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Mit russischem Mutterwitz gegen die humorlosen Männer im Kreml

Demonstrieren wird in Moskau allmählich zum Volkssport. Selbstgemalte Plakate sind der Renner.

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Von Ulrich Heyden,SZ-Korrespondent in Moskau

In Russland wächst etwas Neues. Die Pflanze, die da wächst, sieht auf den ersten Blick symphatisch aus, bunt mit Humor und gewaltlos. Auf dem Sacharow-Prospekt in Moskau versammelten sich am Sonnabend bis zu 100000 Menschen. Trotz eisiger Temperatur herrschte Volksfeststimmung. Die Stimmung war friedlich, aber durchaus kämpferisch. Da sah man etwa Dobby von Harry Potter, der trotz seiner großen Ohren irgendwie Putin ähnlich sieht. Darunter die freundliche Aufforderung, „Dobby, ruh dich aus!“

Spontaner Protest ohne Gewalt

Die neue Protestbewegung hat keine einheitliche Führungsfigur und kein Programm. Liberale, Anarchisten, Neue Linke, Kommunisten und Rechtsradikale und viele politisch nicht Festgelegte, alle demonstrierten am Sonnabend friedlich vereint für ihr Ziel, Neuwahlen durchzusetzen und – als neues Ziel – Putins Wiederwahl zum Präsidenten zu verhindern.

„Chaos und Blut?“ Das sei alles Quatsch, meint ein älterer Mann. Und tatsächlich, wenn man die vielen gut angezogen Demonstranten mit ihren selbstgemalten Transparenten und Schildern so sah, dann erinnerten sie eher an die Wutbürger von Stuttgart als an die randalierende Unterschicht aus den Vorstädten von Paris oder London.

„Gefällt Euch, wie Putin auf den Bolotnaja-Platz reagiert hat?“ so die rhetorische Frage des Schriftstellers Akunin. Die Menge antworte aus tausend Kehlen „Nein!“. Der Schriftsteller spielte auf Putins Sticheleien an. Den Ministerpräsidenten erinnert die weiße Schleife der Demonstranten an ein Verhütungsmittel. Die Demonstranten erinnern ihn an die Banderlogi-Affenbande aus dem „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling. Über die angebliche Außensteuerung machten sich Redner und Demonstranten lustig. Ein Mann in schwarzer Daunenjacke trug auf dem Rücken Aufkleber mit der Aufschrift: „Ich bekomme kein Geld vom amerikanischen Außenministerium. Ich zahle Steuern in Russland“.

Auch zum Thema Präservativ zeigten die Demonstranten Einfallsreichtum. Das Gummiteil wurde in allen möglichen Variationen mitgeführt, als Zeichnung, auf Fotos und im Original. Der Musik-Kritiker Artjom Troizki trat gar in einem weißen Ganzkörper-Kondom auf. Er müsse sich gegen die „Infektionen“ des politischen Systems schützen, erklärte er.