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Mit Waschbrettern zum Industriebetrieb

Mit der Übernahme einer Klempnerei legte der Dresdner Arno Hentschel 1943 den Grundstein für die heutige „Arno Hentschel GmbH Blechwarenfabrik und Werkzeugbau“ in Oberoderwitz.

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Von Torsten Töpler

Sie ist alt geworden, die kleine Fabrik inmitten schmucker Häuschen und Vorgärten. Hier, in der Oberoderwitzer Dorfstraße, fing alles einmal an. Mit zwei Händen und einem Kopf voller Ideen krempelte ein junger Dresdner 1943 sein Berufsleben um. „In der Zeitung habe ich gelesen, dass jemand gesucht wird, der eine Klempnerei übernimmt“, erinnert sich der fast 90- jährige Arno Hentschel. Als heimgekehrter Kriegsinvalide drehte er deshalb seiner Heimatstadt den Rücken und übernahm die Firma. Einzige Bedingung für den Erhalt einheimischer Arbeitskräfte: „Ich musste natürlich auch einen Teil Rüstungsindustrie machen.“

Erst mit Kriegsende konnte sich Arno Hentschel ganz den zivilen Dingen widmen. Töpfe, Eimer und Haushaltgeräte setzte er zunächst in Stand, bis er 1950 eine Feuerverzinkerei in Betrieb nahm. Manche seiner Eimer, Waschbretter, Gieß- und Wasserkannen sind noch heute in Haushalten zu finden. Marktlücken fand er fast immer. „Ich hatte in der DDR ein Patent auf das Dachlaufrost“, beschreibt er die metallenen Trittbahnen für Schornsteinfeger. „Damit habe ich die ganze DDR beliefert.“

Auch in anderen Bereichen deckte er Bedarfslücken. Mit der zunächst halben Firmenbeteiligung und letztlich der Zwangsenteignung 1972 antwortete der Staat auf seine Geschäftstüchtigkeit. Die auf insgesamt drei Produktionsgebäude aufgestockte Firma wurde VEB Blechwarenfabrik und ihr einstiger Gründer Betriebsdirektor. „Mit 65“, weiß der Geschäftsführer der heutigen Arno Hentschel GmbH, „ist er dann 1978 in den Ruhestand gegangen.“ Seit dem Jahr 2000 lenkt Heiner Schwaar die Geschicke des 1990 reprivatisierten Oberoderwitzer Unternehmens. Für 1,5 Millionen Euro wurde in den letzten vier Jahren der Maschinenbestand modernisiert. Enormer Leistungszuwachs war die Folge. Deshalb liebäugelt der 52-jährige Geschäftsführer bereits mit einem Zweischichtbetrieb der Stanzerei. Doch das ginge dann nicht mehr in den mitten im Ort gelegenen Produktionsgebäuden, lässt Heiner Schwaar durchblicken.

„Der Werkzeugbau schafft die Voraussetzung für unsere Stanzerei“, beschreibt er den zweitwichtigsten Bereich. Denn Konstruktionsbüro und Werkstatt planen und bauen nicht nur für bundesweite Kunden erforderliche Umformwerkzeuge und Vorrichtungen. Sie werden auch für die eigenen 750 verschiedenen Stanzartikel aus Stahl, Edelmetall, Aluminium oder Kupfer entwickelt. Oft kleinere Endprodukte, die in verschiedensten Industriebranchen Anwendung finden. So zum Beispiel bei der Automobilherstellung, im Heizungs- und Sanitärbereich und ebenfalls beim privaten Heimwerker. Der studierte Maschinenbauingenieur zeigt ein Prospekt: „Pfostenträger und Holzverbinder in unterschiedlichen Ausführungen sind auch in unseren Baumärkten zu finden.“ So steht beispielsweise auch manches heimische Carport mit denen erst auf sicheren Füßen. Doch das Hauptabsatzgebiet sind die westlichen Bundesländer, Westeuropa und Skandinavien. Zum ursprünglichen Unternehmen Arno Hentschels eine fast völlig neue Ausrichtung, erklärt Heiner Schwaar.

Klar stellt man auch noch die guten alten Gitterroste her. „In vielfältigsten Formen und nach weitaus anderen Normungen und Vorschriften“, betont Schwaar. Mit dem Firmengründer trifft er sich hin und wieder. Denn Arno Hentschel ist noch Mit-Geschäftsführer. Auch die Umsatzstatistiken wolle er regelmäßig sehen. Schwaar: „Er steht immer noch mit Rat und Tat zur Seite.“ Und der fast 90-Jährige hat auch ein Herz für Mitmenschen mit Behinderungen. Mit 40 Prozent seiner Geschäftsanteile gründete er 1998 die Arno-Hentschel-Stiftung, die er dem Großhennersdorfer Katharinenhof übertrug.