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Mix aus Arbeiten und Wohnen im Grünen

Coswig will alle Projekte weiter führen und keine Kredite aufnehmen – Oberbürgermeister Thomas Schubert im Gespräch.

Bis jetzt ganz zufrieden damit, wie die Coswiger Firmen durch die Krise gekommen sind – Coswigs Oberbürgermeister Thomas Schubert im Park der Villa Teresa.
Bis jetzt ganz zufrieden damit, wie die Coswiger Firmen durch die Krise gekommen sind – Coswigs Oberbürgermeister Thomas Schubert im Park der Villa Teresa. © Norbert Millauer

Wie sind Ihrer Kenntnis nach, die Firmen in der Stadt durch die Krise gekommen?

Das Bild, das ich derzeit habe, ist, dass wir im produzierenden Gewerbe offensichtlich sehr gut durch die Krise gekommen sind. Es gab relative wenige Unternehmen, die Kurzarbeit angemeldet hatten, sondern durchgängig produziert haben. Es gab eher Engpässe dadurch, dass Mitarbeiter zur Betreuung ihrer Kinder zu Hause bleiben mussten. Mehr Sorgen mache ich mir um den Einzelhandel und den Dienstleistungsbereich. Sie sind härter von der Krise getroffen worden und verfügen meist nicht über eine sehr große Kapitaldecke. Ob ihnen die aufgelegten Hilfsprogramme helfen, vermag ich nicht einzuschätzen. Zumindest sind mir in Coswig kein Laden und kein Betrieb bekannt, der wegen Corona insolvent gegangen wäre.

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"Was hast du zu essen mit, Mama?"
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Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Auf welche Informationen stützen Sie Ihre Einschätzung?

Das Bild, das ich gerade gezeichnet habe, ist wohl nicht ganz falsch. Denn Unternehmen zahlen ja Steuern. Wenn sie Probleme haben, melden sie sich üblicherweise bei der Verwaltung. Wir hatten zahlreiche Stundungsanträge, aber nur etwa die Hälfte der Firmen hat die Stundung dann auch wirklich wahrgenommen. Ein paar Firmen haben ihre Vorauszahlungen auf die Gewerbesteuer herabgesetzt. Bis jetzt bin ich ganz zufrieden, wie die Coswiger Firmen durch die Krise gekommen sind.

Wie sehen Sie Coswig generell von seinem Selbstverständnis her - eher als einen Industrieort?

Zu DDR-Zeiten war Coswig eine Industrie- und Gartenstadt. Heutzutage muss man das Wort Industrie durch Gewerbe austauschen. Die klassische Industrie haben wir fast vollständig verloren. Viele Betriebe, die einst das Stadtbild geprägt haben, haben die Wende nicht überlebt. Ich bin gebürtiger Coswiger, ich erinnere mich noch an den Geruch, der etwa vom Zellstoffwerk ausging. Die Stadt Coswig hatte nach 1989 das Credo, Industriebrachen wieder zu entwickeln und das haben wir bis heute durchgehalten.

Wie hat sich der andere Aspekt, der im Wort Gartenstadt steckt, entwickelt?

Coswig war der einzige Standort im DDR-Kreis Meißen, der in größerem Maßstab industriellen Wohnungsbau hatte. Die Neubaugebiete prägen ja unser Stadtbild bis heute. Es gab mit den 1990er Jahren viel zu tun, die Wohnungen mussten saniert und neue Angebote für die verschiedensten Bedürfnisse waren zu schaffen. Unser Slogan „Junge Stadt am grünen Rande Dresdens“ greift diese Entwicklungen auf. Es ist dieser Mix aus Arbeitsstätte und Wohnort im Grünen, nah an der Landeshauptstadt, der Coswig ausmacht.

Was wollen Sie im zweiten Halbjahr in der Stadt anpacken?

Die Sporthalle am Spitzgrund ist eines unserer großen Projekte, das wir bis Sommer fertigstellen wollen. Die Halle selbst ist ja fertig und wird genutzt, nun geht es darum, das alte Gebäude abzubrechen und die Außenanlagen zu gestalten. Wir stehen beim Straßenbau vor der Fertigstellung einiger großer Vorhaben wie der Industriestraße. Noch bevor steht uns ab September die Sanierung der Weinböhlaer Straße, eine Gemeinschaftsaufgabe mit dem Freistaat, bei der wir die Fußwege finanzieren. Dass der Stadtrat im Mai das Stadtentwicklungskonzept für den Spitzgrund beschlossen hat, ist die Voraussetzung dafür, dass wir Fördermittel beantragen und ab nächstem Jahr bauen können. Und nicht zu vergessen – wir bauen an der Salzstraße einen neuen Kindergarten.

Wie stellen Sie sich die Entwicklung der Mobilität in Coswig vor?

Ich glaube, dass sich Mobilität in der Zukunft ändern wird, und zwar stärker in den Großstädten als im ländlichen Raum. Da ist der Individualverkehr immer noch die Hauptverkehrsform. Wir haben in Coswig im öffentlichen Nahverkehr eine hervorragende Ausstattung, was auch sehr gut genutzt wird - insbesondere für die Wege zur Arbeit. Aber das Bedürfnis der Bevölkerung, am Individualverkehr teilzunehmen, bleibt natürlich. Aber wir merken auch, dass es junge Familien gibt, die aus den Großstädten zu uns ziehen, die lieber Autos im Bedarfsfall mieten würden oder gänzlich darauf verzichten wollen, die den öffentlichen Nahverkehr bzw. das Fahrrad bevorzugen. Leider ist es uns noch nicht gelungen, einen Partner für Carsharing zu finden, dafür ist die Nachfrage dann noch zu gering. Wir wollen das Radwegenetz in Coswig weiter ausbauen, das wird auch bei der Sanierung der Weinböhlaer Straße eine Rolle spielen.

Wie sehen Sie Coswig aktuell aufgestellt?

Wir können im Wesentlichen alle Projekte weiter führen, die wir begonnen oder uns für 2020 vorgenommen haben, und wir müssen keine Kredite dafür aufnehmen. Bislang helfen uns die Programme von Land und Bund. Wir wollen weiterhin eine grüne Stadt bleiben und trotzdem Entwicklungsmöglichkeiten für Wohnen und Gewerbe anbieten. Wir wollen eine junge und moderne Stadt bleiben, und als Verwaltung müssen wir den notwendigen Wandel begleiten und mitgestalten. Deshalb werden wir die landkreisweit längsten und bürgerfreundlichsten Öffnungszeiten des Rathauses beibehalten.

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