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„Mit Sicherheit neue Seh- und Hörerlebnisse“

Andere Häuser pausieren. Doch die Semperoper spielt und reduziert ab September Werke auf ihre Essenz.

Die Semperoper plant nach der Sommerpause einen Corona-Ersatzspielplan von „musikalischem Weltniveau“, so Intendant Peter Theiler.
Die Semperoper plant nach der Sommerpause einen Corona-Ersatzspielplan von „musikalischem Weltniveau“, so Intendant Peter Theiler. © Ronald Bonß

Mit einem modifizierten Spielplan, aber so viel Musiktheater wie unter Corona-Bedingungen möglich, wird die Semperoper Dresden ihr Publikum nach der Sommerpause zurück im Haus begrüßen. Am Dienstag stellte Intendant Peter Theiler die Vorhaben zunächst für die Monate September und Oktober vor. Sie sehen unter dem Motto „Semper Essenz“ gekürzte Fassungen von Opern vor, die entweder konzertant oder halbszenisch gegeben werden. Es gehe darum, Fantasie beim Publikum freizusetzen, so Theiler. „Die klare Fokussierung auf die Essenz der Werke wird uns allen mit Sicherheit auch neue und ungewohnte Seh- und Hörerlebnisse bescheren.“ Unter den 45 Abenden in den beiden Monaten sind zudem Konzerte der Staatskapelle, Liederabende und Galaabende des Ballettensembles.

Damit ist die Staatsoper das bislang einzige große Opernhaus weltweit, das ab September regelmäßig spielen wird. „Als mit Steuergeldern finanziertes Theater sind wir es den Menschen im Freistaat schuldig, alle Mittel auszuloten, um präsent zu sein. Wir wollen spielen und müssen es.“ Theiler hofft, dass ab November der Spielbetrieb unter normalen Bedingungen wieder möglich ist. Falls nicht, werde der „Essenz“-Modus fortgesetzt.

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Oper so lang wie ein Fußballspiel

Die Corona-Vorgaben engen die Möglichkeiten von Aufführungen stark ein, wie jüngst schon bei konzertanten „Don Carlo“-Abenden und Kapellkonzerten praktiziert. Nur 330 Zuschauer dürfen in den Saal. Die Aufführungsdauer darf 90 Minuten nicht überschreiten, die Sänger müssen einen Mindestabstand von sechs Metern einhalten. Vor dem Orchestergraben gibt es eine Demarkationslinie, so Theiler, damit Gesangssolisten auf Distanz zum nur klein besetzten Orchester bleiben. Die Kostüme der Akteure müssen bei 60 Grad waschbar sein. Der Chor darf in voller Stärke nicht auf die Bühne und wird bei Bedarf in kleinerer Besetzung von der Probebühne aus zugeschaltet. Zu erleben sind wesentliche Arien und Ensembles der Puccini-Opern „Madama Butterfly“ und „Tosca“, aus Tschaikowskis „Eugen Onegin“ und aus den Mozart-Hits „Die Entführung aus dem Serail“ und „Don Giovanni“. Diese Best-Of-Produktionen seien keine Verlegenheitslösung. Die Musiker der Staatskapelle und die Sänger des Hauses „garantieren die hohe Qualität, für die der Name der Semperoper steht – musikalisches Weltniveau“. 

Zudem kommen faszinierende Gäste. So gibt Anja Harteros, die berühmte Sopranistin, einen Liederabend. Meisterpianist András Schiff gestaltet ein Recital. Zu erleben sind dem Theater lange verbundene Stars wie Roberto Scandiuzzi und Georg Zeppenfeld. Die Staatskapelle arbeitet unter anderem mit Dirigenten wie Jonathan Darlington und Omer Meir Wellber. In die Semperoper statt wie gewohnt in die Kammerspielstätte Semper Zwei sind die Freunde des „Fenster aus Jazz“ eingeladen. Musiker Günter „Baby" Sommer will mit dem Schriftsteller Christoph Hein einen Abend unter dem Titel „Verwirrnis“ gestalten.

Premierenstau auf Jahre

Sollte ab November der Spielbetrieb unter normalen Bedingungen wieder möglich sein, kommen die in der vergangenen Spielzeit abgesagten Inszenierungen „Don Carlo“ und „Wie werde ich reich und glücklich?“ noch in der Spielzeit 2020/21 zur Premiere. Die für Oktober geplante Kammeroper „Weiße Rose“ von Udo Zimmermann verschiebt sich auf den 8. November. Sollte die Vorstellung nicht wie geplant in Semper Zwei stattfinden können, wird das Werk auf der großen Bühne des Opernhauses gegeben. Die Neuproduktionen von „Die andere Frau“ und „Madama Butterfly“ sind für die darauffolgende Saison avisiert. Theiler spricht von einem Premierenstau. Das weitere Programm der kommenden Spielzeit ab November 2020 wird sukzessive bekanntgegeben.

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Der Intendant rechnet auch wegen der langen Zwangspause und der dann notwendigen Reduzierung der Zuschauerzahl mit Einnahmeverlusten in Millionenhöhe. Es gebe jedoch deswegen keinen Druck und keine Vorgaben seitens des Freistaates Sachsen als Träger der Oper, wie die Mittel eingespart werden sollten.

Der Kartenverkauf für den Ersatzspielplan beginnt am 7. Juli ab 10 Uhr. Die Karten können schriftlich oder online unter semperoper.de bestellt werden. Nicht gültig sind bisherige Tickets für die Saison 2020/21. Sie werden zurückgenommen.

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