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Mit Supernasen gegen Autoschieber

Mantrailer-Hunde haben einen herausragenden Geruchssinn. Die Polizei nutzt die Tiere immer öfter, um Verdächtige zu überführen.

Bloodhound-Hündin Hermine kann die Witterung von einem Menschen auch noch Monate später aufnehmen.
Bloodhound-Hündin Hermine kann die Witterung von einem Menschen auch noch Monate später aufnehmen. © Bereitschaftspolizei Dresden

Eine Straße in Dresden. Das Polizeiteam spult ihr eingeübtes Programm ab. Hauptmeister Ralf B. hält seiner Partnerin ein Glas vor die Nase, das der 47-Jährige soeben geöffnet hat. Schon zieht die Kollegin mit der kalten Schnauze die Leine straff, Hermine, eine fünfjährige Bloodhound-Dame. Sie nimmt auf dem Fußweg der Sosaer Straße Witterung auf und läuft los.

Mitte April 2019 wurde an dieser Stelle ein Renault Megane gestohlen. Im Oktober 2019, ein halbes Jahr danach, kann Ralf B. seine Hündin kaum halten. Sie läuft die Straße entlang, gut beobachtet von einem dritten Kollegen, der mit seiner Kamera filmt, wie der Hund die alte Spur verfolgt. Mehrere Hundert Meter zieht Hermine, bleibt mal kurz stehen, sucht, zieht wieder los, biegt an mancher Straßenecke ab: Ralf B. ist sicher, seine Hündin hat soeben den Verdächtigen überführt. Wann der dort war, kann sein Bloodhound natürlich nicht sagen. Aber Hermine bestätigt, dass der Verdächtige am Tatort war.

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Das Video dieses Einsatzes und zahlreiche weitere waren wichtige Beweismittel in einem Prozess gegen drei Autodiebe am Landgericht Dresden. Die Männer waren im Juli 2019 auf frischer Tat mit zwei gestohlenen Nissan Qashqai kurz vor der Ausreise nach Dresden erwischt worden. In ihrem Gepäck stellte die Polizei ein Notizbuch sicher, in dem 40 Tatorte und Beuteautos aufgelistet waren, und ein Navigationsgerät, auf dem Dutzende Diebesfahrten der polnischen Autoschieber im vergangenen Jahr nach Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen dokumentiert waren.

Nach dem Einbruch im Grünen Gewölbe war Hermine auch im Einsatz.
Nach dem Einbruch im Grünen Gewölbe war Hermine auch im Einsatz. © Tino Plunert

Für die Ermittler war das ein großartiger Fund. Die Täter hatten die Beweise für eine ganze Reihe Diebstähle gleich mitgeliefert. Doch waren die Verdächtigen persönlich auch an den Tatorten? Diese Frage wurde bisher oft mittels Mobilfunkzellenabfragen beantwortet. Inzwischen gibt es ein wesentlich genaueres Mittel: Personensuchhunde, neudeutsch Mantrailer genannt. Das sind Hunde, die auf individuelle menschliche Gerüche reagieren. Sie können die Witterung auch noch nach Monaten, manche behaupten sogar nach Jahren, aufnehmen.

Individualgeruch wird aufgenommen

In der „Sonderkommission Kfz“ des Landeskriminalamts etwa werden Hundeführer Ralf B. aus Zwickau und seine Kollegen immer öfter angefragt. „War der Einsatz von diesen speziell ausgebildeten Hunden vor einigen Jahren noch eine absolute Besonderheit, so gehört er inzwischen mit zum Standard in der Beweisführung“, heißt es dort. Acht Mantrailer gibts es unter den 145 Diensthunden der sächsischen Bereitschaftspolizei, zwei von ihnen haben ihre dreijährige Ausbildung noch nicht abgeschlossen.

Es sind alles Bloodhounds, wobei sich auch viele andere Rassen für diese Aufgabe eignen. Der Bloodhound sei jedoch die Züchtung mit den meisten Riechzellen, sagt Hundeführer B. Auch die Staatsanwaltschaft ist von den Mantrailern als Beweismittel überzeugt. „Die Hunde besitzen die Fähigkeit, den am Geruchsträger befindlichen menschlichen Individualgeruch aufzunehmen“, sagt Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden: Die Verfolgung des Geruchs sei auch nach längeren Zeiträumen möglich – selbst dann, wenn sich die zu suchende Person in einem Auto vom Tatort fortbewegt hat. Das war etwa im Juni 2011 zu erleben, nachdem Erpresser aus Polen im Dresdner Ikea-Möbelhaus einen Sprengsatz gezündet hatten. Drei Wochen nach der Tat hatte die Polizei Mantrailer angefordert, damals von einer privaten Hundeführerin, weil die sächsischen Hunde noch nicht ausgebildet waren. Sie schnupperten an dem Sprengsatz, liefen dann in die Dresdner Innenstadt – und von dort auf die Autobahn 4 Richtung Polen.

In einer Tiefgarage sollte der Personensuchhund auf die Spur der Diebe kommen, nachdem sie ihr Fahrzeug dort angezündet hatten.
In einer Tiefgarage sollte der Personensuchhund auf die Spur der Diebe kommen, nachdem sie ihr Fahrzeug dort angezündet hatten. © Tino Plunert

Auch nach dem Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe war Ralf B. mit Hermine in Dresden. Einen Tag nach dem wohl spektakulärsten Dresdner Einbruch Ende November 2019 sollte Hermine herausfinden, welchen Weg die Diebe eingeschlagen haben, nachdem sie ihr Fahrzeug in einer Tiefgarage angezündet hatten. Doch leider hat Hermine die Spur verloren. Die Polizei sucht noch immer nach den königlichen Diamanten und den Tätern.

Die ersten sächsischen Dienst-Mantrailer sind seit 2012 im Einsatz. Ralf B.s Hund war einer der ersten. Dringende Einsätze sind die Suche nach vermissten Personen oder entführten Kindern, wenn Leib und Leben auf dem Spiel stehen. Doch immer öfter wird auch für die Tatrekonstruktion und Beweisführung auf die Fähigkeit der Hunde zurückgegriffen – nicht nur bei Autodieben, sondern etwa auch bei Brandstiftungen oder Automaten-Sprengungen.

Kriterien für Beweiskraft

Die Gerichte tun sich noch schwer damit, die Leistungen der Hunde anzuerkennen. Im aktuellen Prozess gegen die Autodiebe etwa wertete das Gericht die Beweiskraft der Hunde nur für Taten, bei denen die Spuren maximal ein halbes Jahr alt waren – und auch nur, wenn zwei Hunde am Tatort positiv reagiert haben. Neben den Hundeführer als Zeugen wurde auch ein Sachverständiger für Mantrailer angehört.

Der berichtete etwa, dass Menschen pro Minute zigtausende kleinste Hautpartikel verlieren. Es sei heute noch unerforscht, wie genau sich ein Geruch zusammensetzt. Aber es sei empirisch belegt, dass die Hunde diesen Geruch selbst nach Monaten noch aufnehmen können.

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Die Kriterien für die Beweiskraft hat das Landgericht Nürnberg in einem Prozess 2012 aufgestellt. Danach müssen die Hunde unter anderem eine bestimmte Ausbildung haben, die Geruchsspur muss unmittelbar vom Körper des Verdächtigen stammen, am Tatort müssen zwei Hunden unabhängig voneinander dieselbe Spur aufgenommen haben – und der Einsatz muss jeweils gefilmt worden sein, damit die Reaktionen der Tiere im Prozess nachvollzogen werden können.

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