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Mit Rettungsring über die Obere Schleuse

Für die Kahnfahrt in Hinterhermsdorf gelten neue Sicherheitsregeln. Dafür waren einige Umbauten nötig.

Von Dirk Schulze

Die Prozedur kennt jeder: „Die Notausgänge befinden sich über den Tragflächen und am hinteren Ende des Flugzeugs. Unter jedem Sitz befindet sich eine Schwimmweste. Auf Anweisung der Besatzung ziehen Sie die Schwimmweste über den Kopf.“ So oder so ähnlich lautet der Text der Sicherheitsdemonstration, welche die Stewardessen vor jedem Start eines Flugzeugs vorführen, um ihre Passagiere über das Verhalten im Notfall aufzuklären.

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Ganz so umfangreich wie im Flieger wird die Belehrung vor dem Ablegen auf der Oberen Schleuse in Hinterhermsdorf wohl nicht ausfallen. Auch dass die Kahnfahrer künftig mit wedelnden Armen am Bug ihrer Boote stehen und alles demonstrieren, ist eher unwahrscheinlich. Und natürlich besitzt ein Kahn auch keinen Notausgang. Das mit den Schwimmwesten unter den Sitzen kommt schon eher hin.

Mit dem Start der neuen Saison gelten für die Kahnfahrt auf der Oberen Schleuse neue Sicherheitsvorschriften. Das ist die Folge einer routinemäßigen Überprüfung durch die Brandenburgische Schiffsuntersuchungskommission, der sich die Kahnfahrt aller zwei Jahre unterziehen muss.

Dabei gab es lange Zeit keine Beanstandung. Doch nach ihrer letzten Visite im Herbst vergangenen Jahres sprachen die Prüfer strenge Auflagen aus. Künftig müssen an Bord jedes Kahns bestimmte Rettungsmittel vorhanden sein: ein Rettungskissen für jeden Fahrgast, zusätzlich Kinderrettungswesten in ausreichender Anzahl, eine automatisch aufblasbare Rettungsweste für den Schiffsführer, ein Rettungsring mit Leine und ein Bootshaken.

Werden die Auflagen nicht erfüllt, gibt es keine Erlaubnis für die neue Saison. Die Stadt Sebnitz als Betreiber der Kahnfahrt auf der Oberen Schleuse hatte also in den vergangenen Wochen ordentlich damit zu tun, die Auflagen umzusetzen.

Um die vorgeschriebenen Rettungskissen unterzukriegen, pro Kahn immerhin 24 Stück – für jeden Sitzplatz eins – mussten die Kähne extra umgebaut werden. Die Holzbänke wurden dafür höher gelegt. Ein Schmied fertigte spezielle Metallbügel mit Scharnier, die fest an der Bootswand verschraubt wurden. Auf denen finden die neu getischlerten hölzernen Sitzbretter Platz. Im Ernstfall lassen sich die Bänke nun schnell hochklappen. Die Rettungskissen, rot verpackte Schaumstoffquadrate mit starkem Auftrieb, auf die sich Schiffbrüchige stützen können, um nicht unterzugehen, sind darunter verstaut.

Am Bug jedes der vier Kähne wurde ein Metallbügel installiert, der einen Rettungsring mit Seil und einen Bootshaken hält. Mit dem ausfahrbaren Teleskophaken können über Bord gegangene Fahrgäste im Notfall wieder ins Boot gezogen werden. Außerdem befinden sich künftig drei Rettungswesten für Kinder auf jedem Kahn.

Die Prüfer der Schiffsuntersuchungskommission waren sogar mit dem Maßband vor Ort und haben den Abstand zwischen den Geländerstreben der Schiffsreling abgemessen. Das Ergebnis: Der Spalt war zu groß, Kleinkinder könnten hindurchrutschen. Um das zu verhindern, mussten ringsherum zwei zusätzliche Streben in die Reling geschweißt werden.

Auch die Kahnfahrer selbst sind von den neuen Sicherheitsauflagen betroffen. Sie sollen zukünftig bei ihren Fahrten auf der angestauten Kirnitzsch automatisch aufblasbare Rettungswesten tragen. Die Westen sind im Inneren mit einer Membran versehen. Wird die bei einem Fall ins Wasser nass, bläst eine eingebaute -Patrone die flache Weste in Sekundenschnelle auf. Der Mechanismus lässt sich auch manuell durch eine Leine auslösen. Wenn alle Stricke reißen und ein Schiffbrüchiger noch genug Puste hat, lässt sie sich auch mit dem Mund aufpusten.

Die Kahnfahrt für Sommerfrischler auf der Oberen Schleuse gibt es schon seit 1879. In ihrer 135-jährigen Geschichte ist bisher kein Unfall dokumentiert. Ein Sturz in das bis zu sieben Meter tiefe und selbst im Sommer nur acht Grad kalte Wasser ist aber alles andere als ungefährlich.