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Mit ruhiger Hand und Liebe zum Detail

Die Engel-Manufaktur Wendt & Kühn bildet junge Holzspielzeugmacher aus.

© kairospress

Von Lars Radau

Eigentlich mag Peggy Kunz es etwas härter. Musikalisch. Und auch das Holz dürfte etwas gröber sein. Denn ursprünglich hatte die 18-Jährige eine Tischlerlehre ins Auge gefasst. Statt aber sperrige Balken zu hobeln, steckt sie mit flinken Fingern filigrane Blütenblätter in einen Blumenstempel. Immer exakt dreizehn Stück. Die fertig verleimte Blume wird später in zarten Engelshänden gehalten – von Figuren aus der Manufaktur Wendt & Kühn im erzgebirgischen Grünhainichen.

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In der Malerei folgt das Fein-Finish.
In der Malerei folgt das Fein-Finish. © kairospress
In der Taucherei bekommen die Engel ihre Grundierung.
In der Taucherei bekommen die Engel ihre Grundierung. © kairospress
In der Leimerei werden Einzelteile zusammengefügt.
In der Leimerei werden Einzelteile zusammengefügt. © kairospress
In der Dreherei entstehen Engels-Körper und Kleinteile.
In der Dreherei entstehen Engels-Körper und Kleinteile. © kairospress

Seit August absolviert die junge Chemnitzerin dort eine Ausbildung zur Holzspielzeugmacherin. Das Arbeiten mit Holz, erzählt Peggy Kunz, liege in der Familie. Und mit der Grundausbildung, die sie in der dreijährigen Lehrzeit in der berühmten Engelmanufaktur bekomme, könne sie später immer noch Tischler-Meisterin werden. Doch im Augenblick zählt die Präzision im Kleinen. Und die Weihnachtsproduktion: Wie kleine Armee-Einheiten stehen ein paar Räume weiter die charakteristisch-pummeligen Engelsfiguren in Reih und Glied auf Holzplatten und warten auf die Bemalung. Die traditionellen elf weißen Punkte auf den grünen Flügeln sind dabei malerisch weniger anspruchsvoll als die stets lächelnden Gesichter. Für diesen Arbeitsschritt gibt es Spezialistinnen. Peggy Kühns Azubi-Kollegin Christin Mosel fängt erst einmal damit an, Kerzen an einem dunkelgrünen Holz-Weihnachtsbaum mit einem feinen Pinsel weiß zu tünchen.

„Eine ruhige Hand, Liebe zum Holz und eine gewisse Liebe zum Detail sind sicherlich die Grundvoraussetzungen für diesen Beruf“, sagt Enrico Schwalbe, der als Produktionsleiter auch oberster Ausbilder bei Wendt & Kühn ist. Nachwuchssorgen hat die Engel-Manufaktur nicht – nicht mehr. Jedes Jahr will das Unternehmen, das aktuell rund 175 Mitarbeiter beschäftigt, vier Lehrlinge einstellen. Noch vor drei Jahren fanden sich dafür nur sechs Bewerber. Seitdem, erzählt Enrico Schwalbe, habe man viel getan: Etwa die Ausbildung im Internet vorgestellt, Anzeigen geschaltet – und nicht zuletzt auf Ausbildungsmessen in der Region Flagge gezeigt.

Probearbeiten zum Beschnuppern

Auf diesem Weg sind auch Florian Neumerkel und Lukas Rümmler auf die Lehre bei Wendt & Kühn aufmerksam geworden. Die beiden 17-Jährigen konnten sich auch nach dem zweitägigen Probearbeiten, zu dem die vielversprechendsten Bewerber geladen werden, vorstellen, die kommenden drei Jahre mit Engeln, Blumenkindern, Spieldosen, Christbaumschmuck oder Wanduhren zu verbringen. „Das gegenseitige Beschnuppern ist fast noch wichtiger als die Papierform“, betont Enrico Schwalbe. Gute Noten in Mathe und Kunst sollten die Bewerber – in diesem Jahr waren es 30 – natürlich trotzdem gerne mitbringen.

Und Teamgeist: Das Klima, sagt Enrico Schwalbe, sei fast familiär. Gleichwohl sind die Anforderungen hoch: Rund 450.000 in aufwendiger Handarbeit gefertigte Engel verlassen jährlich die Manufaktur – und die ausgelernten Mitarbeiter in Dreherei, Taucherei, Malerei und Leimerei haben „durchaus anspruchsvolle“ Stückzahl-Vorgaben, sagt Schwalbe. Bei den Azubis komme es aber vor allem darauf an, die einzelnen Arbeitsschritte gründlich zu lernen. „Das Tempo kommt erst mit den Jahren.“ Dass diese Jahre sich auch bei Wendt & Kühn abspielen, ist zumindest das erklärte Ziel der Ausbildung: Die Lehrlinge, für die man sich entscheide, wolle man prinzipiell auch übernehmen, sagt Schwalbe.

Dass der Beruf des Holzspielzeugmachers statistisch überwiegend von Frauen ausgeübt wird, stört Florian Neumerkel und Lukas Rümmler nicht weiter. „Darüber habe ich mir im Vorfeld keine Gedanken gemacht“, sagt Florian. Und schließlich ist in der Produktion neben Geschicklichkeit zuweilen auch durchaus körperliche Kraft gefragt: In der Taucherei, wo die Figuren ihre Grundlackierung bekommen, müssen auch schon einmal bis zu 60 Zentimeter große und entsprechend schwere Holzkörper durch die Bäder jongliert werden. Auch in der Dreherei, in der Lukas seine Ausbildung begonnen hat, schade „etwas Nachdruck“ nicht, sagt Enrico Schwalbe.

Überhaupt ist Nachdruck für den Ausbildungsleiter eine entscheidende Vokabel: Denn im Grunde sei die dreijährige Lehrzeit schon fast etwas knapp bemessen. Neben der überbetrieblichen Verbundausbildung gehört rund ein Drittel der Zeit auch noch der Berufsschule in Seiffen – der einzigen bundesweit für Holzspielzeugmacher. Die Azubis pendeln also – Florian Neumerkel ist sogar extra aus dem Vogtland ins Erzgebirge umgezogen. Dass sie später auch beruflich Fuß fassen können – darum machen sich die vier Lehrlinge keine Sorgen. Und sei es als Tischler-Meister.