nur ein paar Schritte über den Hof der Theaterwerkstätten in der Wilthener Straße in Bautzen hinüber in den Malsaal. Auf den Tischen liegen Fotografien des berühmten Schloss Windsor. „Anhand dieser Vorlagen schauen wir uns die Struktur der Mauern und Quader an. Schließlich sind nicht alle Steine einheitlich grau“, sagt Silvio Schumann, Malsaal-Vorstand.

700Quadratmeter falsche Burg

Auf den bespannten Wänden kommen so Farben zwischen Dunkelgrau und Ocker zum Einsatz, aber auch ein paar Striche rot schimmern immer wieder durch das farblich durchbrochene Mauerwerk hindurch. Für das Schloss von Canterville auf dem Hof der Ortenburg imitieren die Malsaal-Mitarbeiter rund 700 Quadratmeter bespannte Burgumfriedung.

Dazu gehört auch ein runder Schlossturm. René Langbrand und Juliane Reich schaffen sich gerade an dem Gebilde aus Multiplexplatte. Mit dicken Quasten tragen sie die Farbe auf den Rundling und seine Zinnen auf. „Denkt daran, ihr dürft nicht wie ein Maler arbeiten – nicht hin und her, sondern kreuz und quer. Es muss eine lebendige Struktur entstehen“, fordert der Malsaal-Chef und demonstriert den richtigen Pinselschwung.

Dann wendet er sich den Türen für die Dekoration zu. Von weitem wirken sie wie schweres Eichenholz. Doch auf den zweiten Blick entpuppen sie sich als Speerholztüren. „Wir grundieren zuerst mit einem hellen Ton, dann gehen wir mit einer dunkleren Farbe darüber und zum Schluss benutzen wir diesen Rakel hier“, erklärt Silvio Schumann. In der Hand hält er einen Gegenstand aus Kunststoff, der eine feine Musterung trägt. Auf der nassen Farbe setzt er das Werkzeug an und zieht es übers Holz, den Rakel dabei permanent nach unten oder oben kippend. So entsteht eine feine Maserung. Auch für Gebrauchsspuren müssen nicht erst die Schauspieler in der Probe ans Werk. Die abgegriffenen Türseiten erledigt auch der Malsaal. Bis zur Premiere werden alles in allem 245 Liter Farbe verarbeitet sein.

Begehbare Standuhr

Doch die Farbkünstler wären nichts ohne die Tischler gleich nebenan. In die Nase steigt der Duft frischgeschnittenen Holzes. Die Kollegen um René Tarrun kümmern sich um den Bau der Burgwände und -türme. Auch Sofas, Geländer, Treppen entstehen hier – ebenso wie einige geheimnisvolle Kleinigkeiten. So liegt beim Leiter der Tischlerei gerade die Skizze für eine begehbare Standuhr. Sein Kollege Sven Grimmer arbeitet an einem Sitzmöbel mit doppeltem Boden. „In der diesjährigen Inszenierung steckt ganz viel Hokuspokus“, verrät René Tarrun.

Vor einer besonderen Aufgabe steht auch Rose-Maria Romero Matos. Als Dekorateurin baut sie die Polster für den Raketenstuhl – aus einem nicht brennbaren Glasfasergewebe. Eine Premiere für die 57-jährige Damenmaßschneiderin. Zwar arbeitet sie bereits 30Jahre in der Deko-Abteilung des Theaters und hat schon so ziemlich alles hergestellt – von der kleine Blume bis zur überlebensgroßen Kuh. Ein Raketenstuhl war aber noch nicht dabei. Und so ist auch sie gespannt, wie es wohl aussehen wird, wenn das feurige Gefährt demnächst über die Freiluftbühne saust.