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Mit Schirm und Charme

Christina Seipt lässt mit ihrem 91 Jahre alten Geschäft niemanden im Regen stehen.

Von Nadja Laske

Das war eine Anschaffung. So ein Schirm. Noch dazu kein Stockschirm, sondern ein Knirps. Herrlich praktisch, zeitlos in Mode und eine echte Investition. Rund 70 oder 80 Mark hat ein zusammenschiebbarer Taschenschirm in der DDR gekostet. Damals Luxus, heute Pfennigware. Zwar nicht der Knirps als Markenprodukt. Den gibt es immer noch, und auch jetzt kostet er gutes Geld. Doch Minischirme bietet jeder Drogeriemarkt an. Als Notfallschutz sind sie für ein paar Euro zu haben. Nach dem ersten Sturm enden sie im Müll.

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Christina Seipt ist die Frau für soliden Regenschutz. Vom Riesen-Stockschirm bis zum winzigen Taschenexemplar gehört alles zu ihrem Schirm-Sortiment. Am Fenster ihres kleinen Ladens steht sie die Tage mit sorgenvoller Miene und schaut in den Niesel. Wird das Wetter halten? Schön grau ist der Dezemberhimmel über dem Schillerplatz gerade. Gestern schien die Sonne. Viel zu trocken verging der Herbst. Ein kleines bisschen Schneeregen käme Christina Seipt nur recht.

Ihr Großvater hat das Schirmgeschäft am Blauen Wunder gegründet. Vor 91 Jahren, unweit vom heutigen Standort entfernt. Zwölf Jahre später zog Kurt Dunger mit Schirm, Charme und Melone um. Angelsteg 5 heißt seitdem die Adresse des Familienbetriebes Schirm-Dunger. „Mein Großvater fand den Laden damals ungünstig für Laufkunden“, erzählt Christina Seipt. Die Kundschaft kam trotzdem, nicht im Vorbeigehen, sondern gezielt. Schließlich gab es den Billig-Regenschutz damals noch nicht. Man pflegte seinen Schirm, und wenn eine Speiche knickte oder der Stoff verschliss, war der Fachmann gefragt. Ein solcher ist der Großvater gewesen und der Vater auch. Ihre Meisterbriefe hängen an der Wand eines winzigen Zimmers hinter dem Verkaufsraum, Mischung aus Büro und Werkstatt. Christina Seipts Urkunde gleich daneben. Sie lernte bei ihrem Vater und absolvierte später ihren Schirmmachermeister, um der Familientradition zu folgen. Drei Generationen haben im Hause Dunger dafür gesorgt, dass der Regen einen Bogen um Kopf, Haar und Kleidung macht. Inzwischen ist das Handwerk Schirmmacher in Deutschland von der Liste der Ausbildungsberufe gestrichen.

Schlangen vor der Ladentür

Schon in der DDR war der Schirmbau keine Handarbeit mehr. „In Karl-Marx-Stadt produzierte eine Schirmfabrik. Von dort kamen auch viele Modelle, die wir im Laden verkauften“, erzählt Christina Seipt. Die Genossenschaft teilte die Kontingente zu. Ersatzteile ebenso. Von denen bestellten Dungers am besten doppelt so viele, als sie letztlich bekamen. Die Teile waren oft wichtiger als ein nigelnagelneuer Schirm.

Wenn an einem bestimmten Wochentag Schirme zur Reparatur angenommen wurden, standen die Leute in langer Schlange an. „Das konnte so nicht weitergehen“, sagt Christina Dunger. Ein System musste her, das den Andrang besser verteilte. „Wir haben dann Scheine ausgegeben, auf denen vermerkt war, wann die Kunden ihren kaputten Schirm bei uns abgeben konnten.“ Auch Produkte aus Westdeutschland waren darunter. Etliche von ihnen wurden zwar in der DDR hergestellt, aber „drüben“ verkauft und kamen im Westpäckchen zurück in den Osten. Auch für diese Marken organisierten Christina Seipt und ihre Familie Ersatzteile. Genau wie für den Sonnenschutz. „Jedes Jahr haben wir vom 1. bis zum 10. April Sonnenschirme zur Reparatur angenommen“, erzählt sie. Gut 1 000 Exemplare warteten dann in der Werkstatt und im Waschhaus auf ihre Runderneuerung. Das ging so bis zur Wende.

Ab 1987 hatte Christina Seipt den Laden der Eltern übernommen und ihn gerade abbezahlt, als die Mauer fiel. „Bis zur Währungsunion haben wir noch geschuftet, dann brach alles zusammen.“ Im Westen hatten chinesische Hersteller schon lange den Markt erobert, nun kamen die schnell und billig produzierten Schirme auch nach Dresden. Von heute auf morgen war alles anders. „Ich kam mir vor wie ein Nichtschwimmer im tiefen Wasserbecken“, sagt Christina Seipt.

Taschen, Mützen, Hüte, Gürtel, Regenmäntel und Gehstöcke ergänzen inzwischen ihr Schirmrepertoire vom kunterbunten Kinderschirm bis zum Designerstück. Mit manchem Kunstgriff macht sie auch kaputte Schirme noch immer flott und arbeitet gelegentlich für Theaterrequisiten. „Meine Tochter hat das Schirmmacherhandwerk noch gelernt“, sagt Seipt. Doch im Laden ihrer Mutter sieht sie keine Zukunft. Das Geschäft mit dem Regen bräuchte dringend einen Rettungsschirm.

www.schirm-dunger.de